Neu im Kino/Filmkritik: Woody Allen und der „Irrational Man“ auf Sinnsuche

Vor einige Jahren – naja, eher schon Jahrzehnten – hätte Woody Allen den vom Leben frustierten Philosophiegelehrten Abe Lucas gespielt. Jetzt wird er von Joaquin Phoenix als bierbäuchigen Post-68er gespielt. Er ist ein Mann, der in seinem Leben schon an allen Krisenherden und in allen politischen Bewegungen nach dem Sinn des Lebens gesucht hat und der mit seinen Taten, sozusagen in die Realität übersetzte Philosophie, einen Unterschied machen wollte. Erfolglos.
Vor einigen Jahren hätte Woody Allen die Geschichte von „Irrational Man“ wahrscheinlich als Subplot verwendet, während er von Verbrechen und anderen Kleinigkeiten erzählt hätte. Heute füllt er mit dieser Skizze einen ganzen Film, der wie eine Mischung aus Marc Lawrences nicht besonders origineller College-Komödie „Wie schreibt man Liebe?“ (The Rewrite, USA 2014) mit Hugh Grant als frustierten Gastprofessor mit ausgeprägtem Liebesleben und einer von Woody Allens zahlreichen Kriminalkomödien wirkt. Vor allem „Manhattan Murder Mystery“ (USA 1993) fällt einem ein. Wer es gerne etwas älter und humorloser hätte, kann sich an Alfred Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ (Shadow of a Doubt, USA 1943) erinnern. In beiden Filmen macht sich eine neugierige Frau auf die Mörderjagd.
In „Irrational Man“ macht das Jill Pollard (Emma Stone), die mit Abe verschiedene Theorien über die Tat erörtert, ohne zu ahnen, dass Abe der Mörder ist. Abe, ein brillanter Philosoph, der inzwischen vom Leben frustiert ist und für den Sommer eine Gastprofessor an der Universität der Ostküstenkleinstadt Braylin angenommen hat, eilt der Ruf voraus, ein Trinker und ein Casanova zu sein. Schon bei der Begrüßung bestätigt er seinen Ruf als Alkoholiker. Die Avancen der Professorengattin Rita Richards (Parker Posey) wehrt er höchst halbherzig ab, ehe er versucht, ihre sexuellen Wünsche zu befriedigen. Und mit der Studentin Jill führt er ebenso lange wie ziellose Gespräche über Gott und die Welt.
In einem Diner belauschen sie ein Gespräch über eine Sorgerechtsverhandlung, die von einem parteiischen Richter geleitet wird. Plötzlich weiß Abe, was er tun muss, um seinem sinnlosen Leben wieder einen Sinn zu geben: er wird den geachteten Richter töten (ja, das ist eine vollkommen haarsträubende Idee, die nur als Drehbuchbehauptung funktioniert. Falls überhaupt.). Jedenfalls ist Abe überzeugt, dass er das perfekte Verbrechen ausführen wird, weil niemand ihn für den Täter halten wird.
„Irrational Man“ ist höchstens eine Fingerübung, in der Woody Allen bekannte Themen und Obsessionen recycled zu einem bestenfalls mäßig unterhaltsamen Zeitvertreib, der nie versucht, eine interessante und in sich konsistente Geschichte zu erzählen. Stattdessen gibt es Philosophie-Vorlesungen, College-Liebeleien, lange Gespräche über Gott und die Welt zwischen einem Professor und einer Studentin und irgendwann, wenn man sich schon verzweifelt fragt, wann denn endlich die im Trailer versprochene Kriminalgeschichte beginnt, eine verquere Mordgeschichte, während der gesamte Film, trotz Allen-typischer Pointen und Weltbetrachtungen, eine gewisse Lustlosigkeit und Lebensmüdigkeit ausstrahlt.
Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn nach „Irrational Man“ eine banale Hugh-Grant-Komödie in einem besseren Licht erscheint. Aber vielleicht sagt das auch etwas über die Möglichkeiten und Grenzen der Hochschulkomödie für ältere Semester aus.

Irrational Man - Plakat

Irrational Man (Irrational Man, USA 2015)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Joaquin Phoenix, Parker Posey, Emma Stone, Jamie Blackley, Betsy Aidem, Ethan Phillips
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Irrational Man“
Moviepilot über „Irrational Man“
Metacritic über „Irrational Man“
Rotten Tomaotes über „Irrational Man“
Wikipedia über „Irrational Man“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Woody Allen in der Kriminalakte  

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