Neu im Kino/Filmkritik: Über Pablo Traperos argentinischen True-Crime-Krimi „El Clan“

Argentinien, in den frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur und vor der Etablierung der Demokratie, betreibt Patriarch Arquimedes Puccio Entführung und Mord als äußerst lukratives Familiengeschäft. Mitten in einem gutbürgerlichen Wohnviertel bei Buenos Aires, zwischen Küche, Wohn- und Schlafzimmer, hält er seine Opfer gefangen und die ganze Familie weiß es, hilft mit und bemüht sich erfolgreich, die Gefangenen zu übersehen. Man lebt ja schließlich unter einem Dach. Die Opfer besorgt der älteste Sohn Alejandro, der Star-Spieler der Rugby-Nationalmannschaft.
Auch Puccio gehört zur geachteten High Society Argentiniens. Schon während der Militärdiktatur, als er für den Geheimdienst arbeitete und gegen echte und vermeintliche Systemgegner vorging, hatte er Einfluss und heute helfen ihm seine einflussreichen Freunde im Staatsapparat. Deshalb vermutet auch niemand, dass sie die gesuchten Entführer der vermögenden Personen sind.
Und weil diese auf den ersten Blick unglaubliche Geschichte wahr ist, war ich auch sehr gespannt auf Pablo Traperos „El Clan“, der in Argentinien mit über 2,6 Millionen Zuschauern (bei 43 Millionen Bewohnern) ein Kassenhit war und der 2015 in Venedig den Silbernen Löwen für die Beste Regie erhielt.
Aber weil Trapero seine Geschichte nicht chronologisch, sondern frei assoziierend erzählt und dabei immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her springt, langweilte ich mich schnell. Denn anstatt eine Geschichte mit einem Protagonisten und einem Konflikt, der einen emotional in die Geschichte hineinzieht, zu erzählen, gibt es nur eine Abfolge von Szenen, die auch in einer anderen Reihenfolge präsentiert werden könnten.
Es ist, als ob irgendjemand vor dem Filmstart die zufällige Wiedergabe ausgewählt hat. Aus einem wahren Gangsterdrama, einer Familiengeschichte voller Dramatik und einem Vater-Sohn-Drama wurde so eine frustrierende Abfolge gut inszenierter Kabinettstückchen, die außerhalb einer nachvollziehbaren Ursache-Wirkungskette und damit ohne irgendeine Entwicklung nur vor sich hin plätschern. Es ist, als betrachte man zwei Stunden das Stillleben einer erschreckend biederen Horrorfamilie, die ihre Verbrechen beim Abendessen verdrängt.

El Clan - Plakat

El Clan (El Clan, Argentinien/Spanien 2015)
Regie: Pablo Trapero
Drehbuch: Pablo Trapero, Esteban Student (Mitautor), Julián Loyala (Mitautor)
mit Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich, Giselle Motta, Gastón Cocchiarale, Franco Masini, Antonia Bengoechea, Stefania Koessl
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Moviepilot über „El Clan“
Metacritic über „El Clan“
Rotten Tomatoes über „El Clan“
Wikipedia über „El Clan“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: