Neu im Kino/Filmkritik: „Everybody wants some!!“ – Richard Linklaters Reise zurück in die Achtziger

Da liefert mir Hannah Pilarczyk auf Spiegel Online mit ihrer Nicht-Kritik über Richard Linklaters neuen Film „Everybody wants some!!“ doch glatt die Steilvorlage für den Einstieg in meine Besprechung des Films. Sie schreibt:

Das alles kann man schreiben. Allein: Der Film hat mir keine Freude bereitet. Ich habe das alles erkannt und dennoch nicht gelacht. (…)

Stattdessen hat mich dieser Film dazu gebracht, ganz grundlegend über die Aufgabe einer Filmkritik nachzudenken. Das soeben Angeführte ist die Summe des Wissen, (…)

Einen ähnlichen Kenntnisstand kann man bei der durchschnittlichen Kinobesucherin, beim durchschnittlichen Kinobesucher nicht voraussetzen. Muss ich ihn als Kritikerin deshalb liefern? Auch wenn er nur das Wissen über den Film vergrößert, aber nicht den Spaß daran?“

Ob eine Kritik den „Spaß“ an einem Film vergrößern kann, weiß ich nicht. Das liegt daran, was man unter „Spaß“ versteht. Und „Freude“ bei einem Film ist auch okay. Wobei sie hier mit „Freude“ wohl nicht „Wohlgefallen“ oder „Vergnügen“, sondern allgemeiner meint, er habe sie nicht angesprochen; sie in keinster Weise berührt. Zum Beispiel wird niemand von einem Film von Michael Haneke, Ulrich Seidl oder Todd Solondz „Freude“ erwarten und auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, wird sagen, Roman Polanskis „Der Pianist“ (am Sonntag auf Arte) habe ihr Freude bereitet. Aber es sind sehenswerte, gute Filme, die einen berühren und mit denen sich eine Auseinandersetzung lohnt.

Eine Kritik als eine begründete Meinung sollte genau dazu einladen. D. h.: ich versuche meine Meinung zum Film nachvollziehbar zu erläutern. Ich schreibe auch, um was es in dem Film geht, was der Regisseur zeigen wollte, ob er das erreicht und warum es nach welchem Standard und nach welchen Erwartungen ein gelungener oder misslungener Film ist. Die Kritik sollte den Leser auch befähigen zu beurteilen, ob ihm der Film gefallen könnte. Und, wenn er ihn schon gesehen hat, neue Informationen und Einsichten vermitteln. Also zum Beispiel, warum er ihm nicht gefallen hat, oder warum er vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie er glaubt. Insofern ist eine Kritik immer eine persönliche und natürlich subjektive, aber informierte Auseinandersetzung mit dem Film, die mehr als ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ ist und bei der das Ego und die persönlichen Befindlichkeiten des Verfassers nicht im Mittelpunkt stehen sollten.

Richard Linklaters neuer Film hat mir auch nicht gefallen. Ich fand ihn langweilig und auch ich konnte für keinen Charakter irgendetwas empfinden, obwohl mir Linklaters andere Filme gefallen, er wieder einen autobiographischen Stoff inszenierte und der Film, siehe Rotten TomatoesLINK, bei der US-Kritik überaus gut ankommt.

Wo also lief es für mich (okay, nicht nur für mich) schief?

Everybody wants some!!“ erzählt von den letzten Tagen vor dem Beginn des Studiums. Im Sommer 1980 kommt Jake Bradford als Neuling an die Southeast Texas State University. Er gehört zum Baseball-Team und hat ein Zimmer in dem in der Stadt gelegenem Studentenwohnheim des Baseball-Teams. Seine Mitbewohner nehmen ihn auf und ziehen mit ihm an dem Wochenende vor dem College-Beginn um die Häuser. Sie nehmen feste und flüssige Drogen. Sie amüsieren sich in verschiedenen Lokalen von einer Disco über einen Punk-Schuppen und eine Country-&-Western-Bar hin zu einer Party im Studentenwohnheim der Kunst-Studenten. Sie spielen etwas Baseball. Sie haben Sex – oder versuchen es. Sie hängen ab. Und am Montag hängen sie müde in der ersten Vorlesung.

Der 1960 geborene Texaner Linklater, der selbst an der Universität Baseball spielte, blickt mit „Everybody wants some!!“ auf seine College-Zeit zurück und er schließt auch an „Dazed and Confused – Sommer der Ausgeflippten“ (Dazed and Confused, USA 1993) an. In diesem autobiographisch inspiriertem Film erzählt er in Episoden von den Erlebnissen mehrerer High-School-Freshmen und den Schülern der Abschlussklasse im Sommer 1976 in Texas. Es geht von der ersten Minute an um den Abschied aus der vertrauten Schule und Umgebung und um den Aufbruch in eine neue Welt. Die Folie, vor der sich alles abspielt, ist das Wissen, dass nach dieser Nacht alles anders sein wird.

Genau diese Folie fehlt „Everybody wants some!!“. Es geht zwar auch um die Aufnahme eines neuen Schülers in die Gemeinschaft, aber dieses Mal gibt es kein Ziel. Also ob das Wochenende der letzte Abschied von der unbeschwerten Jugend oder der Anfang der Eroberung einer neuen, schöneren, offeneren, mehr Möglichkeiten bietenden Welt ist. Es wird nur ein Wochenende gezeigt, bei dem es egal ist, ob es am Anfang oder Ende oder in der Mitte des Semesters oder des Studiums spielt.

Allein das führt schon zu einer Distanz zum Erzählten. Es gibt nämlich keinen Rahmen, in den man die Episoden sinnvoll einordnen kann und die ihnen damit eine größere Bedeutung verleihen. So ist es nur der Tanz in der Disco, das Besäufnis, der wirre Vortrag eines kiffenden Mitstudenten und die nächste Schönheit, die man erobern will.

Dazu kommt das Ensemble von jungen, unbekannten Schauspielern, die alle erschreckend eindimensionale Charaktere verkörpern müssen. Denn letztendlich muss sich keiner von ihnen mit einem Problem herumschlagen oder eine Entscheidung treffen. Aber gerade das Treffen von Entscheidungen verrät uns einiges über den Charakter einer Person und je wichtiger für ihn die Entscheidung ist, umso mehr können wir mit ihm mitfühlen.

Dann würden wir auch verstehen, warum der durchgeknallte Student, der wie eine Kopie von „Taxi Driver“ Travis Bickle wirkt, so ist, wie er ist. In dem Film erleben wir ihn zuerst in der Disco als den grundlos für Ärger sorgenden Psychopathen, mit dem wir keine zwei Sekunden zusammen sein wollen. Später sollen wir glauben, dass er ein wichtiges und durchaus respektiertes Mitglied des Baseball-Teams ist. Nur: wir glauben es nicht.

Ein anderes, älteres Mitglied aus dem Team verschwindet plötzlich, weil er seine College-Zulassung fälschte. Aus diesem Charakter hätte man durchaus etwas machen können, aber in dem Film bleibt er so nebensächlich, dass nicht nur ich mich fragte, wer er denn genau war, was er vorher in dem Film gemacht hat und, verdammt noch mal, welches Teammitglied er war.

Ebenso austauschbar bleiben die vielen anderen Charaktere. Über keinen will man unbedingt mehr erfahren, von keinem erwartet man sehnsüchtig den nächsten Auftritt und keinen würde man, wenn er plötzlich aus dem Film ausscheiden würde, vermissen.

So bleibt aber alles an der Oberfläche. Als ob man ein altes Fotoalbum durchblättert.

Everybody wants some

Everybody wants some!! (Everybody wants some!!, USA 2016)

Regie: Richard Linklater

Drehbuch: Richard Linklater

mit Will Brittain, Zoey Deutch, Ryan Guzman, Tyler Hoechlin, Blake Jenner, J. Quinton Johnson, Glen Powell, Wyatt Russell

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Everybody wants some!!“

Metacritic über „Everybody wants some!!“

Rotten Tomatoes über „Everybody wants some!!“

Wikipedia über „Everybody wants some!!“

Meine Besprechung von Richard Linklaters „Before Midnight“ (Before Midnight, USA 2013)

Richard Linklater in der Kriminalakte

Ein ausführliches Gespräch mit Richard Linklater über den Film und den ganzen Rest

Ein etwas kürzeres Gespräch mit ihm über den Film

Und eines mit ihm, Rick Keeler und Tyler Hoechlin (beides Mitstudenten von Linklater) und über den Film und ihre gemeinsame Uni-Zeit

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