Inspector Jack Laidlaw empfindet „Fremde Treue“

Schon in seinem zweiten Laidlaw-Kriminalroman „Die Suche nach Tony Veitch“ war der Mordfall für William McIlvanney eher nebensächlich. In dem dritten und letzten Laidlaw-Roman „Fremde Treue“ kann dann kaum noch von einem Kriminalfall gesprochen werden.
Inspector Jack Laidlaw, inzwischen allein lebend, aber mit einer Freundin in einer schwierigen Beziehung, nimmt eine Woche Urlaub. Er will herausfinden, wer für den Tod seines Bruders verantwortlich ist. Denn er kann nicht glauben, dass der 38-jährige Scott nach einer durchzechten Nacht betrunken vor ein Auto lief und überfahren wurde. Der Fahrer floh.
Wer jetzt glaubt, dass Laidlaws Ermittlungen in dem schottischen Provinzkaff ihn in eine ähnliche Welt voller Gewalt und Verrat wie Jack Carter in Ted Lewis‘ „Jack rechnet ab“/“Jack Carters Heimkehr“ (Jack’s Return Home, 1970) führen, kann „Fremde Treue“ getrost ignorieren.
Laidlaws Reise in die Provinz erinnert eher an die melancholischen Erkundungen, die wir aus den Romanen von Friedrich Ani kennen, in denen Ermittler unaufgeregt die Vergangenheit von normalen Menschen erforschen, ohne dass es letztendlich ein großes Verbrechen gibt. Auch Scott Laidlaw, ein verheirateter Lehrer an einer ländlichen Schule, ist so eine normale Person, die in einer Zeitung keinen Nachruf erhält.
Nachdem McIlvanney die ersten beiden Laidlaw-Romane aus verschiedenen Perspektiven erzählte, wechselt er in „Fremde Treue“ in die erste Person Singular. Ein Grund ist sicher, dass Laidlaw hier nicht primär als Polizist, sondern als Quasi-Privatdetektiv agiert und traditionell sind Privatdetektiv-Geschichten Ich-Erzählungen. Ein anderer ist, dass es um Ideale, Selbstansprüche, das Scheitern an den eigenen Ansprüchen und eben auch verpasste Chancen geht. Das sind persönliche Themen, die hier in einer persönlichen Geschichte erzählt werden. Es ist letztendlich Jack Laidlaws Geschichte.
„Fremde Treue“ ist daher eher ein Erinnerungsbuch mit einigen pointierten Betrachtungen, weitab jeglicher Krimispannung und nach der Lektüre bleibt erstaunlich wenig im Gedächtnis haften.
McIlvanney - Fremde Treue - 2
William McIlvanney: Fremde Treue
(übersetzt von Conny Lösch)
Kunstmann, 2015
352 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
Strange Loyalties
Hodder & Stoughton Ltd, 1991

Die Übersetzung folgt der 2013 bei Canongate Books Ltd. erschienen Ausgabe.

Hinweise

Homepage von William McIlvanney

Wikipedia über William McIlvanney (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von William McIlvanneys “Laidlaw” (Laidlaw, 1977)

Meine Besprechung von William McIlvanneys „Die Suche nach Tony Veitch“ (The Papers of Tony Veitch, 1983)

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