Neu im Kino/Filmkritik: „The Boy“ – eine Puppe mit Bedürfnissen

Puppen mit einem Eigenleben sind im Horrorfilm natürlich ein uralte Topoi, der gerade wegen dem offensichtlichen Widerspruch zwischen einem leblosen Gegenstand und ihren Taten, die ohne Bewegung unmöglich sind, gruseligen Spaß macht. Außerdem ist es immer wieder erstaunlich, wie lebendig eine Puppe, die sich nicht bewegt, wirken kann. Vor über einem Jahr sahen wir das in „Annabelle“, einem insgesamt nicht besonders gutem Horrorfilm. Der Puppe Annabelle hätte man einen besseren Film gewünscht.
Auch Brahms, so heißt die Puppe in William Brent Bells zitatfreudigem Horrorfilm „The Boy“, hätte man einen besseren Film gewünscht. Brahms ist eine Porzellanpuppe, die in ihrem Anzug und dem akkuraten Seitenscheitel, wie ein Wiedergänger von Damien (aus den „Omen“-Filmen) aussieht. Er ist der Sohn von Mr. und Mrs. Heelshire, die in einem schlossähnlichem Anwesen mitten im englischen Nirgendwo leben und die Puppe wie ihren vor Jahren durch ein Unglück verstorbenen achtjährigen Sohn behandeln. Deshalb engagieren sie, als sie für einige Tag weg fahren wollen, auch ein Kindermädchen.
Die US-Amerikanerin Greta (Lauren Cohan aus „The Walking Dead“), gerade auf der Flucht vor einer desaströsen Beziehung, soll die Aufgabe übernehmen. Sie ist zunächst irritiert, geht dann aber willig auf die Wahnvorstellung der Heelshires ein. Sie werde, während sie weg sind, ihren Sohn wie ein Kind behandeln und sich selbstverständlich an die ihr überreichten Verhaltensregeln halten. Denn Brahms ist nur solange ein braver Junge, solange diese Regeln befolgt werden.
Dummerweise spielen eben diese Regeln im Film dann, abgesehen von ein, zwei fast schon zufälligen Erwähnungen, keine Rolle. Dabei hätten diese Regeln, die von Greta natürlich sofort ignoriert werden, den Fahrplan für einen eskalierenden Konflikt zwischen dem Kindermädchen und dem Jungen sein können. Man hätte auch die Kulturen aufeinanderprallen lassen können. Also US-amerikanische Unbekümmertheit gegen britische Noblesse. Immerhin wirken die Heelshires und ihr Anwesen, als habe sich seit dem viktorianischen Zeitalter nichts geändert.
Stattdessen gibt es im Film zwei überraschende Wendungen. Die erste wird nicht erklärt. Deshalb ist sie psychologisch unplausibel und unlogisch. Die zweite Wendung, kurz vor dem Finale, erklärt dann zwar die Bedeutung des strikten und teils absurden Regelkatalogs, aber sie wird während des gesamten Films nicht vorbereitet, sondern als Überraschung wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert.
So plätschert „The Boy“ als Ein-Personenstück (wenn wir Brahms und Gretas neuen Freund, einen feschen Dorfburschen, ignorieren) spannungs- und gruselfrei vor sich hin und verschenkt all die schönen erzählerischen Möglichkeiten, die durch seine Prämisse, den Handlungsort und die Lösung auf der Hand liegen.

The Boy - Plakat 4

The Boy (The Boy, USA 2016)
Regie: William Brent Bell
Drehbuch: Stacey Menear
mit Lauren Cohan, Rupert Evans, Jim Norton, Diana Hardcastle, Ben Robson, Jett Klyne
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „The Boy“
Metacritic über „The Boy“
Rotten Tomatoes über „The Boy“
Wikipedia über „The Boy“

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