Neu im Kino/Filmkritik: Über Tom Fords „Nocturnal Animals“

Susan Morrow (Amy Addams) erhält von ihrem Ex-Mann Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal), von dem sie seit Jahren nichts gehört hatte, ein Exemplar seines noch nicht veröffentlichten Debütromans „Nocturnal Animals“. Während die Kunsthändlerin den Kriminalroman liest, erinnert sie sich an ihre Beziehung zu Edward.

Der zweite Spielfilm des bekannten Modedesigners und „A single Man“-Regisseurs Tom Ford „Nocturnal Animals“ ist ein durchgehend elegantes Werk, das sich formschön und funktionell zwischen den verschiedenen Ebenen bewegt ohne jemals zu verunsichern. Alles, jeder Erzählstrang, jede Szene, jedes Bild, ist sauber voneinander getrennt, eindeutig in jeder Beziehung und es überfordert niemanden. Auch wenn Jake Gyllenhaal eine Doppelrolle spielt. Er ist Susans Ex-Mann und der Protagonist des Romans, was verdeutlicht, dass der Roman aus Susans Sicht (aber auch aus Edwards und der Sicht des Zuschauers) eine literarische Verarbeitung ihrer Beziehung ist.

Edward erzählt in seinem Roman letztendlich eine simple Rachegeschichte, für die Stephen King an einem schlechten Tag zwanzig Seiten benötigt hätte. Während einer nächtlichen Autofahrt durch West-Texas werden Tony Hastings und seine Familie von Ray Marcus (Aaron Taylor-Johnson) und seinen Kumpels bedrängt und zu einem Unfall provoziert. Anschließend entführt Marcus Tonys Familie. Als er sie wieder sieht, sind sie tot und Tony möchte sich rächen.

Dass in der Gegenwart Susans Ehemann fremdgeht und damit ihre Vergangenheit und die Fiktion gespiegelt werden, überrascht dann nicht mehr, bringt aber auch keine neuen Erkenntnisse.

Nocturnal Animals“ ist ein Manufactum-Film, bei dem der Stil, die richtige Geste, die richtige Ausleuchtung und der äußere Schein wichtiger als der Inhalt ist. Alles ist höchst elegant, gut besetzt und in jeder Beziehung gut inszeniert (was ihn unbedingt sehenswert macht), aber auch immer eine Spur zu offensichtlich und zu eindeutig, um wirklich zu verunsichern oder emotional zu bewegen. Im Gegensatz zu den Horrorfilmen von David Cronenberg, zum Beispiel „Crash“ oder sein Hollywood-Film „Maps to the Stars“, und zahlreichen anderen Horrorfilmen, in denen die Protagonisten sich mit ihren Ängsten herumschlagen müssen (Hat Susan überhaupt vor etwas Angst? Will sie überhaupt ihr Leben ändern? Verändert die Lektüre des Romans sie irgendwie?). Man fragt sich auch nie, wie bei Olivier Assayas „Die Wolken von Sils Maria“, wo die Grenzen zwischen den verschiedenen Ebenen verlaufen. In „Nocturnal Animals“ sind Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion sauber voneinander getrennte Schubladen.

Dabei ruft Tom Ford in den ersten Filmminuten mit betont ästhetischen Bildern von in Zeitlupe tanzenden, übergewichtigen nackten Frauen beim Zuschauer genau die Verunsicherung hervor, die er später erfolgreich vermeidet.

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Nocturnal Animals (Nocturnal Animals, USA 2016)

Regie: Tom Ford

Drehbuch: Tom Ford

LV: Austin Wright: Tony & Susan, 1993 (Tony & Susan) (manchmal auch „Tony and Susan“ bzw. „Tony und Susan“, US-Neuausgabe unter „Nocturnal Animals“)

mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Karl Glusman, Armie Hammer, Laura Linney, Andreas Riseborough, Michael Sheen

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Nocturnal Animals“

Metacritic über „Nocturnal Animals“

Rotten Tomatoes über „Nocturnal Animals“

Wikipedia über „Nocturnal Animals“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Tom Ford

Im AOL Building wird Tom Ford von Amy Addams, Michael Shannon und Aaron Taylor-Johnson unterstützt

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