Neu im Kino/Filmkritik: „La belle saison – Eine Sommerliebe“, ein schöner Film

Frankreich, 1971: In Paris feiern die 68er noch fröhlich die Revolution. In der Provinz kümmern sich die Bauern um ihre alltäglichen Probleme. Da ist eine Liebesheirat nett, aber letztendlich muss halt ein Hof bewirtet werden und das ist wichtiger als irgendwelche romantischen Vorstellungen von Liebe.

Auch Delphine (Izïa Higelin) weiß das. Aber sie ist lesbisch und zieht nach Paris.

Dort trifft sie Carole (Cécile de France), die mit anderen Frauen in einer überdrehten Spaß-Aktion gegen normalchauvinistische Männer protestiert. Damals, das muss wahrscheinlich heute extra betont werden, war ein Klaps auf den Po einer wildfremden Frau nichts, worüber sich diese Frau aufregen sollte. Jedenfalls solange es ein Mann tat. Als die Frauengruppe um Carole es bei wildfremden, anzugtragenden Männern tut, halten die Betroffenen es für ein mehr als unverschämtes Verhalten.

Anschließend lädt Carole Delphine, die ihr spontan gegen einen dieser Männer half, zu einem Treffen der Frauengruppe in der Universität ein. Delphine kommt – und wir erleben die erste, sehr angenehme Überraschung. Delphine, die Frau vom Land, ist der aktive Teil, während die hippe, politisch engagierte Carole noch in einer heterosexuellen Beziehung lebt und erst langsam von ihren Gefühlen überzeugt werden muss.

Die glücklichen Tage in Paris enden, als Delphines Vater einen Schlaganfall hat, von dem er sich nicht mehr erholt. Sie kehrt zurück auf den elterlichen Hof, bewirtet ihn mit ihrer Mutter (Noémie Lvovsky) und steht, in der zweiten Hälfte des Films, vor der Frage, was sie tun soll: den Hof übernehmen und ein bürgerliches Leben führen oder sich zu ihrer Liebe bekennen und für immer den Hof, das Dorf und die Gemeinschaft, in der sie groß wurde, verlassen. Oder, – immerhin ist Carole, zunächst nur für den Sommer, bei ihr -, vielleicht muss Delphine sich nicht zwischen diesen beiden Lebensentwürfen entscheiden.

In ihrem neuesten Film „La belle saison – Eine Sommerliebe“ entfaltet Catherine Corsini („Die Affäre“ mit Kristin Scott Thomas) ihre Liebesgeschichte vor einem satten Siebziger-Jahre-Zeitkolorit, in dem Konventionen hinterfragt und für eine bessere Gesellschaft gekämpft wurde. Dabei konzentriert sie sich auf wenige Charaktere und ihre Konflikte, die sie facettenreich auslotet. Oft zeigt sie in nur einem Satz oder einer Geste, in welchen Traditionen und Konventionen die Menschen, vor allem natürlich Delphine, ihre Freundin und ihre Mutter, stecken.

Vor den damaligen gesellschaftlichen Umbrüchen, die erst mit einer Verzögerung in der Provinz ankamen, entfaltet sich die Liebesgeschichte zwischen Carole und Delphine, die sich zwischen Liebe und Beruf entscheiden muss. In der durchaus freizügig erzählten Liebesgeschichte werden immer wieder die Erwartungen des Zuschauers gebrochen und die Erzählkonventionen über die Geschichte der großen, wahren und einzigen Liebe so weit gegen den Strich gebürstet, dass die Geschichte von „La belle saison“ absolut realistisch wirkt. Damals und heute.

La belle saison - Plakat

La belle saison – Eine Sommerliebe (La belle saison, Frankreich/Belgien 2015)

Regie: Catherine Corsini

Drehbuch: Catherine Corsini, Laurette Polmanss

mit Cécile de France, Izïa Higelin, Noémi Lvovsky, Kévin Azais, Laetitia Dosch, Benjamin Bellecour

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „La belle saison“

Rotten Tomatoes über „La belle saison“

Wikipedia über „La belle saison“ (englisch, französisch)

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