Neu im Kino/Filmkritik: „Human – Die Menschheit“, nur visuell überzeugend

Drei Jahre Produktionszeit

Drehorte in 60 Ländern

2.020 Interviews in 63 Sprachen

500 Stunden Luftaufnahmen“

Wow.

Wie bei einem Blockbuster wird man im Presseheft mit Zahlen und Superlativen erschlagen, die nichts über die Qualität des Endprodukts aussagen und oft in einem eklatantem Missverhältnis dazu stehen. Der betriebene Aufwand rechtfertigt in keinster Weise das Ergebnis. Dafür kann man mit dem größten Budget aller Zeiten punkten und von einem Blockbuster erwartet man auch nicht ernsthaft zum Nachdenken anregende Unterhaltung.

Human – Die Menschheit“ fragt dagegen ambitioniert nach dem „Sinn des Lebens“ (Presseheft). Den wollte Regisseur Yann Arthus-Bertrands herausfinden, indem er und sein Team auf der ganzen Welt Menschen interviewten. Ganz normale Menschen. Keine Prominenten und auch keine als Wissenschaftler, Politiker oder Aktivisten lokal und global anerkannte Personen. Die Gespräche dauerten oft über eine Stunde und jedem Interviewpartner wurden die gleichen Schlüsselfragen gestellt: Fühlen Sie sich frei? Worin besteht der Sinn des Lebens? Was war die größte Herausforderung Ihres Lebens und was lernten Sie daraus? Haben Sie eine Botschaft an die Bewohner dieses Planeten?

Die Gespräche wurden alle vor einem schwarzen Hintergrund mit der immergleichen Kameraeinstellung und Beleuchtung aufgenommen. Falls nicht einmal Schmeißfliegen durch das Bild fliegen würden, könnte man glauben, alle Gespräche seien in einem Zimmer aufgenommen worden.

Aus diesen Gesprächen und den fünfhundert Stunden Naturaufnahmen kondensierte Arthus-Bertrands dann mehrere Fassungen seines Films, in denen er durch eine Fusion von Naturaufnahmen, Musik und Statements zeigen möchte, was das Menschsein, vulgo die Menschheit, ausmacht. Was verbindet alle Menschen miteinander? Egal wo und wie sie leben und egal wie alt sie sind.

In der „eigens für den deutschen Markt erstellten Fassung“ (Presseheft) von „Human – Die Menschheit“, die auch „die kurze Kinoversion“ genannt wird, dauert Arthus-Bertrands Film 149 Minuten. Es gibt auch eine über dreistündige Kinoversion, verschiedene andere Versionen, auch eine mehrteilige TV-Version, und eine Ausstellung ist geplant.

Die deutsche Kinoversion ist eigentlich nur eine epische Version des Trailers: im Sekundentakt werden Menschen gezeigt, die vor einem schwarzen Hintergrund ein, zwei Sätze sagen.

In den kurzen Schnipseln erfährt man niemals ihre Namen, wer sie sind oder woher sie kommen. Kein Gesicht taucht öfter auf. Es sind einfach nur Gesichter in einem Raum. Die einzelnen Statements haben dabei, weil sie aus dem Zusammenhang gerissen sind, die Qualität von Binsenweisheiten. Denn was soll man davon halten, wenn eine Frau, die wir nur einmal kurz sehen, sagt, dass sie glücklich sei, dass ihr endlich einmal jemand zugehört habe? Das war ihr Auftritt in dem Film. Ob sie in dem Interview irgendetwas interessantes sagte oder nur Stuss erzählte, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass wir ihr nicht zugehört haben.

Dass den über zweitausend Interviewten bei den Gesprächen die gleichen Fragen gestellt wurden: geschenkt. Denn weil man die Fragen im Film nicht erfährt und nicht alle Antworten kennt, kann man, auch wenn ein Dokumentarfilm keine wissenschaftliche Arbeit ist, überhaupt nicht einschätzen, wie und welche Auswahl getroffen wurde. Also ob das ausgewählte Zitat irgendetwas wichtiges über die Person aussagt, ob seine vorgetragene Reue echt oder gespielt ist, und ob das ausgewählte Statement repräsentativ für alle Antworten zu dieser Frage ist oder es nur die Antwort ist, die dem Regisseur am besten gefiel. Man weiß es nicht und es ist auch egal.

Schnell wird „Human – Die Menschheit“ zu einer monotonen Abfolge von Statements und musikalisch unterlegten, bedeutungsschwangeren Naturaufnahmen, mal mit, mal ohne Menschen. Das sieht natürlich gut aus, ist aber insgesamt nicht mehr als ein Bildband ohne echten Mehrwert. Im Fernsehen oder in einer Kunstinstallation kann die zusammenhanglose Aneinanderreihung von Statements und Natur- und Stadtaufnahmen funktionieren. Beide Male kann man sich entscheiden, ob man zen-mäßig die Bilder genießt oder den Raum verlässt.

Im Kino starrt man dagegen regungslos mit einem Gefühl der Ennui auf die Leinwand. Wenn man nicht gerade eine Strichliste über die Zahl der gezeigten Köpfe führt.

human-plakat

Human – Die Menschheit (Human, Frankreich 2015)

Regie: Yann Arthus-Bertrand

Drehbuch: Yann Arthus-Bertrand

Länge: 149 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film 

AlloCiné über „Human – Die Menschheit“

Moviepilot über „Human – Die Menschheit“

Rotten Tomatoes über „Human – Die Menschheit“

Wikipedia über „Human – Die Menschheit“ (deutsch, englisch, frazösisch)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: