Neu im Kino/Filmkritik: „Zero Days“ – Alex Gibney über Stuxnet und die Folgen

Ich könnte meine Besprechung von „Zero Days“ natürlich mit einem aktuellen Aufhänger beginnen. Zum Beispiel ExtraBacon, eine NSA-Software um in fremde Infrastrukturen einzudringen, die Mitte August von einer anonymen Hackergruppe veröffentlicht wurde. Oder Pegasus, eine Spionagesoftware für iPhones ab dem vor drei Jahren eingeführten iOS 7, die umfangreich Daten abgreifen und Anrufe mitschneiden kann und vermutlich von einer israelischen Firma, die einem US-Finanzinvestor gehört, programmiert wurde. Oder dem aktuellen Bericht der Berliner Datenschutzbeauftragten über den Einsatz der Stillen SMS, die in der Hauptstadt bedenkenlos angewandt wird.

Vor ein, zwei Wochen hätte ich die aktuellen Pläne der CDU-Innenminister in ihrer „Berliner Erklärung“ oder die neuen Überwachungsphantasien von Innenminister Thomas de Maizière genannt.

Aber das alles wäre nur ein billiger, mehr oder weniger forcierter Aufhänger für Alex Gibneys neuen Dokumentarfilm „Zero Days“ in dem er die Geschichte von Stuxnet, soweit sie bekannt ist, nacherzählt. Stuxnet ist ein Computerwurm, der sich eigenständig und unkontrolliert verbreitet und seine Spuren verwischt. Für die genaueren Details lest euch zum Einstieg den Wikipedia-Artikel durch und sucht dann die entsprechenden Expertenseiten auf. Die können das alles viel besser als ich erklären.

Zuerst entdeckt wurde Stuxnet im Juni 2010 in iranischen Anlagen. Kurz darauf auch in anderen Ländern, aber der Iran blieb das Hauptangriffsziel. Vor allem sein Atomprogramm. Unter anderem in die streng gesicherte, 21 Meter unter der Erde befinde Nuklearanlage in Natans, die wahrscheinlich das Ziel der Attacke war.

Es war die erste große Cyberattacke, die weltweit durch die Medien ging. Der Computerwurm war erstaunlich professionell programmiert und schnell gerieten US-amerikanische und israelische Geheimdienste in den Verdacht, Stuxnet programmiert zu haben, um das iranische Atomprogramm anzugreifen. Aber niemand redete darüber.

Dokumentarfilmer Alex Gibney drehte jetzt mit „Zero Days“ seine Dokumentation über Stuxnet, die weit über den Einzelfall hinausgeht. Programmierer sagen ‚zero days‘ zu vom Hersteller unentdeckte Sicherheitslücken, die von Angreifern ausgenutzt werden können, ohne dass der Hersteller Zeit für Gegenmaßnahmen hat. Gibney benutzt dieses Fachwort auch als Metapher für unseren Umgang mit staatlich programmierten Computerwürmern. Das Militär und Geheimdienste starteten den Angriff, die Gesellschaft hat noch keine Zeit gehabt, über Gegenmaßnahmen zu diskutieren.

Gibney rekonstruiert zuerst die Geschichte von Stuxnet, soweit sie bekannt ist und soweit seine Gesprächspartner darüber reden wollten. Oft sagten sie auch lächelnd: „Kein Kommentar.“ Dabei begibt er sich bei der Rekonstruktion des Angriffs und der weltpolitischen Gemengegelage im Nahen Osten so tief in das Geflecht der internationalen Politik, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Das sollte allerdings nicht als Aufgabe in einfache Verschwörungstheorien, sondern als Ansporn für eine zweite Sichtung des Films oder zur vertiefenden Lektüre benutzt werden. Dann klärt sich das Bild auf. Nicht vollständig, weil Gibney hier, wie auch in anderen Filmen, bei notorisch schweigsamen Institutionen nur einen eingeschränkten Zugriff auf Informationen hatte und einiges nur plausible Vermutungen sind.

Allerdings verliert auch Gibney sich selbst etwas in diesem durchaus faszinierendem Geflecht der internationalen Politik, der Zusammenarbeit der Geheimdienste und unterschiedlicher Interessen. Erst am Ende wird deutlich, dass es Gibney weniger um Stuxnet, sondern um den durch den Wurm eingeleiteten Paradigmenwechsel bei zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen geht. In der Öffentlichkeit wird nicht über die Gefahren des Cyberkriegs für sensible Infrastrukturen und wie Staaten sich dagegen wehren können, gesprochen., Die dafür verantwortlichen Personen schweigen. Computerviren und -würmer wie Stuxnet werden im Geheimen entwickelt. Die Urheber eines Angriffs sind oft nicht ermittelbar.

Dieses Schweigen wird im Film von einer Geheimagentin, deren Gesicht kaum verfremdet wurde, gebrochen. Sie ist, wie erst am Ende des Films enthüllt wird, eine Komposition aus mehreren NSA- und CIA-Informanten, die nur unter der Zusicherung strikter Anonymität mit Gibney sprachen. Dieser Kunstgriff, der nötig war, ist allerdings auch ein Schwachpunkt des Films. Denn während der ganzen Zeit hören sich ihre Aussagen wie ein abgelesenes Script an und sie sind auch nie so überprüfbar, wie man es als Journalist (oder Forscher) gerne hätte. Es sind Aussagen aus der Schattenwelt der Geheimdienste, die aber eine Besorgnis über die nicht stattfindende öffentliche Diskussion über diese neue Form des Krieges artikulieren.

Wie in seinem mit dem Oscar ausgezeichnetem Film „Taxi zur Hölle“, in dem es um Folter im Rahmen des „war on terror“ geht, will eine Diskussion über das Thema des Films anstoßen. Dafür liefert er unaufgeregt Fakten und er fordert am Ende von „Zero Days“ eine weltweite Ächtung solcher Waffen. Wie es auch mit A-, B- und C-Waffen gemacht wurde.

Denn nach seinen Recherchen ist Stuxnet eine Gemeinschaftsentwicklung von amerikanischen und israelischen Geheimdiensten, die anschließend jeder Dienst selbstständig anpassen kann. Der Mossad programmierte dann eine aggressivere Version des Wurms, setzte ihn gegen den Iran ein und dann verbreitete er sich über den gesamten Globus. Stuxnet ist also ein vollkommen aus dem Ruder gelaufenes Geheimprojekt, bei dem niemand sich Gedanken über die möglichen Folgen machte.

Zero Days - Plakat

Zero Days (Zero Days, USA 2016)

Regie: Alex Gibney

Drehbuch: Alex Gibney

mit Colonel Gary D. Brown, Erich Chien, Richard A. Clarke, General Michael Hayden, Olli Heinonen, Chris Inglis, Vitaly Kamluk, Eugene Kaspersky, Emad Kiyaei, Ralph Langner, Rolf Mowatt-Larssen, Seán Paul McGurk, Yossi Melman, Liam O’Murchu

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Läuft in einigen Kinos (hier in Berlin in 2 Kinos) und ist ab dem 6. September digital erhältlich.

Hinweise

 

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Zero Days“

Metacritic über „Zero Days“

Rotten Tomatoes über „Zero Days“

Wikipedia über „Zero Days“ und Stuxnet (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alex Gibneys „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of Wikileaks, USA 2013)

Alex Gibney spricht über den Film

Einige Ausschnitte aus der Berlinale Pressekonferenz

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