Neu im Kino/Filmkritik: Melissa McCarthy ist „The Boss“

In den USA eroberte „The Boss“, der neue Film von und mit Melissa McCarthy, gleich den zweiten Platz der Kinocharts, in der zweiten Woche den dritten Platz und die Kosten dürften damit schon jetzt vollständig eingespielt sein. Dass sich die Begeisterung der Kritiker in Grenzen hielt, hat im Moment keinen Einfluss auf ihre Beliebtheit. Auch wenn sie einen auf den ersten Blick unsympathischen Charakter spielt, den sie vor fünfzehn Jahren bei der Impro-Theatergruppe „The Groundlings“ erfand. Sie ist Michelle Darnell, ein Waisenkind, das von jeder potentiellen Pflegefamilie verstoßen wurde und die sich dann ganz allein ganz nach oben arbeitete. Sie ist eine erfolgreiche, großkotzige, allein lebende Unternehmerin mit mehr Geld als Heu. Sie ist der personifizierte amerikanische Traum ohne den Hauch eines sozialen Gewissens oder Empathie für ihre Mitmenschen.

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt wegen Insiderhandel in einem Luxusgefängnis steht sie vor dem Nichts. Also quartiert sie sich bei ihrer ehemaligen, allein lebenden Sekretärin Claire (Kristen Bell) und deren Tochter Rachel (Ella Anderson) ein.

Als sie zu einer Schulversammlung mitgeht, legt sie sich gleich mit einer anderen Mutter an. Aus einer geplanten wohltätigen Keksverkaufsaktion, in der den Schülerinnen in schönster Pfadfindertradition Gemeinschaftswerte beigebracht werden sollen, initiiert sie einen knallharten kapitalistischen Verkaufswettbewerb. Bei ihr erhalten die Schülerinnen keine Fleißpunkte, sondern für jeden verkauften Brownie eine Provision. Schnell baut sie mit den von Claire nach einem Spezialrezept gebackenen Brownies ein Unternehmen auf, das sich über die gesamten USA erstrecken soll. Ihr Ex-Freund und Intimfeind Renault (Peter Dinklage) will ihr Geschäft übernehmen.

The Boss“ ist allerdings keine Wirtschaftssatire. McCarthy versucht das in ihrem Film noch nicht einmal. Denn außer den offensichtlichsten Wirtschaftsgags ignorieren sie und Regisseur Ben Falcone dieses humoristische Potential ihrer Geschichte vollkommen. Die besten Gags, wenn Melissa McCarthy nicht gerade verbal dem Affen Zucker gibt oder in waghalsigen Stunts Treppen herunterfällt, drehen sich dann folgerichtig um, ähem, Frauenbelange, wie einer exzessiven Bräunungsaktion in Claires Badezimmer oder einem langwierigen Bekleidungsratschlag von ihr. Denn Claire will für ein Date ihren ausgewaschenen Lieblingspullover und einen betont unerotischen, aber bequemen BH anziehen. Das sind dann Gags, die in jedem Umfeld funktionieren, aber die Filmgeschichte in keinster Weise voranbringen oder irgendetwas zum Thema des Films beitragen. Dafür verstärken sie das Gefühl, dass man gerade eine Episode aus einer Sitcom sieht. Allerdings eine mit nicht besonders glaubwürdigen Charakteren. Oder glaubt jemand wirklich ernsthaft, dass Claire in punkto Beziehungen Ratschläge von Michelle Darnelle nötig hat?

So wird vieles zwar angesprochen, aber nichts konsequent zu Ende erzählt. Entsprechend lieblos wird die Geschichte von der Läuterung des Ekels erzählt. Anstatt nämlich Michelle Darnells Lebensphilosophie, dass Geld ein Ersatz für Familie, Liebe und Geborgenheit ist, konsequent in jeder Szene zu prüfen und immer wieder die verschiedenen Werte von Familie, Gemeinschaft und Kapitalismus aufeinanderprallen zu lassen, schweifen die Macher immer wieder ab in letztendlich belanglose Episoden und einen ziemlich absurden dritten Akt, in dem dann Michelle, Claire und ihr Freund wie Dick & Doof in Renaults riesiges Bürohaus einbrechen.

Einen großen Teil an dieser so entstandenen ziemlich umfassenden Enttäuschung liegt dabei an Melissa McCarthy, die als Schauspielerin und Komikerin überzeugt, aber als Mit-Drehbuchautorin sich einfach zu sehr auf den Star und die Sketche verlässt, während sie die erzählerische Logik links liegen lässt. Insofern ist „The Boss“ nach „Tammy – Voll abgefahren“, wo sie ebenfalls Mit-Drehbuchautorin war, ein Schritt zurück in seichte Gewässer. In „Tammy“ versuchte sie in der zweiten Hälfte des Films aus dem Komödienfach mit festgelegter Rolle in das dramatische Fach aufzubrechen. In „The Boss“ ist von solchen Ambitionen nichts zu spüren. Genaugenommen ist noch nicht einmal von irgendwelchen Ambitionen etwas zu spüren. Dafür ist „The Boss“ einfach zu selbstgenügsam in der Präsentation von Melissa McCarthy als Fixstern in einem sich nur um sie drehendem Kosmos.

The Boss - Plakat

The Boss (The Boss, USA 2016)

Regie: Ben Falcone

Drehbuch: Melissa McCarthy, Ben Falcone, Steve Mallory

mit Melissa McCarthy, Kristen Bell, Peter Dinklage, Ella Anderson, Tyler Labine, Kathy Bates, Cecily Strong, Mary Sohn,Tim Simons, Kristen Schaal, Ben Falcone

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Boss“

Metacritic über „The Boss“

Rotten Tomatoes über „The Boss“

Wikipedia über „The Boss“

Meine Besprechung von Ben Falcones „Tammy – Voll abgefahren“ (Tammy, USA 2014)

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