DVD-Kritik: „Fast Convoy – Tödlicher Transport“ für Drogen und die Kuriere

Juli 27, 2016

Um 16.06 Uhr fahren sie im südspanischen Malaga in vier dunklen Limousinen los. Die sieben Männer wollen möglichst schnell in Paris sein. Ohne Ärger mit der Polizei zu haben. Denn sie transportieren Drogen. Tausend Kilo Cannabis und eine überraschend hinzugekommene Tasche Koks.

Aber dieses Mal geht der Go Fast schief. Ein Auto gerät in eine Polizeikontrolle. Bei dem Schusswechsel stirbt der Beifahrer. Panisch nimmt angeschossene Elyes auf seiner Flucht Nadia als Geisel und bittet Imad, den Organisator der Fahrt, um Hilfe.

Dieser informiert Alex (Benoît Magimel als wortkarger Profigangster), der als Nachhut bei Problemen eingreifen soll. Alex lädt die Drogen um, zündet Elyes‘ schrottreifes Auto an und fährt mit Elyes und Nadia weiter Richtung Grenze.

Kurz darauf geraten sie in eine weitere Polizeikontrolle und anscheinend wollen andere Gangster den Konvoi ausrauben.

Fast Convoy – Tödlicher Transport“ ist der neue Film von Genre-Regisseur Frédéric Schoendoerffer (Spuren von Blut – Scènes de Crimes, Agents Secrets – Im Fadenkreuz des Todes, Crime Insiders, Switch – Ein mörderischer Tausch, mehrere „Braquo“-Episoden), wieder geschrieben mit seinem Stammautor Yann Brion. Es ist ein schlanker Gangsterthriller, der seine Geschichte ökonomisch und angenehm ruhig erzählt. Bereits von der ersten Minute an, wenn die Fahrt beginnt, weiß man sich in sicheren Händen. Dieses Gefühl als Beifahrer neben einem Profi zu sitzen, verlässt einen bis zum Abspann niemals. Auch wenn einige Hintergründe nicht weiter ausgeführt werden und der Plot sich in den gewohnten Bahnen bewegt. Diese Mal sind diese Bahnen die Leitplanken der Autobahn und der geradlinige Film erzählt mit seinen spärlich, aber vollkommen ausreichend charakterisierten Drogenkurieren und ihrer Geisel nur die Geschichte einer Fahrt, die nicht ihr geplantes Ziel erreicht. Was wir über die Charaktere wissen müssen, erfahren wir über ihre Taten und ihre Gespräche während der Autofahrt.

Als Bonusmaterial gibt es ein 26-minütiges, nicht sonderlich interessantes „Making of“, in dem die Schauspieler einiges erzählen, der Kameramann seinen Einsatz von Farbfiltern erklärt und der Regisseur und Drehbuchautor durch Abwesenheit glänzen.

Fast Convoy - DVD-Cover

Fast Convoy – Tödlicher Transport (Le Convoi, Frankreich 2016)

Regie: Frédéric Schoendoerffer

Drehbuch: Yann Brion, Frédéric Schoendoerffer

mit Benoît Magimel, Reem Kherici, Tewfik Jallab, Mahdi Belemlih, Amir El Kacem, Leon Garel, Sofian Khammes, Foëd Amara, Alain Figlarz

DVD

Ascot Elite

Bild: 1,39:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Französisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Wendecover

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Fast Convoy“

Moviepilot über „Fast Convoy“

Wikipedia über „Fast Convoy“


TV-Tipp für den 27. Juli: Vier im roten Kreis

Juli 26, 2016

Eins Plus, 22.15

Vier im roten Kreis (Frankreich 1970, Regie: Jean-Pierre Melville)

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.

Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.

Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino

mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet

Wiederholung: Donnerstag, 28. Juli, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon

Meine Besprechung von “Der Leopard” (mit Alain Delon und Burt Lancaster)

Meine Besprechung von “Die Abenteurer” (mit Alain Delon und Lino Ventura)

Alain Delon in der Kriminalakte

Wikipedia über Jean-Pierre Melville (deutsch, englisch, französisch)

Senses of Cinema (Adrian Danks) über Jean-Pierre Melville (September 2002)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte


Cover der Woche

Juli 26, 2016

Ambler - Nachruf auf einen Spion - Diogenes


TV-Tipp für den 26. Juli: Union fürs Leben

Juli 26, 2016

RBB, 23.30
Union fürs Leben (Deutschland 2014)
Regie: Frank Marten Pfeiffer, Rouven Rech
Drehbuch: Frank Marten Pfeiffer, Rouven Rech
Äußerst sympathischer Film für Union-Fans, Fußballfans und Nicht-Fußballfans, der anhand der Porträts einiger Fans des kultigen Vereins „1. FC Union Berlin“ etwas über seine bewegte Geschichte (in der DDR war er ein Systemgegner-Verein, heute ist er der sympathische Underdog), seine alle Altersstufen und sozialen Schichten überschreitenden Fans und ihr großes Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Verein schildert; – wobei das natürlich Punkte sind, die für eigentlich jeden Fußballverein zutreffen. Auch ohne alljährliches Adventssingen.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Chris Lopatta, Mario Czaja, Christopher Quiring, Stefan Schützler, Alexander Grambow

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Union fürs Leben“
Moviepilot über „Union fürs Leben“


TV-Tipp für den 25. Juli: Like Father, like Son

Juli 25, 2016

WDR, 23.25

Like Father, like Son (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)

Regie: Hirokazu Kore-eda

Drehbuch: Hirokazu Kore-eda

Was wäre, wenn dein Kind bei der Geburt vertauscht worden wäre? Und was würdest du tun? Das muss sich der statusbewusste Architekt Ryota Nonomiya fragen, als er erfährt, dass genau das vor sechs Jahren geschehen ist.

Hirokazu Kore-eda erhielt für „Like Father, like Son“ in Cannes den Preis der Jury und das ist verständlich. Ruhig und aus Ryotas Perspektive erzählt er von diesem Dilemma. Dabei bleiben die Sympathien für den egoistischen Ryota, der das Kind vor allem als Statussymbol braucht, überschaubar. Aber die angesprochenen Fragen sind universell und Hirokazu Kore-eda behandelt sie auch angemessen komplex in einer scheinbar einfachen Geschichte über zwei gegensätzliche Familien und ihre Kinder in einer Gesellschaft, in der – wenn so ein Fehler entdeckt wird – die Kinder einfach wieder ausgetauscht werden. Adoptionen sind dagegen selten.

Ein sehenswerter Film; auch wenn für die TV-Premiere eine ziemlich unmögliche Uhrzeit gewählt wurde.

mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Keita Ninomiya, Lily Franky, Yoko Maki, Shogen Hwang

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Like Father, like Son“
Moviepilot über „Like Father, like Son“
Metacritic über „Like Father, like Son“
Rotten Tomatoes über „Like Father, like Son“
Wikipedia über „Like Father, like Son“

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Like Father, like Son“ (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Unsere kleine Schwester“ (Umimachi Diary, Japan 2015)


TV-Tipp für den 24. Juli: American Hustle

Juli 24, 2016

Pro7, 20.15

American Hustle (American Hustle, USA 2013)

Regie: David O. Russell

Drehbuch: Eric Warren Singer, David O. Russell

New York in den späten Siebzigern: FBI-Agent DiMaso will einen korrupten Bürgermeister überführen. Dabei sollen ihm der Betrüger Rosenfeld und seine Geliebte helfen.

Durchaus vergnügliche, aber auch von sich selbst zu sehr überzeugte Mega-Retro-Gaunerkomödie, die auf einem wahren Fall basiert.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Christian Bale, Amy Adam, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Jack Huston, Michael Peña, Louis C. K., Shea Whigham, Elisabeth Rohm, Barry Primus, Robert De Niro

Wiederholung: Montag, 25. Juli, 07.25 Uhr (für Frühaufsteher mit spätem Arbeitsbeginn)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „American Hustle“

Moviepilot über „American Hustle“

Metacritic über „American Hustle“

Rotten Tomatoes über „American Hustle“

Wikipedia über „American Hustle“ (deutsch, englisch) und die Operation Abscam (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „American Hustle“

Meine Besprechung von David O. Russells „American Hustle“ (American Hustle, USA 2013)

Meine Besprechung von David O. Russells „Joy – Alles außer gewöhnlich“ (Joy, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Königin Kristina Wasa ist „The Girl King“ – und lesbisch

Juli 24, 2016

Als Fünfjährige wird Kristina 1632, mitten im Dreißigjährigem Krieg, die Thronfolgerin für ihren im Kampf gestorbenen, protestantischen Vater König Gustav II. Adolf. Gemäß seinen Anweisungen wird sie zu einem Regenten erzogen. Sie erhält also, was damals ungewöhnlich war, eine rein männliche Ausbildung. Sie lernt Reiten, Fechten, Mathematik, Geographie und mehrere Sprachen. Die Protestantin interessiert sich für Philosophie, Glaubensfragen und die Künste.

1644 übernimmt sie mit 18 Jahren die Regentschaft von Schweden und sie ist eine der Betreiberinnen und Unterzeichnerinnen des Westfälischen Frieden, der 1648 geschlossen wird. Er ist der Ausgangspunkt für das moderne Völkerrecht. Sie versucht, aufgrund ihrer vielfältigen Interessen Stockholm zu einem Zentrum des intellektuellen Lebens zu machen. So korrespondiert sie mit René Descartes und lädt ihn nach Stockholm an ihren prunkvollen Hof ein. Und sie ist, wie der Prager Kunstraub zeigt, nicht zimperlich, wenn es darum ging, ihre Schatzkammer mit Gemälden, Statuen und Kristallen zu füllen.

1650 wird sie zur Königin gekrönt.

1654 dankt sie ab und überlässt die Krone ihrem Cousin Karl Gustav.

Kristina verlässt Schweden, tritt zum Katholizismus über und lebt bis zu ihrem Tod 1689 in Rom, wo die die Accademia dell‘ Arcadia für Philosophie und Literatur gründet.

Mika Kaurismäki, der ältere Bruder von Aki Kaurismäki, inszenierte jetzt mit „The Girl King“ einen Film über diese faszinierende Frau, der sich auf die zehn Jahre zwischen dem Anfang ihrer Regenschaft und ihrer Abdankung konzentriert. Das waren für Kristina bewegte Jahre, aus denen man mehrere Filme machen könnte. Aber „The Girl King“ findet nie eine wirkliche Haltung zu seiner Geschichte und seinem Umgang mit Fakten und mehr oder weniger elaborierter faktenbasierter Fiktion im Dienst einer stringenten Geschichte.

Das liegt auch an der lesbische Liebesgeschichte, die Kristina angedichtet wird und die ihre Abneigung gegenüber einer Heirat erklären soll. Danach war Kristina in ihre Kammerzofe Ebba Sparre verliebt und sie will diese Liebe nicht nur im stillen Kämmerlein ausleben. Denn dort wäre es für Niemanden am Hof ein Problem. Sie will auch keinen der Männer, die um sie werben, heiraten, weil sie sie nicht liebt. Allerdings war damals das Konzept der Liebesheirat noch unbekannt. Heirat war ein politisches Geschäft, um Königshäuser zusammenzulegen. Adoption, wie wir im Film sehen, genauso.

Diese Liebschaft, die sie nicht nur im Verborgenen ausleben will, ist dann auch der Grund und die Möglichkeit, um sie aus ihrem Amt zu drängen. Denn selbstverständlich ist der Freigeist, der neugierig ist und damit auch zwischen dem Protestantismus und dem Katholizismus schwankt, ein Problem für den schwedischen Reichsrat und ihre mehr oder weniger engen Berater. Nachdem der Dreißigjährige Krieg zwischen Protestanten und Katholiken geführt wurde, war die Frage des Glaubens hochpolitisch.

Dazu kamen noch ihre exorbitanten Ausgaben für die schönen Künste, die sie mehr als die Regierungsgeschäfte interessierten.

Da hätte man aus den Bruchstücken von Kristinas Biographie ein kraftvolles Drama erzählen können. Aber Kaurismäkis Film bebildert nur, wie ein Lexikonartikel, ihre Biographie ohne jemals emotional zu packen oder auch nur ein nachhaltiges Interesse für Kristina zu wecken. Martina Gedeck, die drei Szenen als Kristinas dem Wahnsinn verfallende Mutter Maria Eleonora von Brandenburg hat, hinterlässt dagegen einen nachhaltigen Eindruck als Frau, die den Tod ihres Mannes nicht überwinden kann.

The Girl King“ ist halt TV-Ausstattungskino ohne eine erkennbare eigene Handschrift, europäisch finanziert und besetzt mit Schauspielern aus halb Europa.

The Girl King - Plakat

The Girl King (The Girl King, Fnnland/Deutschland/Kanada/Schweden 2015)

Regie: Mika Kaurismäki

Drehbuch: Michel Marc Bouchard

mit Malin Buska, Sarah Gadon, Michael Nyqvist, Lucas Bryant, Laura Birn, Hippolyte Girardot, Peter Lohmeyer, Francois Arnaud, Patrick Bauchau, Jannis Niewöhner, Martina Gedeck

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Girl King“

Metacritic über „The Girl King“

Rotten Tomatoes über „The Girl King“

Wikipedia über „The Girl King“ und Königin Kristina Wasa (deutsch, englisch)


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