Neu im Kino/Filmkritik: „The Walk – Eine wahre Geschichte“ zwischen zwei Wolkenkratzern

Der Erzähler steht auf der Freiheitsstatue, im Hintergrund sehen wir das World Trade Center und er begrüßt uns (im Original) mit einem fürchterlich dickem französischen Akzent, der ihn gleich als einen Blender abstempelt. Und das ist Philippe Petit auch. Irgendwie. Denn der Franzose ist ein Hochseilartist, einer der mit kleinen Kunststücken und Variete-Nummern, die er in seiner Anfangszeit im Zirkus (seltener) und auf der Straße (öfter) aufführte. Natürlich ohne sich um irgendwelche Genehmigungen zu kümmern. Was zum ständigen Ärger mit den Ordnungshütern führt. Er ist einer, der das große Publikum sucht. Es unterhalten und erfreuen will. Sein Tanz zwischen den Türmen des Notre Dame war nicht genehmigt. Die Menschen blieben stehen und klatschten. Auf die Schlagzeilen, die ihn auch bei der Verhaftung zeigen, ist Petit stolz.
Aber er sucht nach einer größeren Herausforderung und da entdeckt er beim Zahnarzt in einem Magazin einen Artikel über das sich im Bau befindende World Trade Center. Petit will, vor der Eröffnung und natürlich ohne irgendeine Genehmigung, zwischen den beiden Türmen tanzen. In 417 Meter Höhe auf einem ein Zoll breitem Seil.
„The Walk“ von „Zurück in die Zukunft“-Regisseur Robert Zemeckis erzählt die wahre Geschichte von Philippe Petit (erzählt aus seiner Sicht) und seinem Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Center, den er am 7. August 1974 durchführte. Letztendlich tanzte er 45 Minuten zwischen den Türmen, ehe er sich in die Hände der ängstlich wartenden Polizisten begab und am nächsten Tag die Schlagzeilen beherrschte. Denn ihm gelang es mit seinem tollkühnen (um nicht zu sagen wahnsinnigen) Akt, die sich von nichts ablenkenden und ins Erstaunen versetzenden New York auf dem Weg zur Arbeit zum Stillstehen zu bewegen.
Zemeckis, dem schon während des gesamten Films immer wieder spektakuläre Bilder gelingen, die die Schwindelfreiheit des Zuschauers auf eine harte Probe stellen, zeigt im dritten Akt, Petits Drahtseilakt so realistisch, dass man, auch wenn man sich bis dahin für schwindelfrei hielt, jetzt daran zweifelt. Außerdem schwitzt man, obwohl man im sicheren Kinosessel sitzt und weiß, wie die Geschichte endete, Wasser und Blut und hat, wenn Petit sich auf dem Seil noch einmal umdreht und vor den Polizisten zum anderen Wolkenkratzer wegläuft, nur einen Gedanken hat: „Mensch, verlass das Seil! Du wirst noch runterfallen!“
Dass Joseph Gordon-Levitt dabei niemals in Lebensgefahr schwebte, dass diese Szenen vor allem mit CGI-Hilfe entstanden; – egal. Auch dass Zemeckis immer wieder die Gedanken von Petit visualisiert und damit den Weg, den Petit auf dem Seil gehen will, in einem sich vor unseren Augen über die Leinwand spannendes Seil, das so nur in einem Computer entstehen kann, zeigt, ist egal. Es sieht beängstigend echt aus. Vor allem auf der großen IMAX-Leinwand (wobei die bekannten IMAX-3D-Probleme mich immer wieder aus dem Film rissen). In „The Walk“ gelingt es Zemeckis, wieder einmal, die Technik in den Dienst der Geschichte zu stellen.
Da verzeiht man auch, dass die Filmgeschichte äußerst konventionell und überraschungsfrei von Petits Kindheit über seine Ausbildung bei Papa Rudy (Ben Kingsley, gewohnt herrisch) und seine Tage als Pariser Straßenkünstler erzählt ist. Der immergleiche leicht satirisch überspitzte, amüsierte Tonfall in Wort und Bild und die die Realität konstant überhöhende Inszenierung lässt auch alle Charaktere als eher eindimensionale Erfüllungsgehilfen von Petits Vision erscheinen.

The Walk - Plakat
The Walk – Eine wahre Geschichte (The Walk, USA 2015)
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Robert Zemeckis, Christopher Browne
LV: Philippe Petit: To Reach the Clouds: My High Wire Walk Between the Twin Towers, 2002
mit Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon, James Badge Dale, Clément Sibony, César Domboy, Ben Schwartz, Benedict Samuel, Steve Valentine
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Walk“
Moviepilot über „The Walk“
Metacritic über „The Walk“
Rotten Tomatoes über „The Walk“
Wikipedia über „The Walk“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „The Walk“

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Flight“ (Flight, USA 2012)

Und wer noch mehr über Petits Coup erfahren will, sollte sich die mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentation „Man on Wire“ (GB/USA 2008, Regie: James Marsh) ansehen. Hier der Trailer:

 

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