Neu im Kino/Filmkritik: Königin Kristina Wasa ist „The Girl King“ – und lesbisch

Als Fünfjährige wird Kristina 1632, mitten im Dreißigjährigem Krieg, die Thronfolgerin für ihren im Kampf gestorbenen, protestantischen Vater König Gustav II. Adolf. Gemäß seinen Anweisungen wird sie zu einem Regenten erzogen. Sie erhält also, was damals ungewöhnlich war, eine rein männliche Ausbildung. Sie lernt Reiten, Fechten, Mathematik, Geographie und mehrere Sprachen. Die Protestantin interessiert sich für Philosophie, Glaubensfragen und die Künste.

1644 übernimmt sie mit 18 Jahren die Regentschaft von Schweden und sie ist eine der Betreiberinnen und Unterzeichnerinnen des Westfälischen Frieden, der 1648 geschlossen wird. Er ist der Ausgangspunkt für das moderne Völkerrecht. Sie versucht, aufgrund ihrer vielfältigen Interessen Stockholm zu einem Zentrum des intellektuellen Lebens zu machen. So korrespondiert sie mit René Descartes und lädt ihn nach Stockholm an ihren prunkvollen Hof ein. Und sie ist, wie der Prager Kunstraub zeigt, nicht zimperlich, wenn es darum ging, ihre Schatzkammer mit Gemälden, Statuen und Kristallen zu füllen.

1650 wird sie zur Königin gekrönt.

1654 dankt sie ab und überlässt die Krone ihrem Cousin Karl Gustav.

Kristina verlässt Schweden, tritt zum Katholizismus über und lebt bis zu ihrem Tod 1689 in Rom, wo die die Accademia dell‘ Arcadia für Philosophie und Literatur gründet.

Mika Kaurismäki, der ältere Bruder von Aki Kaurismäki, inszenierte jetzt mit „The Girl King“ einen Film über diese faszinierende Frau, der sich auf die zehn Jahre zwischen dem Anfang ihrer Regenschaft und ihrer Abdankung konzentriert. Das waren für Kristina bewegte Jahre, aus denen man mehrere Filme machen könnte. Aber „The Girl King“ findet nie eine wirkliche Haltung zu seiner Geschichte und seinem Umgang mit Fakten und mehr oder weniger elaborierter faktenbasierter Fiktion im Dienst einer stringenten Geschichte.

Das liegt auch an der lesbische Liebesgeschichte, die Kristina angedichtet wird und die ihre Abneigung gegenüber einer Heirat erklären soll. Danach war Kristina in ihre Kammerzofe Ebba Sparre verliebt und sie will diese Liebe nicht nur im stillen Kämmerlein ausleben. Denn dort wäre es für Niemanden am Hof ein Problem. Sie will auch keinen der Männer, die um sie werben, heiraten, weil sie sie nicht liebt. Allerdings war damals das Konzept der Liebesheirat noch unbekannt. Heirat war ein politisches Geschäft, um Königshäuser zusammenzulegen. Adoption, wie wir im Film sehen, genauso.

Diese Liebschaft, die sie nicht nur im Verborgenen ausleben will, ist dann auch der Grund und die Möglichkeit, um sie aus ihrem Amt zu drängen. Denn selbstverständlich ist der Freigeist, der neugierig ist und damit auch zwischen dem Protestantismus und dem Katholizismus schwankt, ein Problem für den schwedischen Reichsrat und ihre mehr oder weniger engen Berater. Nachdem der Dreißigjährige Krieg zwischen Protestanten und Katholiken geführt wurde, war die Frage des Glaubens hochpolitisch.

Dazu kamen noch ihre exorbitanten Ausgaben für die schönen Künste, die sie mehr als die Regierungsgeschäfte interessierten.

Da hätte man aus den Bruchstücken von Kristinas Biographie ein kraftvolles Drama erzählen können. Aber Kaurismäkis Film bebildert nur, wie ein Lexikonartikel, ihre Biographie ohne jemals emotional zu packen oder auch nur ein nachhaltiges Interesse für Kristina zu wecken. Martina Gedeck, die drei Szenen als Kristinas dem Wahnsinn verfallende Mutter Maria Eleonora von Brandenburg hat, hinterlässt dagegen einen nachhaltigen Eindruck als Frau, die den Tod ihres Mannes nicht überwinden kann.

The Girl King“ ist halt TV-Ausstattungskino ohne eine erkennbare eigene Handschrift, europäisch finanziert und besetzt mit Schauspielern aus halb Europa.

The Girl King - Plakat

The Girl King (The Girl King, Fnnland/Deutschland/Kanada/Schweden 2015)

Regie: Mika Kaurismäki

Drehbuch: Michel Marc Bouchard

mit Malin Buska, Sarah Gadon, Michael Nyqvist, Lucas Bryant, Laura Birn, Hippolyte Girardot, Peter Lohmeyer, Francois Arnaud, Patrick Bauchau, Jannis Niewöhner, Martina Gedeck

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Girl King“

Metacritic über „The Girl King“

Rotten Tomatoes über „The Girl King“

Wikipedia über „The Girl King“ und Königin Kristina Wasa (deutsch, englisch)

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