Agenten nach dem Ende des Spionageromans: Über Olen Steinhauers „Der Anruf“

Der Anruf von Olen Steinhauer

Für den Spionageroman war der Kalte Krieg das Goldene Zeitalter. Danach hat man sogar kurz überlegt Geheimdienste abzuschaffen. Das wurde nicht getan. Schließlich gab und gibt es ja noch genug andere Feinde, die ausspioniert werden müssen und der Spionageroman erzählt darüber Geschichten, die spannender als die Realität sind. Spätestens seit 9/11 gibt es einen neuen, für Thriller äußerst dankbaren Gegner und Russland, das alte Reich des Bösen, ist seit einigen Jahren als Gegner ja ebenfalls wieder gut im Rennen.

Beide spielen in „Der Anruf“, dem neuen Roman von Olen Steinhauer, eine Rolle.

2012 trifft sich CIA-Agent Henry Pelham in Carmel-by-the-Sea mit seiner früheren Kollegin und Geliebten Celia Favreau, die inzwischen eine glücklich verheiratete Mutter ist. Pelham will sich mit ihr über eine Flugzeugentführung unterhalten, die 2006 in Wien katastrophal endete. Die Maschine war von der islamistischen Terrorgruppe Aslim Taslam entführt worden. 120 Menschen befanden sich an Bord.

Vor seinem Einsatz in Wien war Pelham in Moskau stationiert und er war über die Beendigung der Geiselnahme im Dubrowka-Theater, bei der die fünfzig Geiselnehmer, militante tschetschenische Islamisten, und die 129 Geisel vergiftet wurden, verärgert. Damals musste er auf Befehl von Washington seinen Informanten Ilyas Shishani an den russischen Geheimdienst verraten.

Shishani, der danach zum Terroristen wurde und spurlos verschwand, soll auch in die Flugzeugentführung involviert sein.

In Wien, und das ist der Grund des jetzigen Gesprächs zwischen Pelham und Favreau, gab es im CIA-Personal auch einen Verräter, der die Geiselnehmer über Ahmed Najjar informierte. Der CIA-Informanten war zufällig im Flugzeug und informierte die CIA über die aktuelle Lage in ihm.

Pelham will jetzt mit Favreau über die damaligen Ereignisse reden – und, auch wenn Olen Steinhauer die ersten Seiten aus Pelhams Perspektive erzählt, gibt es im Rahmen der Thrillerkonventionen nur zwei mögliche Täter: Pelham, was ihn zu einem der derzeit beliebten unzuverlässigen Erzähler machen würde, und Favreau.

Diese Beschränkung, auch wenn Steinhauer später Teile aus Favreaus Sicht erzählt, auf zwei Personen und, im Prinzip, einem Handlungsort, raubt dem Agenten-Thriller einiges von seiner potentiellen Spannung. Da helfen dann auch nicht die unterschiedlich in die Handlung eingeflochtenen Rückblenden auf die Ereignisse in Wien 2006.

Steinhauer lässt Pelham und Favreau in der Gegenwart und der Vergangenheit im von mir ungeliebten Präsens reden und beide Ich-Erzähler klingen gleich.

So lässt mich Olen Steinhauers neuer Roman „Der Anruf“ trotz spannender Prämisse, interessanter Konstruktion und einer durchaus gelungenen Schlusspointe ziemlich unbegeistert zurück.

Olen Steinhauer: Der Anruf

(übersetzt von Friedrich Mader)

Blessing, 2016

272 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

All the old knives

Minotaur Books, New York, 2015

Hinweise

Homepage von Olen Steinhauer

Blessing über Olen Steinhauer

Krimi-Couch über Olen Steinhauer

Perlentaucher über Olen Steinhauer

Wikipedia über Olen Steinhauer (deutsch, englisch)

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2 Responses to Agenten nach dem Ende des Spionageromans: Über Olen Steinhauers „Der Anruf“

  1. Peter Herren sagt:

    Und weil der Roman dich nicht begeistert, ist das ein Grund für dich, gleich einen Großteil der Handlung zu spoilern? Fällt mir immer wieder auf bei deinen Buch- und Filmrezensionen. Elendig lange Schachtelsätze – und mehr über den Inhalt, als notwendig ist.

  2. AxelB sagt:

    Lieber Peter,
    ich verrate nicht mehr (unter Umständen sogar weniger) als der Klappentext verrät. Und wenn man die Prämisse von „Der Anruf“ etwas genauer erklärt, dann – ich vermute mal, du kennst den Roman – verrät man auch einiges, was Steinhauer für mein Empfinden zu spät verrät.
    Herzliche Grüße
    Axel

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