Seamus Smyth spielt die „Spielarten der Rache“ durch

Smyth - Spielarten der Rache - 2

In seinem Vorwort findet „pulp master“-Herausgeber Frank Nowatzki lobende Worte über Seamus Smyth, was nicht verwundert. Immerhin brachte er mit „Spielarten der Rache“ die erste Übersetzung eines Werkes des irischen Autors bei uns heraus und ein Verleger muss, auch wenn er nicht ständig damit hausiert, von seinen Büchern begeistert sein. Smyth wird allerdings auch von Kollegen wie Ken Bruen und Declan Burke, die beide Smyths 1999 erschienenes Debüt „Quinn“ für einen der wichtigsten irischen Kriminalromane der letzten Jahre halten, abgefeiert. In Japan und Frankreich erschienen seine Bücher. In seiner irischen Heimat nicht.
Wer dann im Internet über Seamus Smyth recherchiert, wird wenig finden.
Über „Red Dock“, so der Originaltitel von „Spielarten der Rache“, ist noch weniger zu finden, weil es anscheinend im englischsprachigen Raum immer noch nicht veröffentlicht wurde, obwohl Smyth den Roman bereits 2010 beendete und er schon in Frankreich veröffentlicht wurde. Dabei hat der Roman alles, was das Herz des Noir- und Hardboiled-Fans erfreut und auch in England, Irland und den USA gibt es für solche Romane ein Publikum.
Der im Original titelgebende Red Dock wurde als Kind zusammen mit seinem Zwillingsbruder in ein christliches Waisenhaus gegeben. Sein Bruder starb an den Misshandlungen durch die Klosterbrüder.
Als Erwachsener will er einen sich über Jahre erstreckenden Racheplan ausführen. Er entführt das Baby des Polizisten, der ihn im Waisenhaus ablieferte, erstellt eine falsche Geburtsurkunde und gibt das Baby in einem Waisenhaus ab. Die katholischen Schwestern nehmen es auf und zwanzig Jahre später macht sich Red, der in Dublin seine Brötchen als Gangster verdient, an sie, die inzwischen Lucille Kells heißt, heran. Jetzt will er sich endgültig an Chilly Winters, der ihn damals als zuständiger Polizist in dem Waisenhaus abgab, und seiner leiblichen Familie, die ein Gestüt betreibt, rächen.
Zur gleichen Zeit beschließt der Maler Cornelius Hockler, der als Serienmörder Picasso genannt wird und von der Polizei schon seit gut zehn Jahren erfolglos gesucht wird, seine Zeichenobjekte zuerst zu entführen und dann zu verstümmeln und zu töten. Bislang tat er es umgekehrt. Aber er hofft, in seinem Atelier mit einem lebendem Modell zu besseren Ergebnissen kommen.
Als er die auch als Prostituierte arbeitende Gemma, Lucilles Zimmergenossin, in einem Hotelzimmer tötet, fällt Red Dock eine Videoaufzeichnung davon in die Hände. Normalerweise werden die Aufnahmen benutzt, um von den honorigen und einflussreichen Freiern Geld oder Gefälligkeiten zu erpressen. In diesem Fall ist Red Dock eher an anderen Gefälligkeiten interessiert.
Smyth erzählt diese in Irland spielende Geschichte vor dem Hintergrund der Geschichte des Landes, was jetzt einerseits eine Selbstverständlichkeit ist, andererseits aber grell die unschöne Geschichte Irlands beleuchtet. Denn erst in den vergangenen Jahren wurden die Umtriebe der katholischen Kirche gegenüber Schutzbefohlenen thematisiert und breit diskutiert. Jeder wusste es oder ahnte es, aber alle schwiegen darüber.
„Spielarten der Rache“ ist kein perfekter Roman. Dafür ist der Racheplan von Red zwar perfide, aber über die Jahrzehnte, die er bis zur Vollendung braucht, auch viel zu anfällig für viel zu viele verschiedene Arten des Scheiterns. Und wenn Red nach dem Mord im Hotelzimmer die Identität von Hockler erfährt und ihn erpresst, auch etwas zu, hm, episodisch. So als habe Smyth einige Wendungen eingeführt, um auf die nötige Seitenzahl zu kommen. Es sind allerdings auch, weil kein Plan wie geplant funktioniert, einige sehr überraschende und hundsgemeine Wendungen.
Trotzdem ist Smyths Noir für alle, die von einem Roman mehr als nur ein Feierabendvergnügen, eine Ablenkung vom grauen Alltag erwarten, absolut lesenswert. Und jetzt sollte pulp master sich an das Übersetzen von „Quinn“ machen.

Seamus Smyth: Spielarten der Rache
(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)
pulp master, 2015
272 Seiten
14,80 Euro

Originalausgabe
Red Dock
2010

Hinweis
pulp master über Seamus Smyth

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: