Neu im Kino/Filmkritik: Über den Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück“

Chile, 11. September 1973: General Augusto Pinochet putscht sich gegen den demokratisch gewählten, sozialistischen Präsident Salvador Allende an die Macht und errichtet eine Militärdiktatur, die erst 1990 endet. Der junge, deutsche, linksgerichtete Fotograf und Politkünstler Daniel (Daniel Brühl) wird verhaftet. Er verschwindet, wie unzählige andere Menschen, spurlos. Seine Freundin, die unpolitische Stewardess Lena (Emma Watson), will ihn finden. Er soll in der Colonia Dignidad, einer von dem deutschen Paul Schäfer (Michael Nyqvist) geleiteten, abgeschottet im Süden Chiles residierenden Sekte, sein. Lena schleust sich als unlängst zum Christentum Bekehrte ein und was sie dort entdeckt, ist eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad, die 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet wurde und in der ein urchristliches Leben geführt werden sollte. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn. Seine guten Verbindungen zur Pinochet-Diktatur und zu wichtigen CDU- und vor allem CSU-Mitgliedern schützen ihn und die weitgehend autark lebende ‚Kolonie der Würde‘ vor staatlichen Eingriffen. Gleichzeitig wurde sie zu einem Foltergefängnis, in dem Regimekritiker illegal gefangen gehalten und ermordet wurden. Schon seit den siebziger Jahren gab es zahlreiche Berichte und Bücher über die Sekte, ihre Verflechtungen mit dem Staat und ihrer absolut unchristlichen Umtriebe. Am 24. Mai 2006 wurde der am 24. April 2010 verstorbene Paul Schäfer wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Heute nennt sich die Colonia Dignidad „Villa Baviera“ (Dorf Bayern – kein Kommentar) und sie ist fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.
Das kann sich durch Florian Gallenbergers Film ändern, der zwar den Pfaden des Polit-Thrillers folgt, über die Sekte und die Pinochet-Diktatur aufklärt und auch die damalige revolutionäre Zeit wieder ins Bewusstsein ruft, aber die faschistische Seite der Colonia Dignidad, die Verbindungen der Sekte nach Deutschland, ihre Menschenversuche und auch ihre Giftgas- und Waffengeschäfte weitgehend ignoriert. Das wäre zwar ein anderer Film, aber so ist „Colonia Dignidad“ vor allem ein Einblick in eine etwas skurrile Sekte, die schon damals in der Vergangenheit lebt und einen Führerkult pflegt, der es dem Führer ermöglicht, Herr über Leben und Tod zu sein. Das ist in seiner Beschreibung eines totalitären Systems, das seine Absichten mit hehren Absichten kaum verhüllt, auch gelungen.
Allerdings bleibt man als Zuschauer immer auf der sicheren Seite. Sympathien und Antipathien sind in Gallenbergers Film eindeutig verteilt. Die beiden Protagonisten Lena und Daniel geraten daher nie auch nur ansatzweise in Versuchung ein Mitglied der Sekte zu werden. Denn die Sekte und ihr Anführer wirken von der ersten Sekunde an so abstoßend, dass niemand dort freiwillig Mitglied werden möchte. Entsprechend rätselhaft ist, weil der historische Hintergrund letztendlich mit bekannten Bildern operierendes Zeitkolorit bleibt, dann auch warum jemals irgendjemand dort Mitglied werden möchte und was die Mitglieder so an ihrem Oberhaupt, das sie eiskalt manipulierte, faszinierte. Immerhin verließen die Sektengründer und die ersten Gemeindemitglieder 1961 Deutschland, weil sie eine kommunistische Invasion befürchteten und der Hitler-Faschismus war in Deutschland noch nicht einmal im Ansatz verarbeitet.
Weniger gelungen ist im Rahmen der einfachen Gut-Böse-Zuschreibung und der historisch verbürgten Beschreibung des Sektenlebens, dann die Filmgeschichte. Also Lenas Versuche ihren Freund Daniel zu befreien und auch Daniels Versuche, aus der Sekte zu fliehen. Beide Erzählstränge plätschern eher so vor sich hin. Anstatt aktiv nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen (wie die Gefangenen in „Gesprengte Ketten“, die schon beim Betreten des Lagers versuchen, aus ihm zu flüchten), warten sie geduldig ab, ob sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt. Damit wird der Konflikt zwischen Freiheit und Unfreiheit weit unter seinen erzählerischen Möglichkeiten verkauft.

Colonia Dignidad - Plakat 4

Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück (Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist, Richenda Carey, Vicky Krieps, Jeanne Werner, Julian Ovenden, August Zirner, Martin Wuttke
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Colonia Dignidad“
Moviepilot über „Colonia Dignidad“
Rotten Tomatoes über „Colonia Dignidad“
Wikipedia über „Colonia Dignidad“ (deutsch, englisch)

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