Neu im Kino/Filmkritik: „Ein Atem“, zwei Frauen, eine Geschichte, zwei Perspektiven

Wenn man „Ein Atem“ als Metapher auf das Verhältnis von Deutschland zu Griechenland im Rahmen der Eurokrise betrachtet, dann eröffnet sich eine interessante Interpretationsfolie, die aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass in dem Film nichts auf eine solche Interpretation hinweist. Außer dass der Film in Griechenland und Deutschland spielt. Und dass in Griechenland auch die aktuelle wirtschaftliche Situation für junge Menschen angesprochen wird. Immerhin muss es einen nachvollziehbaren Grund geben, warum eine junge Griechin ihre Heimat verlässt und nach Deutschland geht.
Wenn man auf diese Interpretationsfolie verzichtet oder sie nicht überinterpretieren möchte, bleibt ein Film zurück, der durch seine Konstruktion und seine beiden Hauptfiguren, vor allem die von Jördis Triebel gespielte Tessa, einen auf Distanz hält.
Tessa ist in Frankfurt am Main eine glücklich verheiratete, gut verdienende, studierte, berufstätige Mutter, die für ihre anderthalbjährige Tochter Lotte eine Nanny braucht und eine richtige Helikopter-Mutter ist, die zwar nie da ist und Lotte am liebsten als abwaschbare Puppe hätte, aber trotzdem genau weiß, was sie essen, trinken und tun darf. Von allem möglichst wenig. Die junge Griechin Elena (Chara Mata Giannatou) nimmt die Arbeit an. Sie will, nachdem sie erst in Deutschland von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, mit dieser Arbeit genug Geld für eine Abtreibung verdienen.
Eines Tages, als sie in einer Bäckerei schnell ein Gebäckstück für die schreiende Lotte kauft, verschwindet Lotte spurlos. Angsterfüllt flüchtet sie zurück nach Griechenland.
Während die Polizei in Frankfurt das verschwundene Kind sucht, macht Tessa sich auf den Weg nach Griechenland. Sie weiß, dass Elena Lotte entführt hat. In Athen sucht sie Elena, die von all dem nichts ahnt.
Normalerweise wird in einem Film eine Geschichte erzählt und zwischen verschiedenen Erzählsträngen gewechselt. So wie wir in einen James-Bond-Film erfahren, was der Bösewicht vorhat und tut, während James Bond ihn verfolgt. Oder wenn in „Auf der Flucht“ zwischen Harrison Ford als Flüchtling und Tommy Lee Jones als Verfolger gewechselt wird. In „Ein Atem“ wird dagegen in drei Erzählblöcken zuerst die Geschichte der Griechin, dann die der Deutschen erzählt. Erst am Ende, im Finale, kommen die beiden Geschichten halbwegs zusammen. Allein schon durch diese Konstruktion fühlt sich „Ein Atem“ weniger wie ein Spielfilm mit einer durchgehenden Geschichte, sondern mehr wie eine Kompilation von drei Kurzfilmen an.
Das ist zwar ungewohnt, aber es könnte funktionieren, wenn die Figuren sich nicht durchgehend unvernünftig verhielten und viel zu oft elliptisch um die spannenden Momente herumerzählt wird. So beginnt, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Szene beim Arzt. Die Ärztin sagt, dass sie Elena etwas sagen müsse. In dem Moment, also genau vor der Eröffnung der lebensverändernden Nachricht, bricht die Szene ab. In der nächsten Szene sitzt Elena bei ihrer Freundin. Ihr und uns erzählt sie, was ihr die Ärztin gesagt hat. Nämlich dass sie schwanger sei und dass sie das Baby abtreiben wolle. Besser wäre es gewesen, wenn wir im Gespräch mit der Ärztin gesehen hätten, wie Elena auf die Mitteilung, die ihre gesamten Planungen zerstört, reagiert. So bleiben wir während des gesamten Films immer Beobachter des Geschehens, die sich mehr oder weniger mühsam die Lücken zwischen den Bildern zusammenreimen.
Das ist unschön, aber der Film könnte immer noch funktionieren, wenn das Verhalten von Elena und Tessa, den beiden Hauptfiguren, nicht so irrational wäre. Im ersten Erzählblock wird Elenas Geschichte von ihrem Leben in Griechenland (mit ihrem noch bei seinen Eltern lebendem Freund, der das Land nicht verlassen will) über ihr Leben in Deutschland und ihre Nanny-Arbeit bis zu Lottes Verschwinden erzählt. Es ist eine typische Auswanderergeschichte, die in diesem Rahmen auch gut funktioniert. Dass Elena dann allerdings nicht die Polizei informiert (immerhin hat sie, wie wir später erfahren, mehrmals versucht Tessa anzurufen), sondern sofort nach Griechenland abhaut, kann nur mit dem Willen des Drehbuchautors erklärt werden.
Der zweite Erzählblock gehört dann Tessa. Jetzt sehen wir einige Ereignisse, die wir vorher aus Elenas Perspektive gesehen haben, aus Tessas Perspektive und wir begleiten sie nach Athen, wo sie Elena sucht. Allerdings wird sie uns nicht sympathischer. Im Gegenteil. Aus der Helikopter-Mutter wird eine rechthaberische, über Leichen gehende Zicke, die Fehler immer nur bei den Anderen sucht, keine Einsicht in ihre eigenen Fehler und ihr Verhalten hat und die Dinge möglichst ungeschickt anpackt.
So, um wieder nur ein Beispiel zu nennen, plakatiert sie, weil sie nicht weiß, wo Elena wohnt, vor einem Laden, in dem Elena arbeitete, steckbriefähnliche Aufrufe, auf denen steht, dass sie Elena, die Entführerin ihres Kindes, suche. Erst als der Geschäftsführer herauskommt und sie auffordert, die Zettel von seinem Geschäft zu entfernen, fragt sie ihn, ob er wisse, wo Elena wohne. Vernünftig wäre es gewesen, wenn sie zuerst ihn gefragt hätte. Oder bei der Polizei um Hilfe gebeten hätte; was sie dann auch später tut. Dass in der Zwischenzeit die deutsche Polizei und ihr Ehemann ihr sagen, dass es absolut keine Spur gäbe, die zu Elena führe, ignoriert sie. Denn eines weiß Tessa mit Sicherheit: sie hat immer Recht.
Da fragte ich mich, wer mit diesem wandelndem Katastrophengebiet mehr Zeit als nötig verbringen möchte. Entsprechend gering fiel mein Mitgefühl mit dieser Mutter aus, der es im letzten Erzählblock sogar gelingt, noch unsympathischer zu werden.
Dabei, das muss immerhin zugestanden werden, ist es von Regisseur Christian Zübert, der das Drehbuch mit seiner Frau Ipek schrieb, mutig, Tessa durchgehend jede Einsichtsfähigkeit und Selbstreflektion zu versagen.

Ein Atem - Plakat

Ein Atem (Deutschland/Griechenland 2015)
Regie: Christian Zübert
Drehbuch: Christian Zübert, Ipek Zübert
mit Jördis Triebel, Chara Mata Giannatou, Benjamin Sadler
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Ein Atem“
Moviepilot über „Ein Atem“
Wikipedia über „Ein Atem“

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