Neu im Kino/Filmkritik: „Der Moment der Wahrheit“ für CBS-Journalistin Mary Mapes

Über die Meldung, dass George Bush seine Militärzeit nicht in Vietnam an der Front, sondern in der Heimat verbrachte und dort auch noch notorisch nicht zum Dienst erschien, wurde auch in Deutschland berichtet. Bush, dessen „war on terror“ schon damals umstritten war, kämpfte 2004 um eine zweite Amtszeit. Sein Herausforderer John Kerry war ein mehrfach dekorierter Kriegsheld und Vietnamveteran,

Was damals allerdings genau geschah, will „Zodiac – Die Spur des Killers“-Drehbuchautor James Vanderbilt in seinem Regiedebüt erzählen und er liefert damit einen guten Einblick in die tägliche Arbeit von Journalisten und wie eine prestigeträchtige Sendung, nämlich „60 Minutes II“ (das ist die Mittwochsausgabe des sonntags laufenden CBS-Nachrichtenmagazin „60 Minutes“) produziert wird. Mary Mapes (Cate Blanchett) ist die Produzentin, die auch die Folter in Abu Ghraib öffentlich machte und dafür 2005 einen Peabody-Award erhielt. Langjähriger Sprecher der Sendung ist Dan Rather (Robert Redford). Eine nationale Institution.

Jetzt, im Sommer 2004, erfährt Mapes von den Unregelmäßigkeiten während Bushs Dienstzeit. Weil auch andere Medien die Geschichte recherchieren, soll sie für ihre Sendung eine Reportage darüber anfertigen. Mit den Journalisten Mike Smith (Topher Grace) und Lucy Scott (Elisabeth Moss) und Oberst Roger Charles (Dennis Quaid), dem Militärexperten von CBS News, beginnt sie mit der Recherche. Sie finden mehr oder weniger aussagekräftige Beweise in verschiedenen Akten, es gibt Aussagen von Soldaten über Bushs Dienstzeit die nur einen Schluss zulassen: schon seine Einberufung bei der Texas Air National Guard wurde von politischen Freunden der Familie lanciert. Während seiner gesamten Dienstzeit wurde er protegiert und auch seine vorzeitige Entlassung war eine Bevorzugung gegenüber allen anderen Dienstleistenden. Dass er dann noch nicht einmal zum Dienst erschien, ist nur das berühmte I-Tüpfelchen.

Mapes und Rather brachten diese Nachricht am 8. September 2004 in einer unter Zeitdruck produzierten Sendung und, immerhin sind wir jetzt erst ungefähr in der Mitte des Films, die Sendung wird heftig kritisiert. Die Beweise sollen Fälschungen sein. Das betrifft vor allem die von dem schon vor der Sendung verstorbenen Oberstleutnant Jerry B. Killian geschriebenen und unterzeichneten Papiere, die im Zentrum der Reportage standen. Er war in Houston Bushs Vorgesetzter bei der 111. Fliegerstaffel. Zeugen sollen gelogen haben. Es soll Verbindungen zwischen Mapes und dem Kerry-Lager geben.

Nicht erwähnt wird in Vanderbilts Film, der vor allem auf Mary Mapes Buch über die Affäre basiert, dass es auch grobe handwerkliche Mängel in der Story gab, die zu eben dieser Kritik an nicht ausreichend verifizierten Dokumenten und seltsamen Befragungen führten. Denn die Fakten sind inzwischen unbestritten und auch mehrere Zeitungen schrieben über Bushs Dienstzeit, ohne dass die Kritiker, also das Bush-Lager im engeren und weiteren Sinn, sie so einfach kritisieren konnte.

In diesem Moment wird „Der Moment der Wahrheit“ zu einem Stück, das auch ‚Mary Mapes gegen den Rest der Welt (und alle anderen sind blöd)‘ heißen könnte. Sie ist auch glücklich verheiratete Mutter mit einem sie liebevoll und rücksichtsvoll umsorgendem Mann. Sie muss sich gegen all die falschen Vorwürfe von anderen Medien, den CBS-Oberen und Anwälten, die alle von ihrem Beruf und ihrer Arbeit keine Ahnung haben, wehren. In „Variety“ schrieb Mary Mapes „the film is very much my truth“.

Diese so offensichtliche Einseitigkeit, präsentiert als objektive Nacherzählung der Ereignisse, mit didaktischen und pathetischen Abschweifungen, verdirbt einem schnell die Lust an dem brav inszeniertem Film. Dazu muss man, weil man sich schon beim Ansehen manipuliert fühlt, noch nicht einmal die wahren Hintergründe der Affäre, die zu ihrer und Rathers Entlassung führten, kennen.

Dass mit „Spotlight“ erst vor wenigen Monaten ein in jeder Beziehung besserer Film über die Arbeit von investigativen Journalisten erschien, lässt „Der Moment der Wahrheit“ als einen noch schlechteren Film, als das moralische Erbauungsstück der Woche, das seine Agenda und Ansichten wie eine Sonntagspredigt vor sich her trägt, erscheinen.

Der Moment der Wahrheit - Plakat

Der Moment der Wahrheit (Truth, USA 2015)

Regie: James Vanderbilt

Drehbuch: James Vanderbilt

LV: Mary Mapes: Truth and Duty: The Press, The President and The Privilege of Power, 2005

mit Cate Blanchett, Robert Redford, Topher Grace, Dennis Quaid, Elisabeth Moss, Bruce Greenwood, Stacy Keach, John Benjamin Hickey, Dermot Mulroney

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Moment der Wahrheit“

Metacritic über „Der Moment der Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Der Moment der Wahrheit“

Wikipedia über „Der Moment der Wahrheit“

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