Neu im Kino/Filmkritik: „Hedis Hochzeit“ zwischen Tradition und Moderne in Tunesien

Eine Zwangsheirat ist es nicht. Denn Hedi ist schon Mitte Zwanzig, arbeitet als Autoverkäufer und lebt noch zu Hause. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Heirat, in die er von seiner Mutter hineingestoßen wird, ist vor allem ein finanzielles Arrangement, bei dem Liebe noch nicht einmal zweitrangig ist. Trotzdem ist seine Zukünftige wirklich nett und Hedi kann sich gut ein Leben mit ihr vorstellen. Die ungefähr gleichaltrige Khedija hat auch Verständnis dafür, dass die Flitterwochen erst einmal ausfallen müssen, weil Hedi keinen Urlaub erhält. Auch dass er in den Tagen vor der Hochzeit nicht da ist, versteht sie. Er wurde von seinem Chef nach Mahdia geschickt, um dort Autos an Firmenkunden zu verkaufen.

Außerdem hat Hedis Mutter die Hochzeitsvorbereitungen im Griff. Sie arrangiert und organisiert alles. Hedi muss nur noch „ja“ sagen.

In Mahdia trifft der erfolglose Verkäufer Hedi in seinem Hotel die Animateurin Rim. Sie ist das Gegenteil von Khedija ist. Rim arbeitet, reist dabei rund um den Globus von Hotel zu Hotel und sie ist unabhängig von den traditionellen Bindungen. Hedi verliebt sich in sie. Aber soll er für diese Wochenendliebe Khedija und sein ebenso langweiliges, wie geordnetes Leben hinter sich lassen? Will er das überhaupt?

Man muss nicht wissen, dass „Hedis Hochzeit“ von den Dardenne-Brüdern („Zwei Tage, eine Nacht“) mitproduziert wurde und auch über Tunesien, das ist das nordafrikanische Land zwischen Algerien und Libyen, muss man nichts genaues wissen, um „Hedis Hochzeit“ auch als bewusste und gewollte Allegorie auf das dortige Leben und die Veränderungen der letzten Jahre zu begreifen.

Mein Land ist verkatert. Es ist nicht länger geknebelt, aber es liegt in den letzten Zügen einer tiefen sozialen, religiösen und ökonomischen Krise. Ich weiß, das ist eine zynische Beurteilung, aber das ist die Wahrheit, die wir nicht ignorieren können. In den letzten fünf Jahren wurde ein Hotel nach dem anderen geschlossen. Städte, die wegen des Tourismus florierten, sind plötzlich zu Geisterstädten geworden. Meine Figuren bewegen sich in diesen von Unheil betroffenen Landschaften, und verkörpern das Mäandern einer ganzen Gesellschaft. Ich versuchte, dieses Gefühl herauszukristallisieren durch verlassene Autoparks, Firmen, die ihre Produktion runtergeschraubt haben, verlassene Strände und Schwimmbäder und Hotels, die ihr Personal entlassen. Hedi verkörpert das – mehr als nur eine Figur. Er zuckt vor und zurück.“ (Mohamed Ben Attia)

Vor dieser Folie wird dann auch verständlich, warum Mohamed Ben Attia in seinem Langfilmdebüt, teilweise so zäh erzählt, warum vieles nur angedeutet wird und warum gerade die Hauptpersonen – der introvertierte Hedi, seine künftige Ehefrau Khedija und seine Kurzzeitgeliebte Rim – so passiv bleiben, während Hedis Mutter energisch die Hochzeit vorbereitet und über ihre beiden Kinder so sehr dominiert, dass Hedis älterer Bruder, der vor ihr nach Frankreich flüchtete, ihr und ihrer Mutterliebe nicht entkommen kann.

Aber auch vor dieser Interpretationsfolie erzählt Mohamed Ben Attia seine Geschichte zögerlicher als nötig und das Ende wird im Film zu wenig vorbereitet. Es ist mehr eine Deus ex machina als eine aus Hedis Charakter heraus schlüssige Entwicklung.

Davor zeigt Attia allerdings sehr genau, welche Bedeutung und Macht die Tradition über die Menschen hat und wie schwer es ist, aus ihnen auszubrechen. Er zeigt auch in tristen Bildern ein gelähmtes und ökonomisch desolates Land, das auf eine Veränderung, einen Aufbruch, wartet.

Auf der Berlinale wurde „Hedis Hochzeit“ als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet und Hauptdarsteller Majd Mastoura erhielt einen Silbernen Bären als bester Darsteller.

hedis-hochzeit-plakat

Hedis Hochzeit (Inhebbek Hedi, Tunesien/Belgien/Katar/Vereinigte Arabische Emirate 2016)

Regie: Mohamed Ben Attia

Drehbuch: Mohamed Ben Attia

mit Majd Mastoura, Rym Ben Messaoud, Sabah Bouzouita, Hakim Boumessoudi, Omnia Ben Ghali

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Berlinale über „Hedis Hochzeit“

Moviepilot über „Hedis Hochzeit“

Rotten Tomatoes über „Hedis Hochzeit“

Wikipedia über „Hedis Hochzeit“

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