DVD-Kritik: Die neue Japrisot-Verfilmung „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Da hat sich Sébastien Japrisot vor Jahrzehnten einen genialen Titel – „Porträt einer Dame im Auto mit Brille und Gewehr“ (alter deutscher Romantitel) oder „Die Dame im Auto mit Brille und Gewehr“ (deutscher Titel der ziemlich verschollenen Erstverfilmung von 1970) – und eine geniale Prämisse ausgedacht.

Denn die titelgebende Dame, die Anfang-Zwanzigjährige Sekretärin Dany (Freya Mavor), soll den Thunderbird ihres Chefs vom Flughafen zurück in die Garage fahren. Spontan entschließt sie sich, in Richtung Süden zu fahren. Sie war noch niemals am Mittelmeer und jetzt, mit dem Sportwagen ihres Chefs und einer kleinen Extra-Entlohnung in der Tasche, will sie ihren Traum verwirklichen. Während der Fahrt sprechen sie mehrere Leute an, die behaupten, sie vom Vortag zu kennen. Aber das ist unmöglich. Dann zu dem Zeitpunkt war sie in Paris in der Werbeagentur.

Ein Unbekannter überfällt sie im Waschraum einer typisch französischen Tankstelle und verstaucht ihre Hand. Aber niemand hat den Unbekannten gesehen.

Ein aufdringlicher, aber auch charmanter Anhalter, Typ „der junge Belmondo“, steigt ungefragt zu ihr in den Thunderbird. Immerhin behauptet er nicht, sie von früher zu kennen. Dafür belügt er sie, verführt sie, lässt sich von ihr aushalten und klaut das Auto.

Und, als ab das alles noch nicht genug sei, entdeckt Dany im Kofferraum des Thunderbird eine Leiche. Der Ermordete muss irgendwo zwischen Paris und seiner Entdeckung in südlichen Gefilden in den Kofferraum gelegt worden sein.

Dany fragt sich, in welchen Alptraum sie geraten ist. Dabei ist sie mit ihren Selbstgesprächen und ihrer blühenden Fantasie, der Archetyp des unzuverlässigen Erzählers.

Joann Sfar („Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“, „Die Katze des Rabbiners“) verfilmte Sébastien Japrisots Kriminalroman nach einem Drehbuch von Gilles Marchand („Lemming“, „Black Heaven“ [auch Regie]) und Patrick Godeau (Produzent mehrerer Claude-Chabrol-Filme) als flirrenden Psycho-Thriller mit viel Siebziger-Jahre-Flair in der Mode und der Ausstattung. Er lässt die Geschichte auch damals spielen. Einerseits weil der Roman bereits 1966 erschien, andererseits weil einige wichtige Teile des, zugegeben, ziemlich weit hergeholten Komplotts heute so nicht mehr funktionieren. Wer, um nur ein Beispiel zu nennen, benutzt heute noch Schreibmaschinen und lässt Sekretärinnen seitenlange Berichte abtippen?

Auch stilistisch orientieren Sfar und sein Kameramann Manuel Dacosse („Amer“, demnächst „Axolotl Overkill“) sich an den französischen Krimis der sechziger und siebziger Jahre. Allerdings schneidet Sfar schneller und er erzählt auch freizügiger als es in Sechzigern möglich war.

Neben all den seltsamen Ereignissen, mit denen Dany auf ihrer sommerlichen Fahrt in den Süden konfrontiert wird, geht es auch immer um ihre Sexualität, ihre sexuellen Wünsche, ihre Fantasien und ihre psychische und physische Unterdrückung durch die Männer, denen sie auf ihrer Reise begegnet. Sie selbst ist als extrem kurzsichtige Person. Ohne ihre Brille (mit riesengroßen Gläsern, die fast größer als ihr Gesicht sind) ist sie blind. Im Finale wird das ignoriert; was ärgerlich wäre, wenn man „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ als strickt realistischen Film betrachten würde. Bis dahin wirkt Dany wie eine mehr oder weniger verpeilte junge Frau, die sich nach der starken Hand eines sie führenden Mannes sehnt und kaum zwischen Jungmädchenschwärmereien und Realität trennen kann. Im Finale ändert sich das. Sie hat jetzt den Durchblick und braucht deshalb keine Brille mehr.

Sfar folgt Japrisots Geschichte bis zum Finale, das im Film anders als im Roman ist, sehr genau. Teilweise übernimmt er sogar die Dialoge aus dem Roman. Im Gegensatz zum Roman erzählt er Danys Geschichte chronologisch, aber mit zahlreichen Flashbacks, deren Stellung zwischen Fantasie, Realität, Vergangenheit und Zukunft, erst rückblickend deutlich wird (was zur irrealen Stimmung beiträgt) und kunstvollen Überblendungen, die mal etwas enthüllen, mal verschleiern.

The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ ist ein feiner, extrem stylischer Franco-Retro-Krimi, bei dem man letztendlich nicht zu sehr auf die Logik achten sollte. Das gilt allerdings auch für Japrisots Roman.

the-lady-in-the-car-with-glasses-and-a-gun-dvd-cover

The Lady in the Car with Glasses and a Gun (La dame dans l’auto avec des lunettes et un fusil, Frankreich/Belgien 2015)

Regie: Joann Sfar

Drehbuch: Gilles Marchand, Patrick Godeau

LV: Sébastien Japrisot: La Dame dans l’auto avec les lunettes et un fusil, 1966 (Porträt einer Dame im Auto mit Brille und Gewehr, Die Dame im Auto im Sonnenbrille und Gewehr)

mit Freya Mavor, Benjamin Biolay, Elio Germano, Stacy Martin

DVD

Tiberius Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS), Französisch (

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Moviepilot über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Metacritic über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Rotten Tomatoes über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Wikipedia über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ (englisch, französisch) und Sébastien Japrisot (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Sébastien Japrisot

Sébastien Japrisot in der Kriminalakte

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