Neu im Kino/Filmkritik: Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ lebt – in den Siebzigern

Wie war das Leben damals in den Siebzigern in einer Kommune? Regisseur Thomas Vinterberg, der in einer solchen Wohngemeinschaft aufwuchs, fand diese Zeit zwischen seinem siebten und neunzehnten Lebensjahr ganz normal. Aber er wurde immer wieder danach gefragt. Also schrieb er zunächst ein Theaterstück und dann, zusammen mit Tobias Lindholm, dessen Drama „A War“ gerade im Kino läuft, ein Drehbuch, das er verfilmte und auf der Berlinale im Wettbewerb präsentierte. Trine Dyrholm wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Mitten in den Siebzigern erbt der Architekt und Universitätsdozent Erik (Ulrich Thomsen) das im Kopenhagener Nobelviertel liegende elterliche Anwesen. Er möchte es sofort gewinnbringend verkaufen. Aber seine Frau Anna (Trine Dyrholm), eine TV-Nachrichtensprecherin, überzeugt ihn, dass sie mit ihrer vierzehnjährigen Tochter einziehen und, um die Kosten zu senken, ihre Freunde als Mitbewohner einladen sollen. Kurz gesagt: sie gründen mit ihren alten und einigen neuen Freunden eine Kommune, in der alles herrschaftsfrei ausdiskutiert und geteilt werden soll. Denn damals war eine Wohngemeinschaft kein Zweckbündnis, sondern ein politisches Statement und ein Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft und zur ebenso bürgerlichen Familie mit ihrem repressiven Charakter. Eine Kommune war die Gegenwart gewordene Utopie einer anderen, besseren, egalitären Gesellschaft.

Das, was auch in Vinterbergs Film so paradiesisch beginnt, böte natürlich die Möglichkeit, mit den Ideen vom Zusammenleben in Kommunen, mehr oder weniger witzig, mehr oder weniger boshaft und mehr oder weniger analytisch, abzurechnen. Immerhin scheiterten die Experimente des herrschaftsfreien Zusammenlebens. Die egalitären und in jeder Beziehung neidfreien Idealvorstellungen erwiesen sich als nicht alltagstauglich. In den real existierenden Kommunen bildeten sich Herrschafts- und Machtstrukturen, die fast immer auch zu einem Ende der Kommune führten. Seltener wurden, beginnend bei Mietzahlungen und Putzplänen, Verfahren entwickelt. „Die Kommune“ könnte auch zur Metapher für das Zusammenleben im Allgemeinen und im Besonderen werden.

Aber für Vinterberg ist seine Jugend eine Zeit voller goldener Erinnerungen und absurder Momente, die – auch wenn der Film höchstens autobiographisch inspiriert ist – einen sehr liebevollen Blick auf die Zeit wirft. Die Filmgeschichte konzentriert sich dabei auf Erik und Anna und ihre Beziehung. Denn Erik verliebt sich in eine seiner Studentinnen. Eine gut aussehende Brigitte-Bardot-Kopie. Als ihre Tochter seine Affäre entdeckt, steht Anna vor der Frage, wie sie damit umgeht. Sie schlägt vor, dass Emma (Helene Reingaard Neumann) bei ihnen einzieht.

Spätestens ab diesem Moment ist offensichtlich, dass „Die Kommune“ kein Ensemblestück ist, in dem die einzelnen Mitglieder der Kommune zu komplexen Charakteren werden, sondern dass es ein Nicht-Ensemble-Ensemblefilm ist. Die anderen Hausbewohner liefern einen zeitgeschichtlichen Hintergrund. Sie sind zusätzliche Farben für ein doch eher banales Ehedrama. Denn selbstverständlich führt die Anwesenheit von Emma in der Kommune zu einigen Problemen und weitreichenden Entscheidungen.

Das gesagt ist „Die Kommune“ auch ein leicht sentimental-verklärender, anekdotischer Rückblick auf eine Zeit, als neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert wurden

Die Kommune - Plakat

Die Kommune (Kollektivet, Dänemark 2016)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm

mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrom Hansen, Lars Ranthe, Fares Fares, Magnus Millang, Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Kommune“

Rotten Tomatoes über „Die Kommune“

Wikipedia über „Die Kommune“ (englisch, dänisch)

Berlinale über „Die Kommune“

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Am grünen Rand der Welt“ (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)

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