Liza Cody erzählt von „Miss Terry“

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In der KrimiZeit-Jahresbestenliste steht der für uns neue Roman von Liza Cody auf dem vierten Platz. In England erschien „Miss Terry“ bereits 2012 und seitdem hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Die titelgebende Miss Terry heißt eigentlich Nita Tehri, ist 23 Jahre alt, lebt in einer Mietwohnung in einer typischen englischen Straße und ist Lehrerin an einer Grundschule irgendwo in England. Sie ist auf den ersten Blick das, was im aktuellen Diskurs gerne „voll integriert“ genannt wird. Trotzdem gerät die gebürtige Engländerin sofort in Verdacht, als vor ihrer Haustür in dem öffentlich zugänglichem Bauschuttcontainer eine Babyleiche gefunden wird. Mit all den Folgen, den so ein Verdacht hat: falsche Verdächtigungen, grundlose Freistellung von der Arbeit, ein Brandanschlag auf das Mietshaus und Schmierereien.

Das ist ein Thema, das mich interessiert und das so in Kriminalromanen kaum behandelt wird. Meistens geht es ja um die Ermittlungen der Polizei, zum Beispiel in John Balls auch verfilmtem Klassiker „In der Hitze der Nacht“ (In the Heat of the Night, 1965). Opfer, Verdächtige und nur indirekt von Verbrechen Betroffene, wie der Nachbar, der etwas gesehen hat, haben da nur eine Nebenrolle. Liza Cody konzentriert sich auf eine solche Nebenfigur: eine zu Unrecht (jedenfalls vermuten wir das) Beschuldigte. Das ist schon einmal ein interessanter Ansatzpunkt, an dem leicht eine Gesellschaftsanalyse aufgehängt und über die in der Gesellschaft virulenten Vorurteile geschrieben werden kann. Das tut Liza Cody auch und sie zeigt auch, wie ein Verdacht ein Leben beeinflusst, verändert und auch zerstören kann.

Trotzdem hat mich der Roman nicht begeistert. Einerseits wegen der mich nicht ansprechenden Sprache. Andererseits, und das sind die wichtigeren Gründe, wegen dem Verhalten der Protagonistin und Problemen im Plotting. So dauert es viel zu lange, bis wir erfahren, was für ein Verbrechen vorgefallen ist. Die Nita Tehri befragenden Polizisten sagen es nicht. Die Nachbarn wissen nichts davon. Die Presse schreibt nicht darüber. Dabei würde über ein tot in einem Müllcontainer aufgefundenes Baby schnell geredet und berichtet werden. In „Miss Terry“ sollen wir dagegen glauben, dass über Tage nichts davon geschieht. Währenddessen wird Nita Tehri zunehmend mit Vorurteilen konfrontiert, die in dem Moment noch nicht einmal einen echten Grund haben. Denn in dem Moment weiß noch niemand, was für ein Verbrechen vorgefallen ist. Später, nachdem die Presse über das Baby berichtet, scheint diese Meldung keine Erkennbare Auswirkung auf das Leben in der Straße zu haben. Der Pressebericht ist einfach nur ein weiterer Baustein in dem Gebäude der Vorurteile gegen Nita Tehri. Nach dem Artikel scheinen die Medien ihr Interesse an dem Fall verloren zu haben. Beides ist nicht besonders glaubwürdig.

Ebenfalls oft nicht besonders glaubwürdig, teilweise sogar erschreckend naiv, ist Nita Tehris Verhalten. Immerhin reden wir hier von einer Lehrerin. Also einer akademisch gebildeten Person, die in ihrem Leben einiges gelernt haben sollte. Vor allem nachdem wir gegen Ende des Romans auch einiges über ihre Familie und ihre Vergangenheit erfahren. Es hat einen Grund, warum sie allein lebt und zu ihrer Familie keinen Kontakt mehr hat.

Die Auflösung des Verbrechens geschieht in erster Linie durch eine Reihe absurder Zufälle, in denen ‚Kommissar Zufall‘ viel arbeiten muss. Als sei Liza Cody irgendwann eingefallen, dass sie einen Kriminalroman schreibt und da auch ein Verbrechen aufgeklärt werden muss und die Hauptperson in die Aufklärung involviert sein sollte. Also muss die hyperangepasste, eher passive ‚Miss Terry‘ Miss Marple spielen, ohne allerdings jemals auch nur im Ansatz so neugierig wie die alte Dame zu sein.

Liza Cody ist bei Krimifans bekannt als Erfinderin von Anna Lee und Eva Wylie. Letztes Jahr wurde ihr Roman „Lady Bag“ (2013) mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

P. S.: In fast allen anderen Rezensionen, die ich kenne, wird der Roman wesentlich positiver besprochen. Hier ist die zweite negative Besprechung.

Liza Cody: Miss Terry

(übersetzt von Grundmann & Laudan)

Ariadne/Argument Verlag, 2016

288 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Miss Terry

iUniverse, 2012

Hinweise

Homepage von Liza Cody

Perlentaucher über Liza Cody und „Miss Terry“

Wikipedia über Liza Cody (deutsch, englisch)

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