Neu im Kino/Filmkritik: „Familie zu vermieten“, etwas Chaos und Liebe inclusive

Paul-André Delalande ist schon etwas älter, lebt allein, ist depressiv, wird höflich umsorgt von seinem Diener und er dämmert zwischen ausgewachsener Midlife-Krise und grundmelancholisch-pessimistischer Lebenseinstellung in seinem großen Anwesen vor sich hin. Der Frührentner hat noch nicht einmal die Kraft, nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Durch eine Fernsehsendung lernt er Violette Mandini kennen. Sie ist das absolute Gegenteil: arm, gesegnet mit zwei Kindern von verschiedenen Vätern, ebenfalls Single, und, weil sie beim Ladendiebstahl erwischt wurde, mal wieder vor Gericht. Auf der Gerichtstreppe hält sie vor laufender Kamera eine pathetische Rede über die Wichtigkeit von Familie. Paul-André ist fasziniert. Er will eine Familie haben. Aber bevor er eine Familie gründet, will er erst einmal herausfinden, ob ihm das Familienleben überhaupt gefällt. Also schlägt er Violette ein Arrangement vor: Er mietet sich ein halbes Jahr in ihre Familie ein. Violette ist zunächst skeptisch, aber sie braucht das Geld und wirklich gefährlich wirkt der schüchterne Paul-André nicht.

Nachdem Jean-Pierre Améris („Die Anonymen Romantiker“) seine Prämisse etabliert hat, geht es, mit vielen verschenkten Möglichkeiten, im Fahrwasser einer märchenhaften romantischen Komödie zum vorhersehbaren Ende. Denn die Prämisse ist arg ausgedacht, böte aber die Gelegenheit, sich an Klassengegensätzen und damit auch an der französischen Realität abzuarbeiten. Aber die Realität – vor allem Violettes Haus ist ein reines Märchenhaus – und alle Konflikte, die im Zusammenprall von chaotischer Familie und pedantischem Single liegen, werden oft eher unelegant umschifft oder gleich gänzlich ignoriert. Entsprechend unplausibel und auch widersprüchlich handeln Paul-André und Violette. So erzählt Violette ihren Kindern, dass Paul-André ihr neuer Freund sei. Aber anstatt dann den Abend mit ihm zu verbringen, geht sie auf Männerjagd. Und niemand wundert sich. Auch die Liebesgeschichte zwischen ihnen entwickelt sich weniger aus den Charakteren heraus, sondern vor allem weil es im Drehbuch so steht. Bis hin zu einer Begegnung mit Paul-Andrés Mutter und einer Schulfreundin.

Das ist zwar in den Hauptrollen nett gespielt. Vor allem Benoit Poelvoorde und Francois Morel, der seinen Diener spielt, sehen als Paar immer angemessen zerknautscht aus. Der Humor, dafür ist man nach mehreren Fäkalkomödien dankbar, entgleitet nicht in Geschmacklosigkeiten. Sowieso dominiert ein eher stiller, nicht unsympathischer Humor. Aber der gesamte Film ist auch entsetzlich banal.

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Familie zu vermieten (Une Famille à louer, Frankreich/Belgien 2015)

Regie: Jean-Pierre Améris

Drehbuch: Murielle Magellan, Jean-Pierre Améris

mit Benoit Poelvoorde, Virginie Efira, Francois Morel, Philippe Rebbot, Pauline Serieys, Calixte Broisin-Doutaz, Nancy Tate, Edith Scob

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

 

Moviepilot über „Familie zu vermieten“

AlloCiné über „Familie zu vermieten“

Wikipedia über „Familie zu vermieten“ (englisch, französisch)

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