Philip Kerr, viel Fußball, ein Mord und „Der Wintertransfer“

Kerr - Der Wintertransfer - 2

Sogar mir als Mitglied der Fußball-ist-mir-egal-Fraktion (außer natürlich wenn es um Bürgerrechte, Polizeirepression, Gewalt und Korruption geht) fällt auf, dass Fußball einerseits ein Milliardengeschäft ist, andererseits aber kaum Romane über Fußball geschrieben werden. Dabei ist das Spiel und sein Umfeld doch ein ideales Biotop für spannende Geschichten.
Jetzt hat Philip Kerr mit „Der Wintertransfer“ eine im Fußballmilieu spielende Detektivgeschichte geschrieben. Scott Manson ist Co-Trainer beim Premier-League-Verein London City, der inzwischen dem ukrainischen Milliardär Viktor Jewegenowitsch Sokolnikow gehört. Nach Medienberichten ist er ein Oligarch mit mehr als guten Kontakten zum Organisierten Verbrechen, weshalb das mitten auf dem Spielfeld des Vereins ausgehobene Grab auch als ein Signal an Sokolnikow, von Russenmafiosi an Russenmafiosi, verstanden wird. Auch wenn es als Warnung arg theatralisch daherkommt und in dem Grab ein Bild von Joao Zarco, dem Trainer des Vereins liegt. Zarco ist in der Öffentlichkeit vor allem als kein Blatt vor den Mund nehmende Choleriker bekannt. Aber er ist auch ein guter Trainer und ein Freund von Manson.
Kurz darauf ist er tot. Er wurde in einem abgelegenen Raum des Stadions zu Tode geprügelt. Täter und Motiv sind vollkommen unklar.
Sokolnikow bittet Manson, den Mörder zu suchen. Denn in so einem Fußballverein gibt es viele Geschichten, von denen die Polizei und die Öffentlichkeit (via einem Informanten bei der Polizei) nichts erfahren muss.
Außerdem ist gerade der titelgebende Wintertransfer, eine Zeit von wenigen Wochen, in denen Vereine wie blöde Spieler kaufen und verkaufen. Da würde negative Presse sich negativ auf die Verkaufspreise auswirken.
Die meisten werden Philip Kerr über seine Bernie-Gunther-Romane, die sogenannte „Berlin Trilogie“ (oder „Berlin Noir“), die zwischen 1989 und 1991 erschien, kennen gelernt haben. Nach einer fünfzehnjährigen Pause schreibt Kerr inzwischen wieder regelmäßig neue Gunther-Romane die während und nach der Hitler-Diktatur spielen und die, als Hardcover bei Wunderlich (zuletzt „Wolfshunger“) und als Taschenbuch bei rororo (dort erscheint die Taschenbuch-Ausgabe von „Wolfshunger“ Ende November) erscheinen. Ich lernte Kerr über seine ab 1992 erschienenen Einzelromane, wie „Das Wittgenstein-Programm“, „Game Over“ und „Esau“, kennen. Es sind gut recherchierte Thriller, in denen Kerr Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verbindet und von Buch zu Buch, manchmal auch in Richtung Science-Fiction gehend, zwischen den verschiedenen Thriller-Subgenres wechselt.
Das gilt auch für „Der Wintertransfer“, der von seiner Struktur her ein klassischer, gut konstruierter Rätselkrimi ist, bei dem die Spuren und falschen Spuren gut gelegt sind.
Dazu kommen viele Informationen über Fußball, die oft monologisierend präsentiert werden. Manchmal weil ein Trainer oder eine andere wichtige Person gerade eine Ansprache hält oder jemand anderes, beispielweise einer nicht-fußballbegeisterten Polizistin, etwas erklären will. Das hat oft die Qualität eines Zeitungskommentars, der sich vor allem an den Leser, mal als Fußballfan, mal als Nicht-Fußballfan, richtet und so in der Realität oft nicht gesprochen würde.
Über diese Fußballfakten und Spielbeschreibungen (so gibt es kurz vor der Auflösung ein in jeder Phase detailliert beschriebenes Spiel gegen West Ham, das Manson, abgesehen von einem Blick auf die Gästeliste, nicht einen Schritt näher an die Lösung, aber seine Mannschaft vielleicht näher an den Ligapokal bringt) gerät dann der Rätselplot immer wieder in den Hintergrund. Aber so habe ich genug über Fußball erfahren, um bei den nächsten Gesprächen mit Hintergrundwissen zu punkten.
Und Kerr, selbst ein bekennder Fan, hat Gefallen an Manson und dem Fußballmilieu gefunden. In England sind bereits zwei weitere Manson-Romane erschienen.

Philip Kerr: Der Wintertransfer
(übersetzt von Axel Merz)
Tropen, 2015
432 Seiten
14,95 Euro

Originalausgabe
January Window
Head of Zeus, London, 2014

Hinweise
Homepage von Philip Kerr
Krimi-Couch über Philip Kerr (nicht so aktuell)
Wikipedia über Philip Kerr (deutsch, englisch)

6 Antworten zu Philip Kerr, viel Fußball, ein Mord und „Der Wintertransfer“

  1. Hi,

    du hattest den ja letzt schon erwähnt und nur deshalb bin ich darauf aufmerksam geworden, dass Kerr sich wieder einem anderen Thema widmet. Sofort eingekauft. Liest sich gut, komm aber wegen selbstschuldetem Missmanagement meiner Freizeit nicht so richtig vorwärts. Aber wer was mit Fußball am Hut hat, erkennt etliche Figuren bzw. die Vorbilder sofort und das Name-Dropping macht richtig Spaß. Und jedes Thema wird ja zumindest angekratzt. Schwule Fußballer, „grundehrliche“ FIFA, milliardenschwere Klubbesitzer und natürlich das liebe Geld sowie teilweise strunzdoofe Profis oder wie es hieß „unterbelichtet und überbezahlt“. Und ja, der Ermordete wurde ja regelrecht als jemand skizziert, der sich seinen Mörder selbstmacht und als Casting dafür ganz England eingeladen hat. Verdächtige gibt es wirklich genug.

    Gruß
    Günter aka Harry

  2. AxelB sagt:

    Stimmt, für Nicht-Fußballfans sollte es Fußnoten geben, in denen die Vorbilder genannt werden.

  3. Wohl war. Wären recht viele. Nicht nur der Namen der Spieler wegen, mit denen er hier richtiggehend hausieren geht, auch Sachen wie das „geteilte“ Liverpool (zwei Vereine – Fc Liverpool und FC Everton) oder „Yids“ für Tottenham Hotspur, weil die gegnerischen Fans denen gerne unterstellen, nur Juden in ihren – den Spurs-Fans – Kreisen zu haben usw.

    Gruß
    Günter aka Harry

  4. AxelB sagt:

    StoppStoppStopp. Das musst du alles in deiner Besprechung verarbeiten.
    Vielleicht als Gewinnspiel…

  5. […] So schreibt AxelB von der Fußball-ist-mir-egal-Fraktion: Hier […]

  6. Carol sagt:

    zur Ergänzung: mittlerweile gibt es zwei weitere Titel mit und um Scott Mason: „Hand of God“ (überwiegend hochinteressante griechische Fussballkulisse) und „False Nine“ (spanisches und internationales Fussballgeschäft,m.E. etwas schwächer…)Aber es zeichnet sich ab,dass Scott zu „seinem“ Club auf die Insel zurückfinden wird……man darf gespannt sein!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: