Tödliche Weihnachten – in Romanen und Kurzgeschichten

Weihnachten – auch bekannt als die Zeit, in der die Geschäfte brechend voll sind, in den Vorweihnachtstagen in den Zügen Sitzplätze Mangelware sind (es aber immer ein großer Spaß ist, zu beobachten, wie jemand seinen Sitzplatz in einem nicht vorhandenen Zug sucht) und ehrliche Geister mit meist grottenschlechten Weihnachtsfilmen gefoltert werden.

Es ist auch die Zeit, in der man sich mit einem Weihnachtskrimi an einen ruhigen Ort zurückziehen kann. Wer das allerdings nicht schon wieder mit Hercule Poirot oder Kommissar Maigret tun will, kann dies auch mit anderen Werken tun.

Den längsten Rückzug ermöglicht der von Otto Penzler herausgegebene Sammelband „Eine Leiche zum Advent“. 708 Seiten müssen erst einmal gelesen werden. Trotzdem hat der Lübbe-Verlag es geschafft, den großen Sammelband (19 x 5 x 23,4 cm, also so in Richtung Bildband gehend) so zu drucken, dass er angenehm leicht in der Hand liegt. Damit eignet er sich auch nicht als Schlagwaffe (diese Verwendung schlägt der Klappentexter, wahrscheinlich ein echter Scrooge, vor). Otto Penzler schlägt in seinem Vorwort vor, die Geschichten im trauten Kreis von Freunden und Verwandten vorzulesen. „Und falls irgendjemand diese nette, altmodische Aktivität nicht zu schätzen weiß…Nun, Sie können ihn immer noch umbringen.“

Über die Geschichten sagt Penzler: „viele Geschichten in dieser Anthologie [sind] nicht so einfach zu bekommen. Manche sind sogar nicht mehr erhältlich oder auch nur irgendwie auffindbar.“ Und was für die USA gilt, gilt für Deutschland noch mehr.

Für den Sammelband „Eine Leiche zum Advent“ suchte Penzler 49 Geschichten aus (im Original 59; der Verlust einiger Geschichten, u. a. von Agatha Christie, liegt wohl an der Rechtesituation), die er thematisch sortierte. Unter anderem in „Traditionelle Weihnachten“, „Lustige Weihnachten“, „Ein Sherlockianisches Weihnachten“, „Unheimliche Weihnachten“ „Moderne Weihnachten“ und „Klassische Weihnachten“. Es sind teils bekannte, teils ziemlich unbekannte Geschichten von, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Peter Lovesey, Ellery Queen, Colin Dexter, Donald E. Westlake, Thomas Hardy, Edward D. Hoch, Arthur Conan Doyle, John D. MacDonald, Andrew Klavan, Max Allan Collins, Peter Robinson, Ed McBain, John Lutz, Sara Paretsky, Mary Higgins Clark, Isaac Asimov, Ed Gorman, G. K. Chesteron, Rex Stout, H. R. F. Keating, Robert Louis Stevenson, O. Henry, Edgar Wallace, undsoweiter. Teilweise mit vertraut-beliebten Charakteren, wie Sherlock Holmes, Father Brown und Nero Wolfe.

Allein schon die Namen verraten Krimifans, dass Krimikenner Penzler eine schöne, undogmatische Auswahl zwischen Tradition und Moderne zusammenstellte. Zu jeder Geschichte verfasste er, wie bei seinen anderen Anthologien, eine kurze Einführung über den Autor und sein Werk.

Da werden auch „die Mürrischsten – jene, die behaupten, sie könnten es gar nicht erwarten, dass die Feiertage vorbei sind“ (Penzler), um eine kleine Verlängerung der Weihnachtstage bitten. Immerhin müssen über siebenhundert, zweispaltig bedruckte Seiten (also viel Lesestoff) durchgearbeitet werden.

Für die schnelle Flucht auf die Toilette eignet sich Stuart MacBrides „Zwölf tödliche Gaben – Zwölf kurze Weihnachtskrimis“ mit 160 Seiten. Der schottische Hardboiled-Autor der dicken Logan-McRae-Thriller wählte dieses Mal die kurze Form in zwölf sehr lose miteinander zusammenhängenden Geschichten, in denen er auch etwas mit der Form experimentierte und die nicht unbedingt an und um Weihnachten spielen müssten. Denn die Anspielungen auf das Fest der Liebe sind überschaubar. ‚Liebe‘ gibt es allerdings viel in MacBrides Geschichten. Nur, und da wird der Geschlechtsverkehr dann zu einem Problem, normalerweise nicht mit dem Ehepartner.

Insgesamt ist „Zwölf tödliche Gaben“ ein Zwischenhappen, bei dem ich immer wieder den Eindruck hatte, dass MacBride in einigen Geschichten Szenen verarbeitete, die er aus einem seiner Romane entfernte. In anderen wird es etwas schnurrig. Aber dann gibt es auch noch die bitterbösen Geschichten, in denen Pädophile, Verbrecher und Polizisten sich das Leben schwer machen und oft auch töten.

Länger ist J. Jefferson Farjeons „Geheimnis in Weiß“, das man wohl eine Entdeckung nennen muss. Im Original erschien der Roman 1937. 2014 wurde er, mit einem Nachwort von Krimiautor Martin Edwards, in der Reihe British Library Crime Classics neu aufgelegt und jetzt erschien der Roman erstmals auf Deutsch.

In dem Roman beschließen vier Menschen, die sich zufällig am Vorweihnachtsabend in einem Zugabteil getroffen haben, nicht in dem im Schnee stecken gebliebenem Zug auf besseres Wetter zu warten. Sie wollen zum nächsten Bahnhof gehen, verlaufen sich und landen in einem Haus, in dem niemand ist, aber der Tisch gedeckt ist. Sie beschließen, zu bleiben und schnell beginnt, wie in einem Boulevardstück, ein flottes Auf- und Abtreten der beteiligten Personen, weiterer Reisenden und auch ein Mörder (der, nachdem ihm ein Mord im Zug vorgeworfen wird, schnell wieder verschwindet) gesellen sich zu ihnen und, wie bei einem Boulevardstück ist auch „Geheimnis in Weiß“ eine Übung in rasendem Stillstand. Denn der eine Mörder ist schnell bekannt; die anderen Morde geschehen außerhalb des Hauses, niemand von der zusammengewürfelten Reisegesellschaft ist in ernsthafter Gefahr oder ernsthaft eines Mordes verdächtig und, auch wenn die Geschichte in einem einsamen Landhaus, also dem typischen Rätselkrimisetting mit den auf den ersten Blick typischen Rätselkrimicharakteren, spielt, gibt es nichts zu rätseln.

So ist Farjeons Roman vor allem etwas für die Fans des klassischen englischen Kriminalromans, die wirklich jede echte und vermeintliche Lücke in ihrer Sammlung schließen müssen.

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Otto Penzler (Herausgeber): Eine Leiche zum Advent – Das große Buch der Weihnachtskrimis

(übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher)

Lübbe, 2016

708 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

The Big Book of Chistmas Mysteries

Vintage Books, 2013

Hinweis

Wikipedia über Otto Penzler

Zwoelf toedliche Gaben von Stuart MacBride

Stuart MacBride: Zwölf tödliche Gaben – Zwölf kurze Weihnachtskrimis

(übersetzt von Andreas Jäger)

Goldmann, 2016

160 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe: November 2013 als eBook

Originalausgabe

Twelve Days of Winter: Crime at Christmas

HarperCollins, 2011 (als ePub)

Hinweise

Homepage von Stuart MacBride

Wikipedia über Stuart MacBride (deutsch, englisch)

farjeon-geheimnis-in-weiss-4

J. Jefferson Farjeon: Geheimnis in Weiß – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Eike Schönfeld, mit einem Nachwort von Martin Edwards)

Klett-Cotta, 2016

288 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Mystery in White

Wright & Brown, London, 1937

Hinweis

Wikipedia über J. Jefferson Farjeon

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