Neu im Kino/Filmkritik: „Hail, Caesar!“ Hail, Joel Coen! Hail, Ethan Coen!

Nach „A serious Man“, „True Grit“ und „Inside Llewyn Davis“ gönnen sich Joel und Ethan Coen mit „Hail, Caesar!“ eine Auszeit von den schweren und ernsten Stoffen. Ihr neuer Film ist eine leichte Komödie bar jeglichen gesellschaftlichen und auch weitergehenden künstlerischen Anspruchs, der weiter oder tiefer als die glänzende Oberfläche geht. Genau wie für Pedro Almodóvar „Fliegende Liebende“ nach mehreren ernsten Filmen auch nur ein Intermezzo, ein Spaß, eine Entspannungsübung war, in dem er seine altbekannten Themen in altbekannter Weise hübsch aufbereitete, ist auch „Hail, Caesar!“ für die Coens nicht mehr als eine Fingerübung voller Stars und Zitate, die glaubt, auf eine Geschichte verzichten zu können.
Der neue Film der Coen-Brüder entführt in das Hollywood der frühen fünfziger Jahre und erzählt einige Stunden aus dem Leben von Eddie Mannix (Josh Brolin), dem Problemlöser von Capitol Pictures. Nach seiner Beichte, in der der reuige Sünder erzählt, dass er, obwohl er mit dem Rauchen aufgehört hat, geraucht hat, kümmert er sich mitten in der Nacht um ein Starlet, das für verfängliche Fotos posiert. In diesem Moment erscheint Mannix als Bruder von Phil Marlowe. Aber er ist nur der allzuständige Manager, der sich auch um den täglichen Kleinkram kümmert, dabei von den Zwillingsschwestern Thora und Thessaly Thacker (Tilda Swinton in einer Doppelrolle und damit auch mit der doppelten Leinwandpräsenz) als aasige Gesellschaftsreporterinnen (mit realem Vorbild) wegen exklusiver Informationen belästigt wird und die verschiedenen Sets besucht, an denen gerade Filme gedreht werden: ein großes Bibelepos mit Christen und Römern als die Prestigeproduktion des Studios, ein Musical mit einer singenden Wassernixe (keine badende Venus), ein Musical mit stepptanzenden Matrosen, ein Serial-Western mit einem sehr akrobatischen Cowboy und einem Drama, das wie eine missglückte Screwball-Comedy aussieht.
Da verschwindet Baird Whitlock (George Clooney), der Star des Bibelfilms, plötzlich, in einer kurzen Drehpause, spurlos. Mannix glaubt zuerst, dass Whitlock einfach nur eine weitere seiner Kneipentouren unternimmt. Als er die Lösegeldforderung von einer sich „Die Zukunft“ nennenden Gruppe erhält, die behauptet, Whitlock entführt zu haben, beginnt er Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um das Problem zu lösen. Natürlich ohne dass irgendjemand etwas davon erfährt und ohne dass ein Drehtag verloren geht.
Whitlocks Entführer, eine Gruppe kommunistischer Drehbuchautoren und Statisten, sind allerdings gar nicht so schlimm. Sie parlieren mit Whitlock, der ein wahrer Trottel ist und der seine römische Uniform mit unverkennbarem Glauben an seine eigene Herrlichkeit trägt, über den ausbeuterischen Kapitalismus und die kommunistischen Ideen und reichen Häppchen.
„Hail, Caesar!“ ist eine Aneinanderreihung von Episoden, Anekdoten, Liebeserklärungen an Stars, Filme und Genres und eine einzige große Hommage an das Hollywood-Kino der fünfziger Jahre. Das Kino, das die Coen-Brüder in ihrer Kindheit gerade noch genießen konnten und das während ihrer Jugendjahre endgültig aus den Kinos verschwand und in dem sie jetzt wie in einem Bilderbuch blättern. Für jede Szene, jede Figur, jedes Bild kann mindestens eine filmische oder reale Referenz genannt werden. Was allerdings fehlt, ist eine Geschichte, die dieser Nummernrevue pompös eingeführter und oft lieblos fallengelassener Figuren irgendeine Tiefe oder Bedeutung verleihen könnte.
Denn die fünfziger Jahre waren auch die Jahre des Kommunistenhassers McCarthy und der Berufsverbote für echte und vermeintliche Kommunisten. In „Trumbo“, der am 10. März bei uns anläuft, erzählt Jay Roach, ausgehend von der Biographie des erfolgreichen Drehbuchautoren Dalton Trumbo, davon. Sein sehenswerter Film ist der ernste Gegenentwurf zum eskapistischen „Hail, Caesar!“. Dieser Unterschied fällt besonders bei den Figuren auf, die in beiden Filmen auftreten. In „Hail, Caesar!“ unter falschen Namen. In „Trumbo“ unter ihrem echten Namen, als Kolumnistin Hedda Hopper, Drehbuchautor Dalton Trumbo und seine Freunde, die anderen Autoren und Schauspieler, die sich in ihren Häusern trafen und über sozialistische Ideen und den real existierenden Kapitalismus sprachen, während John Wayne und Ronald Reagan die amerikanischen Werte hochhielten.
Aber diese düstere Realität interessiert die Coen-Brüder überhaupt nicht. „Hail, Caesar!“ ist kein zweiter „Barton Fink“ oder „The Big Lebowski“, sondern eher ein zweites „Burn after Reading“, das dieses Mal in einer Traumwelt spielt, die sich Traumfabrik nennt und in der alles nach einer einzigen großen Inszenierung aussieht und nichts von wirklich existenzieller Bedeutung ist.
Auch wenn die Drehbuchautoren philosophisch über den Kapitalismus und die Religionsgelehrten über die Darstellung von Jesus in „Hail, Caesar!“ parlieren dürfen.

Hail Caesar - Plakat

Hail, Caesar! (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
mit Josh Brolin, Alden Ehrenreich, George Clooney, Max Baker, Ralph Fiennes, Heather Goldenhersh, Ian Blackman, Veronica Osorio, Tom Musgrave, David Krumholtz, Tilda Swinton, Fisher Stevens, Patrick Fischler, Fred Melamed, Channing Tatum, Jonah Hill, Frances McDormand, Michael Gambon (Erzähler im Original; in der deutschen Fassung ist Christian Rode der mit pathetischem Ernst die Anekdoten einordnende Erzähler)
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Hail, Caesar!“
Metacritic über „Hail, Caesar!“
Rotten Tomatoes über „Hail, Caesar!“
Wikipedia über „Hail, Caesar!“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte

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