Buchkritik: Über Evelyn Waughs „Tod in Hollywood“

Waugh - Tod in Hollywood

Normalerweise hätte ich Evelyn Waughs „Tod in Hollywood – Eine anglo-amerikanische Tragödie“ nicht zu Ende gelesen, aber mit unter hundertfünfzig Seiten ist der Roman so kurz, dass ich fertig war, ehe ich es weglegen konnte. Das lag natürlich auch daran, dass ich wissen wollte, warum das Buch so vielen Menschen gefällt.
In der Geschichte geht es um den jungen englischen Dichter Dennis Barlow, der nach dem Krieg nach Hollywood geht. Dort hofft er auf den großen Durchbruch. Die meiste Zeit verbringt er allerdings mit anderen Briten auf dem Kricketplatz. Dort pflegen sie ihr Britischsein und die älteren Herrschaften, die schon länger in der Traumfabrik keine Karriere haben, blicken voller Verachtung auf die ungebildeten Amerikaner herab. Sie haben zwar kein Geld, aber dafür die besseren Manieren. Sein Geld verdient Barlow in dem Tierbestattungsunternehmen „Die ewigen Jagdgründe“. Als sein Vermieter stirbt, soll er im Auftrag der Kricketclubmitglieder die Trauerfeier arrangieren. Natürlich in dem besten Bestattungsunternehmen von Los Angeles und Umgebung: den „Elysischen Gefilde“. Dort wird für die Toten alles von der Trauerfeier bis zur Beerdigung auf dem zu den Gefilden gehörendem Friedhof (wobei man genaugenommen zwischen mehrere Friedhofslandschaften und Inseln wählen kann) getan. Als Barlow sich dort als Tierbestatter auch aus beruflichem Interesse umsieht, trifft er eher zufällig die junge Leichenkosmetikerin Aimée Thanatogenos und die beiden feinfühligen Geister finden mehr oder weniger zueinander.
Der Klappentext von „Tod in Hollywood“ (ein guter, aber auch in die Irre führender Titel) lässt eine Satire auf Hollywood und die Engländer, zusammengehalten von einer Liebesgeschichte, erwarten. Aber eigentlich ist der Roman eine Abfolge eher unzusammenhängender Betrachtungen, in denen gerade die ersten gefallen. Hier beschreibt Waugh, der selbst in einer ähnlichen Situation in Hollywood war (ein Produzent wollte seinen Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ verfilmen und Waugh, der die Filmrechte nicht verkaufen wollte, ließ sich mehrere Wochen aushalten), in meist langen Monologen das Leben und die Weltsicht der snobistischen Engländer in Hollywood. Diese Beschreibungen sind wahrscheinlich nur leicht überspitzt. Aber schon die ellenlangen Beschreibungen des Umgangs mit verstorbenen Haustieren, die schon damals in Kalifornien eine würdige (lies „menschenähnliche“) Beerdigung erhielten, langweilen. Die noch längeren Beschreibungen der Bestatter, ihres Handwerks und der kalifornischen Beerdigungssitten und -rituale in den „Elysischen Gefilden“ langweilen noch mehr. Jedenfalls wenn man kein gesteigertes Interesse an einer inzwischen historischen Betrachtung dieses Gewerbes hat. Irgendwann nach der Mitte gibt es dann eine ebenfalls nicht sonderlich interessante Liebesgeschichte zwischen der Leichenkosmetikerin Aimée Thanatogenos und ihren beiden Liebhabern, dem Einbalsamierer Mr. Joyboy und dem Dichter Dennis Barlow. Sie kann sich nicht zwischen den beiden Männern entscheiden und sucht Rat bei der Lebensberatung einer Zeitschrift. Das ist dann mehr eine Abfolge von Episoden, die oft auf verschiedenen Perspektiven und mit Zeitsprüngen erzählt werden, die vor allem Waughs Desinteresse an einer durchgehenden Geschichte zeigen.
Trotzdem war der Roman ein Bestseller. 1965 wurde er, sehr frei, von Tony Richardson, nach einem Drehbuch von Terry Southern und Christopher Isherwood, als „Tod in Hollywood“ (The Loved One) verfilmt. Der Trailer des fast unbekannten Films sieht nach einer ziemlich durchgeknallten Nummernrevue aus. Der Roman ist das Gegenteil.

Evelyn Waugh: Tod in Hollywood
(neu übersetzt von Andrea Ott)
Diogenes, 2015
160 Seiten
20 Euro

Originalausgabe
The Loved One
Chapman & Hall, London, 1948

Deutsche Erstausgabe
Die Arche, Zürich, 1950

Hinweise
Wikipedia über Evelyn Waugh (deutsch, englisch) und „Tod in Hollywood“
Perlentaucher über „Tod in Hollywood“

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