Über Tito Topins Noir „Exodus aus Libyen“

Topin - Exodus aus Libyen

Während in Libyen der Bürgerkrieg gerade für höchst unklare Verhältnisse sorgt, bietet Chino einer nur scheinbar zufällig zusammengewürfelten Gruppe an, sie aus Tripolis und über die Grenze zu bringen. An der Stadtgrenze erschießt Chino einen sie kontrollierenden Soldaten. Auf ihrer anschließenden Flucht wird ein Reifen von seinem Auto beschädigt und sie müssen, um ihn zu reparieren, in dem Dorf Ar-Rahibat anhalten. Zu spät bemerken sie, dass das zerstörte und fast menschenleere Dorf wieder in den Händen der Armee ist und, als hätten sie nicht schon genug Pech, sie in der Hotelruine neben dem Kommandanten Hajj Ahmet übernachten.
Tito Topin ist bei uns, trotz einiger seit Ewigkeiten nur noch antiquarisch erhältlicher Übersetzungen und etlicher TV-Arbeiten (er erfand die Krimiserie „Navarro“, die es auf über hundert Folgen brachte und zwischen 1989 und 2007 im französischen Fernsehen lief, und er schrieb für TV-Serien wie „Néo Polar“, „Série noire“ und „Coplan“) ein fast unbekannter Noir-Autor. Leider. Denn sein „Exodus aus Libyen“ ist eine spannende Lektüre, die sich wie die Vorlage für einen harten französischen Thriller liest, der seine Wurzeln und geistige Heimat in den Fünfzigern und Sechzigern hat, als zwischen „Lohn der Angst“ und „100.000 Dollar in der Sonne“ harte, wortkarge Männer Abenteuer in der Ferne erlebten und auch ordentlich getrunken wurde. So ist, um nur die beiden offensichtlichsten namentlichen Anspielungen zu nennen, einer der Passagiere ein übergewichtiger Doktor, der sich ausschließlich flüssig ernährt und der Kenneth Hitchcock heißt. Ein anderer Passagier heißt Henri Ventura. Er ist Pilot der französischen Luftwaffe und ein guter Pistolenschütze. Zu den Ausländern gesellen sich als weitere Passagiere in Chinos Land Cruiser und Gastgeber in dem Dorf mehrere Frauen und Einheimische, die für die Geschichte wichtig sind und die daher eine deutlich größere Rolle haben, als es vor einem halben Jahrhundert möglich war. Damals, und das ist der große Unterschied zwischen Topins Vorbildern und seinem Roman, war es der Blick des weißen Europäers auf eine fremde Welt, in der er Abenteuer erlebte. Heute sind es die Libyer, die in ihrem Land Abenteuer erleben, in die auch einige der mehr oder weniger freiwilligen Gäste, hineingezogen werden.
Das ist, auch weil der 1932 in Casablanca geborene Tito Topin einen angenehm kurzen Roman geschrieben hat, eine flotte Lektüre, die jede Person mit wenigen Worten und einer kurzen Rückblende (die über den Roman verstreut sind) charakterisiert, keine Zeit für langatmige Beschreibungen oder Betroffenheitsgefasel hat und die gerade in der zweiten Hälfte einige überraschende Wendungen nimmt, die man so in einem Film wahrscheinlich nicht erleben dürfte. Jedenfalls nicht, wenn Männer wie Yves Montand, Alain Delon, Jean-Paul Belmondo und Lino Ventura dabei wären.

Tito Topin: Exodus aus Libyen
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag, 2015
240 Seiten
14,80 Euro

Originalausgabe
Libyan Exodus
Éditions Payot & Rivages, 2013

Hinweise
Homepage von Tito Topin
Distel Literaturverlag über Tito Topin
Wikipedia über Tito Topin
Perlentaucher über Tito Topin

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