„Blood & Bone“, Mord & Totschlag

Peterson - Blood & Bone - 2

Mark Petersons zweiter Kriminalroman mit Detective Sergeant Minter ist wie ein deutscher TV-Krimi. Und das ist kein Lob. Denn nach dem Mord in den ersten Minuten, beziehungsweise auf den ersten Seiten, gibt es Szenen über Szenen, von denen keine die Handlung erkennbar voranbringt, die aber die Zeit zwischen Mord und Aufklärung so lange füllen, bis in den letzten Minuten der Kommissar den Mörder überführt, weil die neunzig Minuten gleich um sind. Als Kritiker kann man jetzt gerade die Prämisse erwähnen („Eine verstümmelte Frauenleiche wird am Bahnhof in einem Koffer gefunden. Die Polizei ermittelt.“) oder fast die gesamte Handlung verraten, weil man erklärt, wie die einzelnen Szenen und Subplots miteinander oder eben nicht miteinander zusammen hängen.
Ein Beispiel gefällig? In Mark Petersons „Blood & Bone“ erfahren wir viel über die Frühstücksmoderatorin Abi Martin, ihre Sendung, ihre geplanten Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung, später über ihren Freund und, noch später, über ihr Verhältnis zu ihrer dreizehnjährigen Tochter. Warum das irgendwie für die Mordermittlung von Minter und seinem Vorgesetzten DCI Tom Beckett, die herausfinden wollen, warum jemand in Brighton junge Frauen ermordet und verstümmelt, wichtig sein kann, erfahren wir nicht. Wir erahnen es noch nicht einmal. Peterson füllt hier einfach nur Seiten mit Banalitäten, die klassisches „Seiten, die der Leser überblättert“-Material sind. Auf Seite 159 verschwindet dann Morgans Tochter (sagt jedenfalls ihr Freund am Telefon) und endlich ergibt dieser Subplot, auch wenn die Ermittlungen der Polizei erst langsam anlaufen, einen Sinn.
Der geübte Krimileser vermutet natürlich einen Zusammenhang zwischen den Morden und der verschwundenen Dreizehnjährigen. Er plottet schon einmal weiter, während eine andere Polizeieinheit durch die normale Ermittlungsroutine bei einem verschwundenen Teenager geht, die mit dem Mordfall nichts zu tun hat, aber weitere Seiten füllt. Ach ja: bevor Vicky Reynolds, die Opferberaterin der Polizei, zu diesem Einsatz gerufen wird, trifft sie sich mit ihrer Mutter für ein Mutter-Tochter-Gespräch. Mit den Kriminalfällen hat das nichts zu tun. Es ist nur die klassische Szene, in der wir erfahren, was der Ermittler vor seiner Arbeit getan hat und die uninteressantes Füllmaterial ist.
In dem Moment haben wir schon über die Hälfte des Romans gelesen, aber in der Hauptgeschichte gibt es bislang außer mehreren Leichen, über die wir nichts wissen, und einem paranoid-schizophrenem Verdächtigen, der es aufgrund seiner Krankheit nicht gewesen sein kann, keinen Verdächtigen und auch keinen Ermittlungsansatz. Kurz: die Polizei stochert im Nebel, während wir schon dank der Rückblenden, die 1992 in Oxford beginnen, ahnen, dass Martin Blackthorn, ein Biochemie-Student, und John Slade, ein empathiefreier Zehnjähriger, wohl irgendetwas mit den Morden zu tun haben. Und, ja, sie haben etwas damit zu tun. Was von dem in der zweiten Hälfte des 350-seitigen Buches in epischer Langatmigkeit ausgebreiteten Entführungsfall nicht behauptet werden kann.
Die Serienmorde und deren Auflösung interessieren Peterson in der zweiten Romanhälfte nicht mehr sonderlich. So lässt er die Mordermittlungen mal schlappe fünfzig Seiten links liegen und, nachdem eine weiter Frauenleiche gefunden wird, beschäftigt er sich, nach drei Seiten, wieder, fünfzehn Seiten, mit irgendwelchen Ermittlungen über die Herkunft von Martins Tochter. Denn vielleicht hat ihr spurloses Verschwinden etwas mit ihrem wahren Vater, einem anonymen Samenspender, zu tun.
Wer jetzt glaubt, dass Mark Peterson die verschiedenen Handlungsstränge zu einer überraschenden Lösung zusammenführen wird, wird enttäuscht. Das Privatleben der Ermittler wird ja sowieso nur ausgebreitet, um im nächsten Roman weiter erzählt zu werden. Ein weiterer Subplot mit einem korrupten Kollegen von Minter hätte man, wie die gesamte Entführungsgeschichte streichen können. Immerhin ist die Jagd noch einem Serienmörder, der der Polizei täglich eine neue Leiche präsentiert, eigentlich romanfüllend.
Die wenigen Verbindungen zwischen den einzelnen Plots sind eher zufällig und gewollt; auch wenn man „Blood & Bone“ als typischen Polizeiroman mit mehreren, parallelen Fällen betrachtet. Das ist er, dank der konsequenten Missachtung der Polizeiarbeit, ebenfalls nicht. Das Ende ist dann holterdipolter und weil die Täter mit ihrer Überführung auch gleich das Zeitliche segnen, erfahren wir nichts Wesentliches über ihre Motive.

Mark Peterson: Blood & Bone
(übersetzt von Karen Witthuhn)
rororo, 2015
352 Seiten
10,99 Euro

Originalausgabe
A Place of Blood and Bone
Orion Books, 2013

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