Neu im Kino/Filmkritik: „A Cure for Wellness“ mit Nebenwirkungen

Normalerweise würde man „A Cure for Wellness“ als Spaßprojekt bezeichnen. Es ist ein kleiner Film, den der Regisseur macht, um sich von seinen anderen, deutlich höher budgetierten Filmen eine Auszeit zu gönnen. Allerdings ist Gore Verbinski vor allem für die „Pirates of the Carribean“-Filme bekannt und auch sein letzter Film „The Lone Ranger“ schrieben „Spaß“ groß, „Story“ und „Tiefgang“ dagegen klein. „A Cure for Wellness“, gedreht mit dem Budget, das bei den Piratenfilmen für die Garderobe eines Schauspielers verwandt wird, ist wirklich keine Komödie (obwohl, wenn man den Film mit den richtigen Leuten sieht, er sicher eine lustige Angelegenheit wird). Viel „Tiefgang“ und „Story“ hat er auch nicht und mit gut 150 Minuten ist er auch deutlich zu lang geraten. Gekürzt um ein Drittel auf 100 Minuten könnte es ein netter kleiner Horrorfilm sein, in dem der Wall-Street-Broker Lockhart (Dane DeHaan) von seinen Vorgesetzten in die Schweiz geschickt wird. Dort soll er in einem einsam gelegenem Kurhotel den Vorstandsvorsitzenden Pembroke überzeugen, sofort in die USA zurückzukehren. Durch einen Autounfall wird Lockhart unfreiwillig zu einem Gast des Hotels, das von Dr. Heinrich Volmer (Jason Isaacs) geführt wird und der seine sehr wohlhabenden, älteren Gäste, vor, während und nach den Therapien immer mit reichlich Wasser, das heilende Wirkungen haben soll, versorgt. Denn: Trinken ist wichtig.

Schnell bemerkt Lockhart, dass in dem Spa irgendetwas nicht stimmt und langsam, weil Verbinski seinen Film sehr langsam erzählt, entdeckt er einige Merkwürdigkeiten, die ein Best-of-Horrorfilm sind. Inclusive einer Jungfrau, die seit ihrer Jugend in der Wellness-Oase lebt, eine mysteriöse Vergangenheit hat, und in die sich unser Held verliebt. Anscheinend wurde bei den Drehbuchbesprechungen nach der Methode vorgegangen „wenn ein Schloss in den Alpen dabei ist, gehört es in den Film“. So können Horrorfilmfans in jeder Szene mühelos Anspielungen auf zahllose Horrorfilmklassiker entdecken.

Trotz einiger Horrorszenen, die etwas mit dem Wasser zu tun haben, will „A Cure for Wellness“ nie mehr als ein sanfter Grusler sein, der ohne große Veränderungen auch um die Jahrhundertwende oder, einige Jahre früher, im neunzehnten Jahrhundert spielen könnte. Denn ob Lockhart mit einem Auto oder einer Kutsche in das Schloss fährt, ist einerlei. Ebenso ob er auf einem Fahrrad oder einer Kutsche mehr oder weniger erfolglos aus dem Schloss flüchtet.

Filmfans mit einem breiteren Spektrum können dann noch „Der Zauberberg“ (wegen des Handlungsortes) und „Das Apartment“ (wegen der in Manhattan spielenden Büroszenen am Filmanfang) erwähnen, während die Filmgeschichte in jeder Beziehung zunehmend zerfasert. Spätestens ab der Mitte rangiert sie dann ungefähr auf dem chaotisch-sinnfreiem Niveau von „The Lone Ranger“. Allerdings todernst, bedeutungsschwer, getragen und langsam. Sehr langsam.

Anfangs entfaltet sich so – auch wenn man als Zuschauer, während unser Held Lockhart nach der langen Zug- und Autofahrt noch mit der Empfangsdame des Spas über die Besuchszeiten diskutiert, schon die nächsten fünf Plotpunkte kennt – eine hypnotische Stimmung und eine leichte Verschiebung der Realität ins Irreale. Später fragt man sich, was dieser Wust disparater Ideen einem sagen soll.

Dabei ist „A Cure for Wellness“ schön gefilmt in seiner besinnungslosen, todernsten Zitathaftigkeit. Die Drehorte in Deutschland (viel wurde in der Burg Hohenzollern, den Beelitz Heilstätten und, selbstverständlich, den Babelsberg Studios gedreht) sind fotogen und voller naturgegebener Fin-de-Siècle-Atmosphäre. Da muss dann nur noch eine (!) (nicht zwei, drei oder viele) Geschichte erzählt werden.

a-cure-for-wellness-plakat

A Cure for Wellness (A Cure for Wellness, USA/Deutschland 2016)

Regie: Gore Verbinski

Drehbuch: Justin Haythe (nach einer Geschichte von Justin Haythe und Gore Verbinski)

mit Dane DeHaan, Jason Isaacs, Mia Goth, Celia Imrie, Harry Groener, Adrian Schiller, Michael Mendl

Länge: 147 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „A Cure for Wellness“

Moviepilot über „A Cure for Wellness“

Metacritic über „A Cure for Wellness“

Rotten Tomatoes über „A Cure for Wellness“

Wikipedia über „A Cure for Wellness“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gore Verbinskis „The Lone Ranger“ (The Lone Ranger, USA 2013)

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Eine Antwort zu Neu im Kino/Filmkritik: „A Cure for Wellness“ mit Nebenwirkungen

  1. […] Schauwerte aber lachhafte Geschichte) | Komm & Sieh (Visuell reizvoll aber Story langatmig) | Kriminalakte (Schön gefilmt aber Geschichte chaotisch-sinnfrei) | Popkulturelle Differenzen (Visuell Top, Geschichte Flop) | Wessels Filmkritik (Hochspannend und […]

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