Gerald Kersh meint „Die Toten schauen zu“

Kersh - Die Toten schauen zu

Zur Information: Diese Besprechung enthält Spoiler. Aber nach meiner Einschätzung sind das keine das Lesevergnügen beeinträchtigende Spoiler.

Schon Gerald Kersh „Ouvertüre um Mitternacht“ spielte während der Nazi-Diktatur. 1935 suchten die Sozialreformerin Asta Thundersley und Detective Inspector Dick Turpin in London den Mörder eines zehnjährigen Mädchens. Das war ein Kriminalroman.

Von seinem jetzt auf Deutsch veröffentlichtem Werk „Die Toten schauen zu“ (das Original erschien 1943) kann man das nicht behaupten. Es ist ein Roman und aus der Krimileser-Perspektive, die auf Rätseln, überraschende Wendungen und, meist, die Überführung des Übeltäters geeicht ist, ist das durchaus ein Nachteil. Kersh, dessen heute noch bekanntestes Werk der zweimal verfilmte Noir „Nachts in der Stadt“ (Night and the City, 1938) ist, erzählt, wie die Nazis eine Stadt ausradieren.

In der von den Nazis besetzten Tschechoslowakei erschießt ein Motorradfahrer den skrupellosen SS-Obergruppenführer Max von Bertsch. Die Nazis, die das Land besetzt haben, wollen ein Exempel statuieren. Das Dorf Dudicka, in dessen Nähe ein Motorrad gefunden wurde (später erfahren wir, dass es ein schrottreifes, seit Jahren nicht mehr benutztes Motorrad war), soll den Täter übergeben. Um den Widerstand der Dörfler zu brechen, beginnt SS-Offizier Heinz Horner die Dorfbewohner zu drangsalieren und er lässt sie der Reihe nach erschießen, während seine Männer die Stadt plündern.

Das auch im ausführlichen Nachwort von Angelika Müller erwähnte reale Vorbild für von Bertsch war Reinhard Heydrich, stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, genannt der „Schlächter von Prag“. Auf ihn wurde am 27. Mai 1942 ein Attentat verübt. Am 4. Juni starb er. Am 9. Juni wurde das Dorf Lidice von der Landkarte getilgt. Die Nazis erschossen 177 Männer zwischen 14 und 84 Jahren, deportierten die Frauen nach Ravensbrück, ‚germanisierten‘ neun Kinder und töteten die anderen Kinder.

Kersh schildert diese Racheaktion mit erstaunlich vielen Details, die heute zum Allgemeinwissen gehören, und die damals anscheinend auch schon mehr oder weniger bekannt waren. Die Ereignisse in Dudicka schildert Kersh in vielen kurzen, nüchtern geschilderten Szenen, die ein Kaleidoskop der Ereignisse entfalten und ohne einen Protagonisten auskommen. Am ehesten bieten sich, bei den Dörflern noch die jung Verliebten Max Marek und Anna Horak an. Aber sie sind weitgehend passiv und an den Ereignisse können sie nichts ändern. Sie können die Vernichtung von Dudicka nicht aufhalten. Sie können auch kein Leben retten. Noch nicht einmal ihr eigenes. Aber, wie die letzten Zeilen dieses Panoramas des Schreckens verraten, ist der Widerstand in der Tschechoslowakei ungebrochen.

Deshalb wirkt „Die Toten schauen zu“ auch niemals wie ein schon vor über siebzig Jahren geschriebenes Buch, das vor allem der Propaganda, also der Mobilisierung der Alliierten gegen Nazi-Deutschland, dienen sollte.

Gerald Kersh: Die Toten schauen zu

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2016

240 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

The Dead look on

William Heinemann LTD., 1943

Hinweise

Krimi-Couch über Gerald Kersh

Perlentaucher über Gerald Kersh

Wikipedia über Gerald Kersh

Meine Besprechung von Gerald Kershs „Ouvertüre um Mitternacht” (Prelude to a Certain Midnight, 1947)

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