Neu im Kino/Filmkritik: Felix van Groeningen begrüßt uns im „Café Belgica“

Felix van Groeningens vorheriger Film „The Broken Circle“ wurde mit Preisen überhäuft; vom Berlinale Publikumspreis (Lokalpatriotismus) über den César als bester ausländischer Film und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis bis zur Oscar-Nominierung als bester ausländischer Film. Und im Kino lief er auch ganz gut.

Sein neuester Film „Café Belgica“ ist keine stupide Wiederholung des Erfolgs von „The Broken Circle“, aber auch nicht der komplette Gegenentwurf. Im Zentrum des Films steht das titelgebende „Café Belgica“, eine versifft-gemütliche Kneipe mit viel Musik, auch live, netten Bedienungen und einem netten Publikum, wie es sich für eine ultimative links-alternative Studentenkneipe gehört. Betrieben wird sie von dem Mittzwanziger Jo (Stef Aerts), der nur auf einem Auge sehen kann, etwas schüchtern und vernünftig ist.

Eines Tages taucht sein älterer Bruder Frank (Tom Vermeir, das Leinwanddebüt des Sängers und Gitarristen der Indie-Band „A Brand“) auf. Sie haben sich seit Ewigkeiten nicht gesehen hat. Frank ist verheiratet, Vater, notorisch begeistert und unvernünftig. Er hat gleich große Pläne für das Café Belgica. Jo lässt sich mitreisen und gemeinsam wollen sie aus der kleinen Kneipe, in der jeder willkommen ist, etwas größeres machen.

Das gelingt ihnen, aber der introvertierte Jo und der extrovertierte Frank, die das Kneipenabenteuer als gleichberechtigte Partner beginnen, sind nicht Yin und Yang. Sie ergänzen sich nicht, weil Frank auch ein notorischer Chaot ist, der große Pläne hat, begeistern kann, aber auch die Verantwortung scheut, die er als Geschäftsführer und bald zweimaliger Vater hat. Vor diesen Vaterpflichten und dem bürgerlichen Leben flüchtet er in das Café Belgica und das Nachtleben.

Gleichzeitig wird das Café immer größer und die Brüder bekommen die Probleme, die zum Nachtleben dazu gehören, bis die Ursprungsidee (die man mühelos als Metapher für die gesamte Gesellschaft sehen kann), einen Ort zu schaffen, an dem jeder willkommen ist, zunehmend in den Hintergrund gerät. Jedenfalls für Frank.

Das Café Belgica hat mit dem Café Charlatan ein reales Vorbild. Der Vater des Regisseurs Felix van Groeningen betrieb das im historischen Zentrum der Studentenstadt Gent liegende Café von 1989 bis 2000. Van Groeningen jobbte in ihm und viele Geschichten, die sich in und um das Café zutrugen, flossen in das Drehbuch für „Café Belgica“ ein. Die Filmmusik ist von Soulwax, die auch gleich noch einige Bands erfanden, die im Film auftreten. Und der Film fängt diese Atmosphäre der Geborgenheit in einer Musikkneipe, der durchgemachten Nächte und der erlebten Sonnenaufgänge gut ein.

Im Mittelpunkt stehen allerdings nicht die Gäste des Café Belgica, sondern die beiden Betreiber, ihr Privatleben, ihre problematische Beziehung und ihr gemeinsames Projekt, das von Anfang an den Keim des Scheiterns in sich trägt. Das regt, im Gegensatz zu „The Broken Circle“, in dem es um ein Bluegrass singendes Paar und ihren Krebstod ging, nicht zum Zücken der Taschentücher ein.

Café Belgica“ ist nämlich Rock’n’Roll mit einem illusionslosem Blick auf die Beschissenheit der Dinge.

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Café Belgica (Belgica, Belgien/Frankreich/Niederlande 2016)

Regie: Felix van Groeningen

Drehbuch: Arne Sierens, Felix van Groeningen

mit Stef Aerts, Tom Vermeir, Hélène Devos, Charlotte Vandermeersch

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Belgische Homepage zum Film

Moviepilot über „Café Belgica“

Metacritic über „Café Belgica“

Rotten Tomatoes über „Café Belgica“

Wikipedia über „Cafe Belgica“ (englisch, niederländisch)

Meine Besprechung von Felix van Groeningens „The Broken Circle“ (The Broken Circle Breakdown, Belgien/Niederlande 2012)

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