Neu im Kino/Filmkritik: „Remainder“ – Erinnerungsreste, oder was?

Was für ein Debüt. Omer Fast, der schon seit Jahren als Videokünstler bekannt ist, verfilmt einen Roman von Tom McCarthy, nimmt sich dabei einige Freiheiten und er gewinnt auf ganzer Linie.

Im Mittelpunkt des schön zwischen den Kategorien und Erwartungen stehenden Films steht Tom (Tom Sturridge). An einem sonnigen Tag fällt mitten in der Stadt ein Glasdach auf ihn. Er überlebt den Unfall schwerverletzt. Nach einer längeren Genesungsphase kann er wieder halbwegs laufen, erinnert sich an Nichts und hat mit einer Entschädigungssumme von 8,5 Millionen Pfund finanziell ausgesorgt. Er hat keine Familie, die ihn unterstützt, aber immerhin zwei Freunde, Catherine (Cush Jumbo) und Greg (Ed Speleers), die ihm aber auch nicht seine drängendsten Fragen beantworten können oder wollen.

Tom versucht zunehmend fanatisch seine Vergangenheit zu erkunden. Er will den Erinnerungsfetzen einen Sinn geben und er will wissen, warum er am Unfallort war und warum damals für ihn ein Koffer wichtig war.

Er engagiert Naz (Arsher Ali), der für ihn Recherchen erledigt und ihm bei seinen seltsamen Reenactments hilft. Zuerst indem sie ein Haus entmieten und es mit Menschen bevölkern, die Erinnerungen von Tom verkörpern sollen und die sich in einer bestimmten Art und Weise bewegen müssen. Später indem ein Banküberfall nachgestellt wird. Dabei will Tom den Banküberfall zunehmend realistisch gestalten. Er erhofft sich so einen Aufschluss über seine Vergangenheit.

Gleichzeitig wird er von zwei Männern verfolgt.

Remainder“ ist, wie Christopher Nolans „Inception“, allerdings mit einem deutlich geringerem Budget, ein Film der sich in den Kopf seines Protagonisten einschleust, einer wundervoll verschachtelten Konstruktion folgt – Fast sagt er habe die Handlung formal als eine 8 aufgebaut; man könnte auch von einem Möbiusband reden – und Tom am Ende wieder an genau dem Ort steht, an dem er am Anfang stand. Aber jetzt wissen wir, wer die geheimnisvolle Frau ist und was in dem Koffer ist. Einerseits. Andererseits kann, in einer streng realistischen Betrachtung, der Anfang nicht das Ende sein und damit kann die Lösung nicht die Lösung sein.

Omer Fast kann seine mit Schwarzem Humor gewürzte, unterkühlt erzählte Geschichte durchgehend abstrakt und mehrdeutig erzählen und auf eine eindeutige Interpretation verzichten, weil er Toms Suche nach seinem früheren Leben konsequent als Thriller erzählt. Damit ist eine Grundspannung und ein Interesse an dem Ende gewährleistet.

Remainder“ ist ein köstlicher Mindfuck-Film, der sich vor dem schon erwähnten „Inception“ nicht verstecken muss. Im Gegenteil. Gerade wegen seiner weniger fantastischen Geschichte und dem klugen Umgang mit seinen beschränkten Mitteln regt er viel mehr zum Nachdenken an.

Remainder - Plakat 4

Remainder (Remainder, Großbritannien/Deutschland 2016)

Regie: Omer Fast

Drehbuch: Omer Fast

LV: Tom McCarthy: Remainder, 2005 (8 ½ Millionen)

mit Tom Sturridge, Cush Jumbo, Ed Speleers, Arsher Ali, Shaun Prendergast

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Remainder“

Rotten Tomatoes über „Remainder“

Wikipedia überRemainder“ und Omer Fast (deutsch, englisch)

Omer Fast auf der diesjährigen Berlinale (Bild- und Tonqualität sind nicht gut; also nur für Fans)

Omer Fast auf der New Directors/New Films 2016 – in einer richtig guten Bild- und Tonqualität

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