Neu im Kino/Filmkritik: Familientradition – Auch „Victor Frankenstein“ erschafft ein Monster

Die Geschichte von Doktor Frankenstein und seinem Monster dürfte bekannt sein. Im 19. Jahrhundert experimentiert der Doktor mit Leichenteilen, aus denen er ein lebendiges Wesen erschaffen will. Mit Blitzen, Strom und elektrischer Energie als Hilfsmittel. In einer stürmischen Nacht gelingt es ihm. Aber seine Kreatur, das „Monster“, verursacht Probleme.

Marry Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ erschien 1818. Seitdem gab es zahlreiche, mehr oder weniger werkferne Verfilmungen, von denen James Whales „Frankenstein“ (USA 1931) und seine Fortsetzung „Frankensteins Braut“ (USA 1935) die bekanntesten sind und alle weiteren Verfilmungen beeinflussten. Das von Boris Karloff verkörperte Monster wurde ein fester Teil der Popkultur.

Jetzt legt Paul McGuigan, nach einem Drehbuch von Max Landis, seine Version von Frankenstein vor, die auch eine Neuinterpretation und ein Spiel mit den bekannten Elementen in einem anderen Umfeld ist. McGuigan inszenierte „Gangster Nr. 1“, „Lucky Number Slevin“ und mehrere „Sherlock“-Filme. Der Stil der „Sherlock“-Filme und der beiden Sherlock-Holmes-Filme von Guy Ritchie beeinflusste überdeutlich „Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“. Max Landis ist ein Tausendsassa, der gerne bekannte Geschichten und Genretopoi mit vielen Anspielungen neu interpretiert. Zuletzt im Kino als Autor der Actionkomödie „American Ultra“. Nicht immer, wie jetzt bei „Victor Frankenstein“, überzeugt das Ergebnis.

In dem Film ist Victor Frankenstein (James McAvoy), ein Bruder von Henry Frankenstein (dem Doktor aus dem 1931er „Frankenstein“). Er lebt als Medizinstudent in einem viktorianischen Steampunk-London in einem mitten in der Stadt gelegenem Anwesen, in dem er seine Experimente mit, zunächst, Tieren durchführt.

Als er den Zirkus besucht, entdeckt er Igor (Daniel Radcliffe), einen buckligen Clown, der allerdings hyperintelligent ist und aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Jedenfalls größtenteils. Frankenstein befreit ihn in einer atemberaubenden Aktion, in der Action Hirn ersetzt. McGuigan inszeniert das, als müsse er „Sherlock“ im viktorianischen London inszenieren. Und James McAvoy spielt Victor Frankenstein als bewerbe er sich für „Sherlock“. Aber vielleicht müssen Intelligenzbestien heute ganz einfach wie Sherlock Holmes sein.

Frankensteins Experimente werden von dem tiefgläubigen Polizeiinspektor Roderick Turpin (Andrew Scott – jaja, der Moriarty aus „Sherlock“) kritisch beäugt.

Nachdem sich Frankensteins Experimente mit Tieren in London immer schwieriger gestalten, geht es im dritten Akt von „Viktor Frankenstein“ an die Küste in eine einsam gelegene Burg. Dort wird, unterstützt durch seinen Kommilitonen Finnegan (Freddie Fox), der als adliger Spross stinkreich und einflussreich ist, das Monster geschaffen – und ich war, während die Geschichte jetzt immer mehr Züge einer Alan-Moore-Geschichte hat, erleichtert, dass die Macher doch noch das lange erwartete Monster präsentieren und „Victor Frankenstein“ nicht nur der Prolog für den nächsten Film ist, in dem der Doktor dann sein menschenähnliches Monster erschafft.

Das ist aber auch eines der Probleme von „Victor Frankenstein“. Die Geschichte plätschert viel zu lange vor sich hin, während sie einige Elemente neu interpretiert und Frankenstein und Igor zu einem Buddy-Duo werden. Das wirkt viel zu oft wie eine fehlgeleitete Episode von „Sherlock“; mit Igor als Dr. Watson und, nun ja, Inspektor Turpin als Inspektor Lestrade. Wenn dann, weit in der zweiten Hälfte des Films, mit dem Auftauchen von Finnegan und seinem Vater als eigennütziger Förderer von Frankensteins Experimenten eine potentiell interessante Verschwörungsgeschichte angedeutet wird, ist die Zeit um.

Victor Frankenstein“ ist trotz vieler Ideen und einer auf dem Papier nicht uninteressanten Neuinterpretation der bekannten Geschichte, letztendlich weder ein guter, noch ein schlechter, sondern ein gänzlich uninteressanter Film.

Viktor Frankenstein - Plakat

Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn (Victor Frankenstein, USA 2015)

Regie: Paul McGuigan

Drehbuch: Max Landis

mit James McAvoy, Daniel Radcliffe, Jessica Brown Findlay, Andres Scott, Charles Dance, Freddie Fox, Guillaume Delaunay, Mark Gatiss (jaja, auch bekannt aus „Sherlock“)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Victor Frankenstein“

Metacritic über „Victor Frankenstein“

Rotten Tomatoes über „Victor Frankenstein“

Wikipedia über „Victor Frankenstein“ (deutsch, englisch)

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