„Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ zeigt auf James Bond

Am Donnerstag startet „Spectre“, der vierte Einsatz von Daniel Craig als James Bond, der schon jetzt alle Kassenrekorde bricht, in unseren Kinos und die Tage erscheint meine ausführliche Besprechung über diesen halbherzigen Versuch, einen klassischen James-Bond-Film zu inszenieren.
Davor gibt es meine Besprechung des ersten Einsatzes von Anthony Horowitz als James-Bond-Autor. „Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ heißt die Geschichte, für die Horowitz sogar im Nachlass von Ian Fleming wühlen und einige Plotnotizen und Textfragmente für eine von Fleming geplante Fernsehserie (die mit den Bond-Filmen hinfällig wurde) verwenden konnte. Weil Fleming bereits am 12. August 1964 starb und sein letzter Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ posthum erschien, dürfte klar sein, dass „Trigger Mortis“ in der Vergangenheit spielt. Die Geschichte beginnt 1957 keine zwei Wochen nach „Goldfinger“. James Bond ist wieder zurück in seiner Heimat. Pussy Galore hat ihn begleitet und wohnt bei ihm in seiner Londoner Jungesellenwohnung.
Da erhält Bond einen neuen Auftrag von seinem Vorgesetzten M: der Hobby-Rennfahrer soll auf dem Nürburgring den englischen Grand-Prix-1-Piloten Lancy Smith beschützen. Der Secret Service glaubt, dass der sowjetische Geheimdienst SMERSCH den Rennfahrer während des Rennens töten und so den Sieg des sowjetischen Fahrer sichern will.
Vor dem Rennen sieht Bond einen wichtigen SMERSCH-Mann im Gespräch mit dem Koreaner Sin Jai-Seong, einem Gönner des internationalen Rennzirkels, der meist Jason Sin genannt wird (Schon der Name sagt „Bösewicht“.) und der in kurzer Zeit als Personalvermittler und Bauunternehmer in den USA reich wurde.
Während des Rennens kann Bond den Anschlag verhindern. Am Abend ist er auf dem Wasserschloss von Sin zu einer Party mit allen Rennfahrern und ihrer Entourage eingeladen. In den oberen Räumen entdeckt Bond, nachdem er die Wache ausgeschaltet hat, in einem Arbeitszimmer Fotos einer US-amerikanischen Rakete („Das war amerikanische Ingenieurkunst. Bei einem Sputnik oder einer Semjorka hätten allein schon die typische Klobigkeit und Plumpheit die sowjetische Bauweise verraten.“). Dort trifft er auch auf Jeopardy Lane, die behauptet, eine Motorsportjournalistin zu sein. Gemeinsam flüchten sie vor Sins Bodyguards durch eine Sprung ins Wasser.
Bond macht sich, weil er einen Anschlag auf die Rakete befürchtet, auf den Weg in die USA. Dort trifft er wieder auf Jeopardy Lane und die mordgierigen Schergen von Jason Sin.
„Trigger Mortis“ ist, nach den vorherigen drei Bond-Romanen, die alle aus verschiedenen Gründen nicht besonders begeisterten, eine Rückkehr zu dem Kalter-Kriegs-James-Bond von Ian Fleming, die sich für uns genau deshalb immer wieder befremdlich ließt. James Bond ist ein Sexist, mindestens ein Salonrassist, ein Kommunistenhasser und ein von sich und dem Empire restlos überzeugter Brite. Er ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der ein gestandener Mann mit seinen Körpersäften selbstverständlich die lesbische Pussy Galore von ihrem Lesbentum heilen kann. Horowitz modernisierte diese anachronistische Figur nur sehr behutsam, was einerseits dazu führt, dass „Trigger Mortis“ nah an Flemings Romanen ist. Andererseits ist es auch sehr befremdlich, einen heute geschriebenen Roman zu lesen, der immer so tut, als habe sich in den vergangenen gut sechzig Jahren nichts geändert. Als habe man einfach ein altes Buch abgestaubt und neu veröffentlicht. Denn der heutige Blick in die Vergangenheit führt, wie wir es bei anderen Romanen und Filmen sehen, normalerweise auch zu Anpassungen von Themen und Sichtweisen. Oft werden auch Themen wie Homosexualität und Rassismus verhandelt, die damals aufgrund von Tabus und in der Gesellschaft vorherrschender Sichtweisen in einem Roman nicht verhandelt werden konnten. Bei James Bond müsste eine solche Modernisierung natürlich dazu führen, dass der damals bewundernswerte Held aus heutiger Perspektive gar nicht mehr so bewundernswert ist. Bei Sherlock Holmes – Horowitz schrieb ja zwei „Sherlock Holmes“-Romane – fällt es, weil Holmes eine a-politische, a-sexuelle, nur an der Aufklärung interessierte Figur ist, dagegen leichter, neue Romane zu schreiben. Holmes war eine Speerspitze der Aufklärung. Von Bond kann das nicht gesagt werden.
Die Story selbst ist, nachdem die seitenfressende Episode mit Pussy Galore (die auch gewaltgeneigten Besuch aus den USA bekommt) beendet ist, eine typische James-Bond-Geschichte mit einem reichen Bösewicht, der einen größenwahnsinnigen und skrupellosen Plan hat, und einer schönen Frau (die sich allerdings züchtig ziert) an der Seite des skrupellosen Geheimagenten, der hier auch mal einen Bösewicht leben lässt; was dem Bösewicht allerdings wenig hilft. Denn dann wird er von Sin ermordet. Die Todesart bestimmt dabei ein von Sin extra angefertigtes Kartenspiel.
„Trigger Mortis“ ist als neuer Roman, der konsequent auf Modernisierungen verzichtet, etwas anachronistisch, aber gelungen als Fünfziger-Jahre-Bond. Nach Jeffery Deaver (der Bond in die Gegenwart verlegte), Sebastian Faulks und William Boyd (die Bond in die Sechziger schickten), die alle mit James Bond fremdelten, hat Horowitz einen klassischen Bond-Roman mit einer entsprechend geradlinigen Geschichte und einem effektiven Spannungsaufbau geschrieben.
Daher gebe ich Horowitz, der seit Ewigkeiten ein bekennender James-Bond-Fan ist und dessen Jugendbuchserie um Alex Rider deutlich von Bond beeinflusst ist, die Lizenz zur Rückkehr.
In den Filmen wurde James Bond in den vergangenen dreiundfünfzig Jahren, mit wechselnden Darstellern, immer wieder dem Zeitgeist angepasst, bis er mit Daniel Craig zu einen Geheimagenten wurde, der kein britischer Snob mehr ist und der niemals, wie Roger Moore in „Der Spion, der mich liebte“, einen Fallschirm mit der Flagge des Vereinigten Königreiches im Gepäck hätte.

Horowitz - James Bond - Trigger Mortis - 2

Anthony Horowitz: James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes
(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2015
368 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
James Bond: Trigger Mortis
Orion Books, 2015

Hinweise

Homepage von Anthony Horowitz

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Die “Inspector Barnaby”-Fälle von Anthony Horowitz

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Kernschmelze“ (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel „Countdown für die Ewigkeit“)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

2 Antworten zu „Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ zeigt auf James Bond

  1. Hi,

    nach dem für mich als unsägliche Massenware derzeitiger Prägung dahergekommene Roman von J. Deaver war ich eigentlich durch mit dem Thema. Jetzt „muss“ ich wohl doch wieder „investeiren.

    Gruß
    Günter

  2. AxelB sagt:

    Jau, Deaver mit seinen vielen Plottwists ist nicht der geeignete Autor für einen Pulp-Roman, bei dem der Bösewicht von Anfang an bekannt ist.
    Und jetzt werd ich weiter meine Erkältung pflegen.

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