Neu im Kino/Filmkritik: Die globale Familiengeschichte „Iraqi Odyssey“

Wer sind diese Flüchtlinge, die derzeit zu Tausenden in Deutschland Asyl beantragen? Eine endgültige Antwort darauf liefert „Iraqi Odyssey“ natürlich nicht. Einerseits, weil die heutigen Flüchtlinge nicht alle aus dem Irak kommen, andererseits weil Samir in dem Film nur eine handvoll Menschen porträtiert, die alle mit ihm verwandt sind, verstreut über den gesamten Globus leben und auch repräsentativ für die anderen Iraker sind, die aus dem Irak flüchteten. Derzeit leben über vier Millionen Iraker im Ausland und knapp 36 Millionen Iraker im Irak.
Auch der 1955 geborene Samir kam schon als Kind nach Europa. In die Schweiz. In seinem Film erzählt der Regisseur („Snow White“, „Forget Baghdad“ [das die Initialzündung für „Iraqi Odyssey“ war]) die Geschichte seiner gebildeten und politisch interessierten Mittelklassefamilie anhand des Lebens von einigen Familienmitgliedern, die auch ausführlich vor der Kamera über ihr abenteuerliches Leben in verschiedenen Ländern und ihre Beziehung zu ihrem Geburtsland, ihrer Heimat, reden. Deren Erinnerungen entfalten sich vor der Geschichte Iraks seit den fünfziger Jahren. Damals gab es ein modernes und tolerantes Irak. 1963 putschte sich die Baath-Partei an die Macht. Saddam Hussein wurde Herrscher. Es gab die bekannten Golfkriege. Hussein wurde entmachtet, aber ein friedliches Irak ist noch Zukunftsmusik.
Gerade diese Verknüpfung zwischen individuellen Schicksalen und der Geschichte eines Landes macht aus der Familiengeschichte auch eine universelle Geschichte, die aus einem anderem Blickwinkel erzählt wird. Denn es ist nicht die Perspektive der Aufnahmeländer oder des Westens, sondern die von durchaus privilegierten Betroffenen. Samir geht sogar noch einen Schritt weiter: „Mir wuurde als Filmemacher erst spät bewusst, dass die Geschichte unserer Familie stellvertretend für eine ganze Generation und ein Projekt steht: dem Projekt der Moderne.“
In der langen Fassung, die in einigen Kinos läuft, dauert der Film fast drei Stunden, die wie im Flug vergehen. Auf das 3D, das dem Film zusätzliche Dimensionen verleihen soll, hätte Samir verzichten können. Es ist eine Spielerei, die dem Film nichts wesentliches hinzufügt.

Iraqi Odyssey - Plakat

Iraqi Odyssey (Schweiz/Deutschland/Irak 2014)
Regie: Samir
Drehbuch: Samir
mit Samira Jamal Aldin, Sabah Jamal Aldin, Jamal Al Tahir, Tanya Uldin, Souhair Jamal Aldin, Samir
Länge: 170 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Samir erstellte auch eine neunzigminütige Fassung, die auch in Kinos gezeigt werden kann. Samir sagt zu dieser Fassung: „Darin fehlen aber zwei wichtige Charaktere, welche die Generation der Irakis in der Diaspora repräsentieren und für mich essentiell sind zum tiefer gehenden Verständnis meiner Familiengeschichte.“

Hinweise
Homepage zum Film
Moviepilot über „Iraqi Odyssey“
Rotten Tomatoes über „Iraqi Odyssey“
Wikipedia über „Iraqi Odyssey“
Berlinale über „Iraqi Odyssey“

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