Cover der Woche

Februar 28, 2017

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Für die Berliner und Brandenburger: Weil es mal wieder Ärger am Flughafen gibt (Personal, Technik) und keiner mehr auf eine Eröffnung 2018 wetten möchte. 2019 wohl auch nicht mehr.

Und wenn der Flughafen dann irgendwann eröffnet, wird er der erste neue Flughafen sein, der schon ein Retro-Design hat.

 


TV-Tipp für den 28. Februar: Der Traum von Olympia

Februar 28, 2017

RBB, 22.45

Der Traum von Olympia – Die Nazi-Spiele von 1936 (Deutschland 2016, Regie: Mira Thiel, Florian Huber)

Drehbuch: Florian Huber

TV-Dokudrama über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, erzählt aus der Perspektive des Wehrmachtsoffiziers Wolfgang Fürstner, der das Olympische Dorf erbauen und für den ordnungsgemäßen Ablauf der Spiele verantwortlich ist, und der deutschen Jüdin Gretel Bergmann, die unbedingt als Hochspringerin bei den Spielen teilnehmen möchte.

Mira Thiel und Florian Huber benutzen diese beiden Personen, deren Erlebnisse sie mit vielen Archivaufnahmen anreichern, um sich so aus unterschiedlichen Perspektiven den Spielen anzunähern. Dabei entsteht ein Paradebeispiel für schlechte Doku-Fiction. Gerade die inszenierten Teile sind erschreckend prätentiös (was auch an der Idee liegt, Fürstner immer wieder, während andere Personen anwesend sind, direkt in die Kamera sagen zu lassen, was in der oder einer anderen Szene eigentlich gezeigt werden sollte). Die Dialoge sind erschreckend schlecht geschrieben auf dem Niveau einer schlechten Vorabendserie. Dito die vielen Voice-Over-Texte, in denen beide Erzähler reichlich naiv erscheinen. Vor allem wenn Gretel Bergmann über ihre Enttäuschungen und ihre Backfisch-Liebe zu Jesse Owens redet. Dramatisch wird es nie; was angesichts der Geschichte eine Meisterleistung ist. Oberflächlich bleibt es immer.

Eine, abgesehen von den Archivaufnahmen, verschenkte Chance.

Wie es besser geht zeigte Stephen Hopkins letztes Jahr mit seinem Jesse-Owens-Biopic „Zeit für Legenden“.

mit Simon Schwarz, Sandra von Ruffin, Gotthard Lange, Christian Hockenbrink, Annina Hellenthal

Hinweise

ARD über „Der Traum von Olympia“

Filmportal über „Der Traum von Olympia“

Wikipedia über „Der Traum von Olympia“


„Worte müssen etwas bedeuten“ – Barack Obamas große Reden

Februar 27, 2017

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Normalerweise ist das ein Buch, das man schulterzuckend ins Regal stellt. Immerhin muss man sich die Reden nicht im Internet zusammensuchen, sondern hat hier wichtige Reden einer Person gesammelt. Irgendwann holt man es vielleicht hervor, weil man ein Zitat benötigt. Aber ansonsten sind die Reden von Politikern, wenn man sich nicht wissenschaftlich damit beschäftigen muss, spätestens nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt Altpapier.

Normalerweise.

Aber im Moment leben wir nicht in normalen Zeiten.

Deshalb werden die Reden von Barack Obama, dem vorherigen US-Präsidenten, im Moment täglich wichtiger. Sie zeigen nämlich in jedem Satz, wie groß der Unterschied zwischen ihm und seinem Nachfolger ist. Der notorische Lügner, halbstarke Chaot und erklärte Militarist Donald Trump (ohne Kampferfahrung) redet von „America First“, zeichnet (fernab aller Fakten) die USA als ein Land im Bürgerkrieg und denkt, Amerika wieder (?) groß zu machen, indem er alles alleine tut. Im besten Fall führt sein erratisches Gerede dazu, dass es bei seinem Abgang nur der USA in jeder Beziehung schlechter geht.

Barack Obama sprach in seinen Reden auch von den Problemen, vor denen die USA und die Welt stehen und der Rolle, die die USA übernehmen müsse.

Wenn man mehrere der in „Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden“ von Birgit Schmitz zusammengestellten Reden, die Obama zwischen 2004 und 2016 an verschiedenen Orten auf dem Globus hielt, durchliest bemerkt man schnell immer wieder auftauchende Themen: der Glaube an den amerikanischen Traum und die liberale Gesellschaft, die Kraft von Ideen und Menschen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, die wichtige Rolle der Zusammenarbeit von Menschen und Staaten für eine bessere Welt und Glaube an die fundamentale Gleichheit aller Menschen. Obama betont immer das Verbindende und stellt es immer in den Zusammenhang einer globalen Politik für eine friedlichere Welt und dem Erhalt der Welt für die nachfolgenden Generationen.

Das sind selbstverständlich keine wirklich in die Tiefe des philosophischen und politikwissenschaftlichen Denken gehenden Reden, in denen mit Zitaten und Namen um sich geworfen wird, sondern eher grundvernünftige, alltagstaugliche Auslegungen christlicher und philosophischer Gedanken, die auch, zum Beispiel in seiner Rede zum Empfang des Friedensnobelpreises zeigen, in welchem Zwiespalt der Präsident des mächtigsten Landes der Erde bewegt. Denn er ist auch oberster Befehlshaber des Militärs.

Die Reden sind auch das vollständige Gegenprogramm zu dem jetzigen US-Präsidenten.

Ungefähr auf jeder Seite steht etwas, das man Donald Trump als Spruch an die Wand nageln möchte. Zum Beispiel: „Würde ist der grundlegende Gedanke, dass wir aufgrund dessen, dass wir alle Menschen sind, alle gleich geboren und von der Gnade Gottes berührt sind, unabhängig davon, wo wir herkommen oder wie wir aussehen. Jeder Mensch ist wertvoll. Jeder Mensch ist wichtig. Jeder Mensch verdient es, mit Anstand und Respekt behandelt zu werden. Die längste Zeit der Geschichte haben die Menschen das nicht erkannt. Würde war etwas, das hochrangigen und privilegierten Menschen, Königen und Respektspersonen vorbehalten war. Es war eine jahrhundertelange Revolution des Geistes notwendig, um uns die Augen zu öffnen, dass jeder Mensch eine Würde hat. Auf der ganzen Welt haben Generationen darum gekämpft, diesen Gedanken durch Gesetze und Institutionen in die Praxis umzusetzen.“

In dem Sammelband „Worte müssen etwas bedeuten“ hat Birgit Schmitz 25 Reden von Barack Obama und eine von seiner Frau Michelle Obama zusammengestellt. Es handelt sich um ihre um die Welt gegangene, vielzitierte und hochgelobte „Wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste“-Rede während Hillary Clintons Wahlkampf am 13. Oktober 2016 in New Hampshire über die frauenfeindlichen Äußerungen von Donald Trump.

Leider gibt es zu den Reden keine weiteren Erklärungen und Einordnungen. Es fehlt ein Essay über Obamas Leben und Wirken und warum gerade diese Reden ausgewählt wurden. Es fehlen erklärende Worte zu den Reden, die über eine Nennung vom Ort und Tag hinausgehen. Das liest sich dann so: „Rede für eine atomwaffenfreie Welt, Prag, 5. April 2009“ oder „Rede anlässlich des Attentats auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, Washington, 12. Juni 2016“.

Bei einigen Reden, wie seine Reden zum Wahlsieg der Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 und, zu seiner Wiederwahl, am 7. November 2012, in Chicago, seine Amtsantrittsrede am 20. Januar 2009 in Washington, seiner Rede zum Erhalt des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 2009 in Oslo, zum 50. Jahrestag der Protestmärsche von Selma nach Montgomery in Selma, Alabama am 7. März 2015, ist dies selbsterklärend.

Bei anderen Reden, wie der zum Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen am 22. September 2010 in New York (Wer kann ad hoc erklären, was auf dem Gipfel besprochen wurde und warum er wichtig ist?) oder der Eröffnungsrede der Weltklimakonferenz COP21 am 30. November 2015 in Paris oder seine „Rede beim Besuch auf Kuba“ in Havanna am 22. März 2016 oder zu verschiedenen Schießereien (Tuscon, Arizona, am 12. Januar 2011; Newton am 16. Dezember 2012, zum Attentat auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, am 12. Juni 2016 und, wenige Tage später, in Dallas am 12. Juli 2016) hätte eine kleine Einsortierung, vielleicht auch eine kleine Wirkungsgeschichte (ich rede hier eher von einer halben als von zwei Seiten) gut getan.

Trotzdem ist „Worte müssen etwas bedeuten“ ein sehr lesenswertes und auch Trost spendendes Buch, das auf jeder Seite zeigt, dass eine andere Welt möglich ist.

Inzwischen haben Historiker die Präsidentschaft von Barack Obama in einer ersten Einschätzung als die zwölftbeste aller Zeiten einsortiert. Wenn die Beziehung zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress besser gewesen wäre, hätte er sogar eine noch bessere Platzierung erhalten: „Obama received high marks from presidential historians for his pursuit of „equal justice for all“ and for his commanding „moral authority,“ ranking third and seventh among all former presidents in each respective category. The 44th president also cracked a top 10 ranking for his „economic management“ and public persuasion.“

Barack Obama: Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden

(herausgegeben von Birgit Schmitz)

Suhrkamp, 2017

256 Seiten

10 Euro

Hinweise

Wikipedia über Barack Obama (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 27. Februar: Betty

Februar 27, 2017

Arte, 21.55

Betty (Frankreich 1991, Regie: Claude Chabrol)

Drehbuch: Claude Chabrol

LV: Georges Simenon: Betty, 1960 (Betty)

Die vermögende Witwe Laure nimmt die Alkoholikerin Betty bei sich auf. Ein böser Fehler.

Chabrol übernimmt für seine Zustandsbeschreibung die Romanstruktur mit wenigen Ereignissen in der Gegenwart und vielen Rückblenden. Das ist oft schematisch, oft nahe an der Idee eines Filmes ohne Geschichte, und grandios gespielt.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte „Die Hölle“ (Frankreich 1994), ebenfalls von Claude Chabrol. Ebenfalls sehenswert.

Mit Marie Trintignant, Stéphane Audran

Wiederholung: Samstag, 11. März, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Betty“ (deutsch, englisch, französisch) und Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 26. Februar: Rebecca

Februar 26, 2017

Oscar: Bester Film des Jahres 1941

Arte, 20.15

Rebecca (USA 1940, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Robert E. Sherwood, Joan Harrison

LV: Daphne du Maurier: Rebecca, 1938 (Rebecca)

Hitchcocks Einstand in Hollywood: ein viktorianisches Thrillermelodrama über die junge Frau de Winter, die in dem Familienschloss Manderley überall Spuren der verstorbenen Rebecca de Winter findet und anscheinend von ihrem Mann und der Haushälterin in den Tod getrieben werden soll.

Obwohl David O. Selznick gerade sehr mit „Gone with the wind“ beschäftigt war und Hitch deshalb in Ruhe arbeiten ließ, ist „Rebecca“ in erster Linie ein Selznick-Film.

Hitchcock war von dem Film nicht begeistert: „Das ist kein Hitchcock-Film. Das ist eine Art Märchen,…eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts, aber Rebecca ist eine Geschichte ohne jeden Humor.“

Anschließend, um 22.20 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Daphne du Maurier – Auf den Spuren von Rebecca“.

Mit Laurence Olivier, Joan Fontaine, George Sanders, Judith Anderson, Nigel Bruce, Leo G. Carroll

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rebecca“

Turner Classic Movies über „Rebecca“

Wikipedia über „Rebecca“ (deutsch, englisch)

Sex in a Submarine über „Rebecca“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Do not resist – Police 3.0“ zeigt die beängstigende Gegenwart und erschreckende Zukunft der Polizeiarbeit

Februar 26, 2017

Die Verbrecher werden immer schlimmer und gewalttätiger. Neben ihren Drogen horten sie gewaltige Vorräte an Schusswaffen, die sie skrupellos einsetzen. Deshalb muss die Polizei Waffengleichheit herstellen und aufrüsten. So klingt die konventionelle Erzählung für gepanzerte Polizeifahrzeuge, Sturmgewehre und Schutzkleidung, die auch in Deutschland Polizisten bei Fußballspielen und Demonstrationen wie Statisten für den nächsten „Robocop“-Film aussehen lässt. Am Brandenburger Tor, einem touristischen Hotspot, tut es dann die schusssichere Weste.

In den USA ist die Polizei, wie so oft, schon mindestens einen Schritt weiter. In seinem Dokumentarfilm „Do not resist – Police 3.0“ zeichnet Craig Atkinson die zunehmende Militarisierung der Polizei in den vergangenen Jahren nach. Sie zeigt sich besonders deutlich an zwei Punkten: etwa vierzig Prozent der Mitglieder von SWAT-Spezialeinheiten haben einen militärischen Hintergrund mit Kampferfahrungen in Falludscha und Afghanistan und damit ein ganz anderes Training als normale Polizisten für den Umgang mit dem „polizeilichem Gegenüber“.

Die meisten Einsätze, bei denen ich Polizisten in den letzten Jahren begleitet habe, stellten sich als Fälle von häuslicher Gewalt oder psychischer Probleme heraus. Und in vielen dieser Fälle wäre es notwendig, in der Lage zu sein, die Situation zu deeskalieren. Oft waren die Einsatzkräfte jedoch völlig unvorbereitet und nicht fähig, deeskalierend vorzugehen. Kam es jedoch zu Gewalthandlungen, konnten sie problemlos darauf reagieren.“ (Craig Atkinson)

Außerdem werden Geräte und Fahrzeuge, die das Militär für Einsätze in Kriegsgebieten kaufte, kostenlos und ohne irgendeine Kontrolle an Gemeinden weitergegeben. Auch wenn, was Craig Atkinson in „Do not resist“ zeigt, es in der Gemeinde keine Morde gab, die Verbrechensrate provinziell ist, Terroranschläge utopisch sind und die Polizeistation so klein ist, dass sie kaum das Personal für eines dieser Fahrzeuge hat. Geschweige denn für die zwei MRAP-Panzerwagen, die auf dem Parkplatz der Polizeistation stehen und sonntags einmal durch das Dorf gefahren werden.

Atkinson zeigt in seinem Dokumentarfilm noch mehr so absurde Beispiele. Dabei beschränkte sich bei den Dreharbeiten, die drei Jahre dauerten (und bei denen er ständig um Drehgenehmigungen rang), auf die Rolle als Teilnehmender Beobachter bei Einsätzen, Hearings und Präsentationen.

So beginnt „Do not resist“ mit Bildern von den Demonstrationen in Ferguson, Missouri, nachdem am 9. August 2014 ein weißer Polizist den 18-jährigen afroamerikanischen Schüler Michael Brown erschossen hatte. Bei den Demonstrationen setzte die Polizei all die Geräte ein, die sie in den letzten Jahren auch vom Militär erhalten hatte – und die nächtlichen Bilder unterscheiden sich kaum von den aus der „Tagesschau“ vertrauten Bildern aus Bürgerkriegsgebieten.

Er begleitete SWAT-Teams bei ihren Einsätzen. Atkinson wollte im Film das gesamte Spektrum der Polizeieinsätze zeigen wollte. Allerdings werden die SWAT-Teams meisten für Hausdurchsuchungen, meist bei einfachen Drogendelikten, eingesetzt. Und das zeigt er. Andere Einsätze gab es während der Dreharbeiten nicht.

Der Vater von Regisseur Craig Atkinson war in einer Nachbarstadt von Detroit 29 Jahre Polizist . „Während der dreizehn Jahre zwischen 1989 und 2002, in denen mein Vater Teil einer SWAT-Einheit war, hat diese insgesamt 29 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Heutzutage führen Teams in vergleichbaren Gegenden über 200 Hausdurchsuchungen durch – pro Jahr.“ (Craig Atkinson)

Er zeigt Ausschnitte aus Seminaren des marktführenden Coach Dave Grossman, der die Polizei im Krieg sieht. Bei ihm werden Polizisten und Soldaten, einträchtig nebeneinander sitzend, fortgebildet. Gemeinsame Trainings gibt es auch.

Er zeigt auch Ausschnitte aus der Anhörung des Senats zur „Verteilung und Einsatz von Militärausrüstung bei der Polizei“, bei der die Vertreter des Heimatschutz- und des Verteidigungsministerium keine Ahnung hatten, was mit der verteilten Militärausrüstung geschah.

Die Bilder der Einsätze und auch die Statements der Polizisten sind in ihrer Konzentration auf eine Dokumentation schockierend, weil sie zeigen, wie sehr militärisches Denken und Handeln inzwischen die Arbeit von SWAT-Teams bestimmt. In ihrer täglichen Arbeit, meistens bei Durchsuchungen von Häusern, rücken sie, reichlich aufgeputscht und kampfeslustig aus, als müssten sie gegen einen skrupellosen, schießwütigen Drogenboss (so irgendwo zwischen „Scarface“ und Pablo Escobar) vorgehen und dessen hochgesichertes Anwesen mühsam erkämpfen. Meistens vollstrecken sie die Durchsuchungsbefehle in den immergleichen Nachbarschaften. Diese Polizisten treten dort für die Bewohner nicht mehr als „Bürger in Uniform“ oder als „Freund und Helfer“, sondern als Gegner auf, die sich im Feindesland mit der Erst-Schießen-Dann-Reden-Militärlogik (falls dann überhaupt noch ein Gespräch möglich ist) bewegen.

Atkinson sind hier einige beeindruckende Bilder gelungen, weil er, mehr oder weniger oft, den gesamten Einsatz dokumentieren konnte und danach auch mit den Betroffenen sprechen konnte.

Die unkommentierten Bilder geben einen gelungenen ersten Einblick in die Militarisierung der Polizeiarbeit und die Doku eignet sich vorzüglich als Ausgangspunkt für Diskussionen. Allerdings fehlt ihr die analytische Schärfe eines Alex Gibney oder Errol Morris. Sie hätten die Bilder eloquent und konsequent in einen größeren Zusammenhang einordnet.

Auch werden einige wichtige Informationen nur nebenbei erwähnt und nicht weiter verfolgt. Das gilt vor allem für den hohen Anteil von Kriegsveteranen in SWAT-Teams, die dann in einer friedlichen Nachbarschaft vorgehen, als seien sie in Falludscha oder welche Interessen hinter der Militarisierung stecken und wie die Militarisierung der Polizei nicht nur das Bild der Polizei in der Bevölkerung verändert, sondern auch den Blick auf Kriminalität verändert. Denn wenn das SWAT-Team, wie „Do not resist“ zeigt, in voller Montur in die Wohnung eines gefährlichen Drogenhändlers stürmt, dabei schon beim Betreten das halbe Haus zerstört, dann muss es sich doch um einen sehr gefährlichen Drogenhändler handeln. Dass, wie der Film zeigt, der afroamerikanische Drogenhändler ein noch bei seinen Eltern lebender Teenager ist und dass diese Drogenhöhle eher wie das gepflegte Einfamilienhaus einer gesetzestreuen, ärmlichen Familie aussieht: geschenkt. Bei dem gefährliche Drogenhändler findet das SWAT-Team in seinem Rucksack einige Gramm, die kaum die Eigenbedarf-Menge erreichen und für die ein weißer Schüler noch nicht einmal verwarnt würde.

Im Presseheft erzählt Craig Atkinson von im Film nicht gezeigten SWAT-Einsätze gegen einen Gitarrenladen wegen der Verwendung eines falschen Holzes und einer Durchsuchung eines Friseurladens, der keine Lizenz dafür hatte. Das klingt nicht nach „Terrorismus“ oder „Organisierter Kriminalität“.

Natürlich ist die in „Do not resist“ gezeigte Polizeiarbeit und die zunehmende Militarisierung der Polizei nicht direkt mit der Arbeit der Polizei in Deutschland vergleichbar. Aber es fällt schwer, engagiert dagegen zu argumentieren. Vor allem wenn man daran denkt, dass die Polizei in Brandenburg um Feldjäger wirbt und das Militär zahlreiche Panzerwagen und Gewehre hat, die ab und an erneuert werden müssen.

Bis dahin besorgt Hamburg sich schon einmal einen Panzerwagen und Sturmgewehre. Man müsse ja, auch wenn es keine konkreten Hinweise gebe, für den nächsten Terroranschlag gerüstet sein.

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Do not resist – Police 3.0 (Do not resist, USA 2016)

Regie: Craig Atkinson

Drehbuch: Craig Atkinson

Länge: 72 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

In ausgewählten Kinos und als EST/TVOD auf: ITunes, Amazon Instant Video, Maxdome, Videoload, Google Play

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Do not resist“

Metacritic über „Do not resist“

Rotten Tomatoes über „Do not resist“


Im AOL Building spricht Craig Atkinson über seinen Film


TV-Tipp für den 25. Februar: Die Verurteilten

Februar 25, 2017

Vox, 20.15
Die Verurteilten (USA 1994, Regie: Frank Darabont)
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kanne. Auch wenn der zweite und dritte Platz von „Der Pate“ und „Der Pate 2“ belegt werden.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella

Wiederholung: Sonntag, 26. Februar, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Verurteilten“

Wikipedia über „Die Verurteilten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)


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