„Heimat – Eine deutsche Chronik“ in einer neuen Buchfassung

November 30, 2015

Reitz - Heimat - Eine deutsche Chronik - 4

Wenn ich in aktuellen Zeitungen Artikel über die neuen deutschen Serien überfliege, in denen gebetsmühlenartig behauptet wird, dass jetzt endlich und erstmals horizontal erzählt werde, dann frage ich mich, wie alt oder wie vergesslich die Autoren sind. Man kann ja einiges vergessen, wie dass die ersten „Soko 5113“-Folgen eine durchgehende Geschichte erzählten (auch wenn das ZDF jetzt impliziert, in den neuen Folgen der „Soko 5113“, die ab Januar „Soko München“ heißt, sei das erstmals bei der, ähem, „Soko München“ so. Was dann ja auch irgendwie stimmt.) oder dass es früher, 1979 mit „Timm Thaler“ beginnend, die ZDF-Weihnachtsserien für Kinder gab oder dass es, schon davor und für ein etwas älteres Publikum, die normalerweise vor Weihnachten ausgestrahlten Abenteuervierteiler gab. „Der Seewolf“, „Michael Strogoff“ (bzw. „Der Kurier des Zaren“) undsoweiter.
Kann man vergessen. Auch weil diese Serien heute sicher nicht mehr so gut wie unsere Erinnerung daran sind.
Man kann auch, obwohl es schwer fällt, Rainer Werner Fassbinders Alfred-Döblin-Verfilmung „Berlin Alexanderplatz“ vergessen.
Aber dass dabei auch „Heimat – Eine deutsche Chronik“ vergessen wird, ist unentschuldbar. In der Serie, die im Fernsehen 1984 als „Zyklus von 11 Spielfilmen“ mit einer Länge von 931 Minuten lief (Die Filme dauern zwischen 58 und 138 Minuten.), erzählt Edgar Reitz in Farbe und Schwarzweiß die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zwischen 1919 und 1982 anhand der im fiktiven Hunsrück-Dorf lebenden Bewohner. Im Mittelpunkt steht dabei die 1900 geborene Maria Simon (gespielt von Marita Breuer, die danach ein Star war). Der Film war ein Kritiker- und Publikumserfolg. Im Fernsehen und auf Festivals. In den folgenden Jahren wurde das Epos immer wieder in Kinos gezeigt, für die Reitz schon damals eine 887-minütige Kinofassung erstellte, die die Geschichte in sieben ungefähr gleich langen Teilen erzählte. Aus der ganzen Welt pilgerten Menschen in den Hunsrück, um die Drehorte zu besuchen.
Edgar Reitz drehte später „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992, 1567 Minuten), „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004, 689 Minuten) und den im 19. Jahrhundert spielenden Spielfilm „Die andere Heimat“ (2013, 225 Minuten), in der er die Geschichte der Familie Simon weiter erzählte.
2007 fragte ein italienischer Kinobetreiber Reitz, ob er in seinem neu eröffneten Filmkunsttheater über mehrere Wochen „Heimat“ zeigen könne. Als Reitz sich seine Filmkopien ansah, bemerkte er den schlechten Zustand, der eine Vorführung unmöglich machte. In den folgenden Jahren wurde das Material aufwändig restauriert.
Ausgehend von dieser Restaurierung machte Reitz sich auch daran, ein Buch zum Film zu schreiben. Allerdings erzählte er dieses Mal nicht, wie in „Die andere Heimat“, die Filmgeschichte als Roman nach, sondern er protokollierte den Film, weshalb sich „Heimat – Eine deutsche Chronik“ wie ein Drehbuch liest. Das von ihm und Peter Steinbach verfasste Drehbuch, das sich in vielen Details vom späteren Film unterscheidet, erschien 1985 im Greno-Verlag.
Ergänzt wird dieses ‚Drehbuch‘ durch viele gut reproduzierte Bilder, die direkt aus der neu digitalisierten Fassung kopiert wurden, Pressestimmen, ein Werkverzeichnis und Gedanken von Edgar Reitz über die Restaurierung, die Entstehungsgeschichte von „Heimat“ und die Zusammenarbeit mit Kameramann Gernot Roll.
Insgesamt ist „Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern“ ein schwer in der Hand liegendes, schön gestaltetes Filmbuch, das mehr zum Blättern als zum Durchlesen einlädt. Jedenfalls wenn man nicht zu den wenigen Drehbuchlesern gehört, die sich nicht an der kargen Drehbuchsprache stören.
Ein Weihnachtsgeschenk.

Edgar Reitz: Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern
Schüren, 2015
544 Seiten
38 Euro

Hinweise

Wikipedia über “Heimat – Eine deutsche Chronik”

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)


TV-Tipp für den 30. November: Der Stadtneurotiker

November 30, 2015

Arte, 20.15

Der Stadtneurotiker (USA 1977, Regie: Woody Allen)

Drehbuch: Woody Allen, Marshall Brickman

Der vierzigjährige, neurotische Komiker Alvy Singer erzählt von seinem Leben und seiner Beziehung zu Annie Hall.

Woody Allens bekanntester Film. Hier ist für uns Zuschauer kein Unterschied zwischen Woody Allen und dem von ihm erfundenen Alvy Singer zu spüren – und dabei ist letztendlich doch alles erfunden. Jedenfalls irgendwie.

„Annie Hall“ erhielt die Oscars für den besten Film, Regie, Drehbuch und Hauptdarstellerin (Diane Keaton) und zahlreiche weitere Preise.

Danach, um 21.45 Uhr, läuft „Woody Allen: A Documentary“ (sehenswert!) und in den kommenden Tagen zeigen alle Sender Woody-Allen-Filme, weil Woody Allen am Dienstag einen runden Geburtstag hat, den er wahrscheinlich mit Dreharbeiten für seinen nächsten Film verbringt.

Mit Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts, Carol Kane, Paul Simon, Janet Margolin, Shelley Duvall, Christopher Walken, Marshall McLuhan (als er selbst), Jeff Goldblum (Partygast), Walter Bernstein (Annies Date vor dem Theater), Sigourney Weaver (Alvys Date vor dem Theater), Truman Capote (Capote Look-Alike)

Wiederholung: Dienstag, 1. Dezember, 13.55 Uhr (VPS 13.45)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Stadtneurotiker“

Wikipedia über „Der Stadtneurotiker“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens „Irrational Man“ (Irrational Man, USA 2015)

Woody Allen in der Kriminalakte  


TV-Tipp für den 29. November: The Good German

November 29, 2015

Tele 5, 20.15

The Good German – In den Ruinen von Berlin (USA 2006, Regie: Steven Soderbergh)

Drehbuch: Paul Attanasio

LV: Joseph Kanon: The Good German, 2001 (In den Ruinen von Berlin)

Als der in Schwarzmarktgeschäfte verwickelte Fahrer des US-Journalisten Jake Geismar umgebracht wird und die Alliierten den Mord nicht aufklären wollen, beginnt er auf eigene Faust den Mörder zu suchen.

Soderbergh verfilmte den Roman im Noir-Stil der vierziger Jahre. “The Good German” unterscheidet sich dann auch nicht von einem damaligen Hollywood-Film. Nur wer braucht das heute?

Mit George Clooney, Tobey Maguire, Cate Blanchett, Beau Bridges

Wiederholung: Montag, 30. November, 01.5 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Good German“

Rotten Tomatoes über “The Good German”

Wikipedia über Joseph Kanon (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte

Bonushinweis

Kanon - Leaving Berlin - 4
Mit seinem neuen Roman „Leavin Berlin“ kehrt Joseph Kanon zurück in das Nachkriegsberlin. Im Januar 1949 wird der deutsch-jüdische Schriftsteller Alex Meier wegen seiner prokommunistischen Ansichten aus den USA ausgewiesen. Da bietet ihm die CIA eine Möglichkeit zur Rückkehr an. Meier muss über seine Jugendliebe, die inzwischen mit einem russischen Major liiert ist, an Informationen über den Uranabbau im Erzgebirge kommen.
Das hört sich doch ganz spannend an.
Auch wenn ich nicht verstehen kann, warum irgendjemand Berlin verlassen möchte.

Joseph Kanon: Leaving Berlin
(übersetzt von Elfriede Peschel)
C. Bertelsmann, 2015
448 Seiten
19,99 Euro

Originalausgabe
Leaving Berlin
Simon & Schuster, London, 2014

Hinweise

Homepage von Joseph Kanon

Wikipedia über Joseph Kanon (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 28. November: Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod

November 28, 2015

Eins Festival, 22.00

Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod (USA 1995, Regie: Mike Figgis)

Drehbuch: Mike Figgis

LV: John O’Brien: Leaving Las Vegas, 1990 (Leaving Las Vegas)

Ben ist Drehbuchautor und Trinker. Er macht sich auf den Weg nach Las Vegas, um sich dort zu Tode zu trinken. Da trifft er Sera, eine Hure, die seine Begleiterin auf seinem Trip in den Tod wird.

Beeindruckendes Trinkerdrama, das nach einem autobiographischem Roman entstand und für das Nicolas Cage unter anderem einen Oscar als bester Darsteller erhielt. Im Nachhinein beendete „Leaving Las Vegas“ die Phase in Cages Leben, in der er ein ernstzunehmender Schauspieler war. Danach trat er in „The Rock“, „Con Air“ und „Face/Off – Im Körper meines Feindes“ (der im Vergleich zu den beiden vorherigen Filmen ein tiefsinniges Drama ist) auf und es wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch viel schlimmer. Ich sage nur “Ghost Rider”.

mit Nicolas Cage, Elizabeth Shue, Julian Sands, Emily Procter, Valeria Golino, Mike Figgis, R. Lee Ermey, Mariska Hargitay, Danny Huston, Bob Rafelson, Xander Berkeley, Lou Rawls, Julian Lennon

Wiederholung: Sonntag, 29. November, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Drehbuch “Leaving Las Vegas” von Mike Figgis (Shooting Script September 1994)

Rotten Tomatoes über “Leaving Las Vegas”

Wikipedia über „Leaving Las Vegas“ (deutsch, englisch)

Filmcritic: Interview mit Mike Figgis (18. Februar 1996)

The Hollywood Interview mit Mike Figgis (ursprünglich erschienen in Venice Magazine Juni 1999)


Neu im Kino/Filmkritik: Es führt keine „Highway to Hellas“

November 27, 2015

Das ist nicht „Local Hero“. Das ist nicht „Local Hero“. Das ist nicht „Local Hero“, obwohl die Prämisse von „Highway to Hellas“ sehr nach „Local Hero“ klingt, dieser herzigen Komödie von Bill Forsyth, in der ein US-Amerikaner aufgrund seines schottischen Namens ein abgelegen an der Küste gelegenes schottisches Dorf überzeugen soll, dass eine riesige Ölraffinerie vor der Haustür eine tolle Angelegenheit sei.
In „Highway to Hellas“ soll Jörg Geissner für die AVO-Bank die Sicherheiten für einen Kredit, den die Bank der griechischen Insel Paladiki vor Jahren zur Entwicklung des Tourismus gewährte, überprüfen. Die Inselbewohner sind von dem Besuch aus Deutschland nicht begeistert. Aber südländisch gewitzt wie sie sind, wollen sie den stocksteifen deutschen Aktenfresser so lange an der Nase herumführen, bis er bestätigt, dass die in der Realität nicht vorhandenen Sicherheiten für den Kredit vorhanden sind.
Deshalb beginnen die wenigen Inselbewohner (insgesamt scheint die Insel mit einem großen Leerstand bezugsfertiger Wohnungen nur von einer Handvoll Menschen bewohnt zu sein) mit einer Charade, die alles das enthält, was einem halt so einfällt, wenn man die bekannten Klischees über Griechenland und die Südeuropäer so sammelt. Es gibt also bunte Fassadenhäuser, epische Beerdigungen, reichlich Alkohol und wonneproppige Frauen. Es gibt Improvisationen und kleine Gemeinheiten, wenn Herr Geissner (gespielt von Christoph Maria Herbst, der seit Stromberg nur noch einen Typ spielen darf) auf einem Esel reitet oder, tags drauf, Sozius auf dem Motorrad des deutsch-griechischen Klein-Casanova-Einzelhändlers Gigolo Panos (Adam Bousdoukos) sein darf, das natürlich prompt liegen bleibt.
Diese eher weniger witzigen Episoden plätschern dann so aufregend wie eine schlechte „Traumschiff“-Folge bis zum vorhersehbaren und auch unbefriedigenden Ende vor sich hin. Da gibt es dann sogar ein, zwei Überraschungen, die, wenn sie früher präsentiert worden wären, auch aus dieser arg vor sich hin langatmigen Geschichte einen besseren Film gemacht hätten.
Allerdings, das muss auch gesagt werden, taugt das auf Harmonie machende Ende noch nicht einmal als Scheinlösung. Jedenfalls wenn man sich nur eine Zehntelsekunde fragt, was jetzt aus den Plänen der AVO-Bank wird. Diese und der Widerstand der Inselbewohner dagegen hätten die Grundlage für einen guten Film sein können. Aber die Macher drehten einen anderen Film.
So ist „Highway to Hellas“ vor allem behauptete Völkerverständigung mittels sich bestätigender Klischees.

Highway to Hellas - Plakat

Highway to Hellas (Deutschland 2015)
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Arnd Schimkat, Moses Wolff, Aron Lehmann
LV/Buch zum Film (oder so): Arndt Schimkat/Moses Wolff: Highway to Hellas, 2014
mit Christoph Maria Herbst, Adam Bousdoukos, Akillas Karazisis, Christos Valavanidis, Giorgos Kotanidis, Rosalie Thomass, Eva Bay, Errikos Litsis, Gitta Schweighöfer
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Highway to Hellas“
Film-Zeit über „Highway to Hellas“
Moviepilot über „Highway to Hellas“


TV-Tipp für den 27. November: Citizenfour

November 27, 2015

Tagesschau 24, 21.02
Citizenfour (Citizenfour, USA/Deutschland 2014)
Regie: Laura Poitras
Drehbuch: Laura Poitras
TV-Premiere der äußerst sehenswerten, mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnete Dokumentation über „Citezenfour“ Edward Snowden. Laura Poitras filmte in einem Hotelzimmer in Hongkong die ersten Gespräche zwischen NSA-Mitarbeiter Snowden und Glenn Grennwald. Sie dokumentierte den vielleicht wichtigsten Zeitpunkt für unser gewandeltes Verhältnis zur globalen Überwachung durch die Geheimdienste. Und allein schon das macht „Citizenfour“ sehenswert.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Edward Snowden, Glenn Greenwald, Laura Poitras, William Binney, Jacob Appelbaum, Ewen MacAskill, Jeremy Scahill
Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Citizenfour“
Moviepilot über „Citizenfour“
Metacritic über „Citizenfour“
Rotten Tomatoes über „Citizenfour“
Wikipedia über „Citizenfour“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ (No place to hide, 2014)

Meine Besprechung von Laura Poitras’ „Citzenfour“ (Citizenfour, USA/Deutschland 2014) (mit weiteren Video-Interviews) und der DVD (ebenfalls mit Bonusmaterial)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Agentenaustausch auf der „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ist auch dabei

November 26, 2015

Als James Donovan (Tom Hanks) 1957 die Anfrage für ein Pflichtmandat erhält, will er zuerst ablehnen. Nach dem Krieg war er zwar Assistent des Hauptanklagevertreters bei den Nürnberger Prozessen, aber jetzt ist er vor allem ein Versicherungsanwalt. Strafrecht hat er schon lange nicht mehr praktiziert. Aber solche Pflichtmandate müssen gemacht werden. Er wird also Rudolf Abel (Mark Rylance) verteidigen. Abel ist ein hochrangiger sowjetischer Spion und ihm droht die Todesstrafe. Donovan kann sie verhindern, indem er argumentiert, dass es möglich sei, dass in naher Zukunft die Sowjets einen wichtigen US-Bürger verhaften. Dann könne man die Gefangenen austauschen.
Am 1. Mai 1960 schießen die Sowjets den U-2-Piloten und CIA-Spion Francis Gary Powers während eines Spionagefluges, den er über ihrem Gebiet unternimmt, ab. Sie präsentieren ihn und seine Spionageausrüstung im Fernsehen und verurteilen ihn zu einer langjährigen Haftstrafe.
Anfang 1962 soll Donovan im Auftrag der US-Regierung in Berlin über den Austausch verhandeln.
Auch wenn man weiß, wie die Geschichte damals endete – es war der erste Gefangenenaustausch zwischen Ost und West, die Medien berichteten damals nachträglich groß darüber und Donovan veröffentlichte schon 1964 ein Buch über seine Begegnung mit Oberst Rudolf Iwanowitsch Abel und den Gefangenenaustausch – ist „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ein spannender Thriller, in dem Steven Spielberg nach der enttäuschenden Geschichtsstunde „Lincoln“ wieder zur gewohnten Form zurückkehrt. Denn trotz einer Laufzeit von über 140 Minuten wird es nie langweilig. Das straffe und pointierte Drehbuch von Matt Charman und den Coen-Brüdern half sicher. Alle Hintergründe werden erklärt (was bei „Lincoln“ ein Problem war), die Geschichte entwickelt sich beständig weiter und die Schauspieler dürfen mit klugen Sätzen brillieren, während die Ausstattung sich im Zeitkolorit badet und Spielbergs Stamm-Kameramann Janusz Kaminski (der für „Schindlers Liste“ und „Saving Private Ryan“ Oscars erhielt) die damalige Zeit und auch die damals beliebten, heute eher vergessenen Kalter-Krieg-Thriller, in denen es in Ost-Berlin mindestens fünf Grad kälter als in West-Berlin ist, wieder aufleben lässt. Dass auch an historischen Orten, wie der Glienicker Brücke, an der dieser erste von mehreren Gefangenaustäusche stattfand, gedreht wurde, erhöht nur die Glaubwürdigkeit der wahren Geschichte, bei der sich für den Film einige wenige Freiheiten genommen wurden, die vor allem Geschichts-Geeks in den Wahnsinn treiben.
Alle anderen dürfen einen feinen Schauspielerfilm genießen.

Bridge Of Spies - Plakat

Bridge of Spies – Der Unterhändler (Bridge of Spies, USA 2015)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Matt Charman, Ethan Coen, Joel Coen
mit Tom Hanks, Mark Rylance, Scott Shepherd, Amy Ryan, Sebastian Koch, Alan Alda, Austin Stowell, Mikhail Gorevnoy, Will Rogers
Länge: 142 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die Hintergrundgeschichte

Donovan - Strangers on a Bridge - 4

Es gibt inzwischen mehrere Sachbücher, die sich mit diesem Agentenaustausch beschäftigen. Spielbergs Film basiert explizit auf keiner Vorlage.
Dennoch wird die Neuausgabe von James B. Donovans „Strangers on a Bridge – Der Fall des Oberst Abel“ vom Goldmann- Verlag als die Hintergrundgeschichte zum Film beworben, was durchaus zutreffend ist. Immerhin verteidigte Donovan Abel und er verhandelte den Agentenaustausch.
Donovan (1916 – 1970) war während des Zweiten Weltkriegs Marine-Offizier und juristischer Berater des Office of Strategic Services (dem militärischen Nachrichtendienst und Vorläufer der CIA) und danach Assistent des Hauptanklagevertreters der Nürnberger Prozesse. Er war also, auch wenn er als Pflichtverteidiger zu dem Fall Abel kam, keine so schlechte Wahl wie der Film suggeriert. Denn, so Donovan in „Strangers on a Bridge“: „Die Wahl verdankte ich (…) dem Vorsitzenden des Ausschusses. Vor mehr als zehn Jahren hatte Goodenough einen Vortrag über die Nürnberger Prozesse angehört, den ich vor einer Gruppe konservativer Rechtsanwälte aus Brooklyn gehalten hatte und unter denen auch einige prominente Deutsch-Amerikaner waren. Goodenough hatte meinem Kompagnon erzählt, die Schlussdebatte sei damals recht hitzig gewesen, und er meinte, ich sei jedenfalls für meine Überzeugung eingetreten.“
Donovan nimmt das Mandat an, weil er überzeugt ist, dass „auch der gemeinste Verbrecher, Anspruch auf Rechtsbeistand und ein faires Gerichtsverfahren habe.“
In dem Buch, das auf seinen Tagebuch, das er während des Prozesses führte und das er für die Veröffentlichung um Gerichtsprotokolle, Briefe und gekabelte Berichte für das Außenministerium (über seine Verhandlungen in Berlin) ergänzte, erzählt er vor allem die Geschichte des Prozesses. Sie nimmt deutlich über die Hälfte des 576-seitigen Buches (über 330 Seiten) ein. Die Verhandlungen über den im Film zentralen Gefangenaustausch werden auf knapp siebzig Seiten érzählt, die Donovan mit dem Hinweis „Aus Sicherheitsgründen mussten gewisse Fakten unerwähnt bleiben und manche Einzelheiten verändert werden“ einleitet.
Das gesagt ist Donovans Einblick in seine Arbeit als Abels Pflichtverteidiger ein faszinierender Einblick in die Arbeit eines Verteidigers, in das damalige US-Rechtssystem und die damalige Geisteshaltung nach der Ära McCarthy und vor dem Bau der Mauer und der Kuba-Krise.
Wer also tiefer in die damalige Zeit eintauchen möchte, sollte sich diesen spannenden Erlebnisbericht eines Zeitzeugen, geschrieben mit dem damaligen Wissen, zulegen.

James B. Donovan: Strangers on a Bridge – Der Fall des Oberst Abel
(übersetzt von Eva Bornemann und Michael Molitor; mit einem neuen Vorwort von Jason Matthews)
Goldmann, 2015
560 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Strangers on a Bridge – The Case of Colonel Abel
Atheneum House, Inc., 1964

Frühere deutsche Ausgabe
Der Fall des Oberst Abel
Scheffler-Verlag, 1965

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Bridge of Spies“
Moviepilot über „Bridge of Spies“
Metacritic über „Bridge of Spies“
Rotten Tomatoes über „Bridge of Spies“
Wikipedia über „Bridge of Spies“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Bridge of Spies“
Das Drehbuch zum Film

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


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