Neu im Kino/Filmkritik: „Where is Rocky II?“ und Warum will Ed Ruscha nicht darüber reden?

Regisseur Pierre Bismuth nennt seinen Film „Where is Rocky II?“ „Fake Fiction“ und beim Spiel zwischen verschiedenen Ebenen steht er in der Tradition von „Vergiss mein nicht“ (Eternal Sunshine of the Spotless Mind, USA 2004). Für diesen Film erhielt er, zusammen mit Charlie Kaufman, den Drehbuch-Oscar. Kurz danach erfuhr er durch eine halbstündige BBC-Dokumentation von 1979 über Edward ‚Ed‘ Ruschas Kunstprojekt „Rocky II“, das in Ruschas Werkkatalog nicht gelistet ist. Damals stellte der bekannte Pop-Art-Künstler einen falschen Felsen aus Kunstharz her und versteckte ihn in der Mojave-Wüste. Seitdem ist das Werk verschollen, oder sagen wir ’niemand hat es bewusst gesehen‘. Falls es überhaupt noch existiert.

Für Bismuth ist dieses unauffindbare Kunstwerk der Ausgangspunkt für „Where is Rocky II?“. 2009 fragt er auf einer Ausstellungseröffnung Ruscha nach dem Werk. Der Popart-Künstler gibt eine kryptische Antwort und wünscht viel Spaß bei der Suche. Bismuth, und hier beginnt der Film, der unbekümmert Fakten und Fiktion und Metafiktion miteinander vermischt, beauftragt einen Privatdetektiv mit der Suche. Gleichzeitig befragt Bismuth verschiedene Mitglieder der Kunstwelt nach Ruscha und Rocky II. In diesen Interviews werden ganz konventionell dem Zuschauer Informationen über den Künstler vermittelt; wobei sie vor allem Ruscha als bedeutenden Künstler loben.

Schon in diesen Minuten gibt es mit professionellen Schauspielern inszenierte Szenen, deren Bedeutung und Zusammenhang mit den aktuellen Recherchen unklar ist. Später wird klar, dass das eine Verfilmung des „Drehbuch“, oder genauer der Drehbuchentwürfe und Gedankenspielereien von D. V. DeVincentis und Anthony Peckham ist. DeVincentis ist Autor von „Grosse Pointe Blank“ und „Lady Vegas“. Peckham von „Invictus – Unbezwungen“ und „Sherlock Holmes“. Beide werden in der zweiten Hälfte des Films wichtiger. Bismuth beobachtete sie bei ihren Drehbuchbesprechungen und wie sie gemeinsam eine Geschichte erfinden, die erklären kann, warum Ruscha den riesigen falschen Stein herstellte und vor der Öffentlichkeit versteckte. Es ist eine wahre Räuberpistole, die selbstverständlich von vorne bis hinten erstunken und erlogen ist.

Dieses von Pierre Bismuth angestoßene und inszenierte Spiel macht Spaß, auch wenn die zweite Hälfte des Films schwächer als die erste ist. Denn das Drehbuch ist einfach zu fantastisch, um auch nur irgendeinen Zusammenhang mit dem wahren Ed Ruscha zu haben. Dieser Teil des Spiels zwischen Fakten und Fiktion und wie Autoren Geschichten aufbauen, gerät außerdem arg platt und vorhersehbar in den bekannt-bewährten Hollywood-Erzählkonventionen, über die entweder gesprochen oder deren Anwendung in „Monument One“ (der Verfilmung des Drehbuchs von DeVincentis und Peckham) gezeigt wird.

Dabei hätte wenigstens ich gerne mehr über Ed Ruscha und Rocky II erfahren. Aber da belässt es Bismuth bei den wenigen, in dieser Besprechung in den ersten Zeilen zusammengefassten Fakten, die natürlich auch Fiktion sein könnten. Denn die Kunstszene macht gerne bei einem kleinem Spaß mit.

Dabei gibt es Ed Ruscha und auch die BBC-Dokumentation, aus der im Film einige Ausschnitte gezeigt werden, wirklich.

where-is-rocky-ii-plakat

Where is Rocky II? (Where is Rocky II?, USA 2016)

Regie: Pierre Bismuth

Drehbuch: Pierre Bismuth, D. V. DeVincentis, Anthony Peckham (Segment „Monument One“

mit (für „Monument One“) Robert Knepper, Milo Ventimiglia, Richard Edson, Barry O’Rourke, Tania Raymonde, Roger Guenveur Smith, Stephen Tobolowsky

und, als ’sie selbst‘ Michael Scott, Jim Ganzer, D. V. DeVincentis, Anthony Peckham, Mike White, Michael Govan, Philippe Vergne, Eli Broad, Connie Butler, Pierre Bismuth

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Where is Rocky II?“

Rotten Tomatoes über „Where is Rocky II?“ (noch keine Bewertung)

Wikipedia über Pierre Bismuth“ (deutsch, englisch) und Ed Ruscha (deutsch, englisch)

Pierre Bismuth spricht über seinen Film

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