Neu im Kino/Filmkritik: Rüdiger Suchsland sucht „Hitlers Hollywood“

Ich könnte den gesamten Text einfach trumpifizieren und afdifizieren. Aber das wäre zu einfach. Zu platt. Zu offensichtlich. Denn, und das zeigt Filmjournalist Rüdiger Suchsland in seinem Filmessay „Hitlers Hollywood“, gute Propaganda wirkt durch die Hintertür. Nicht die schon Überzeugten sollen überzeugt werden, sondern die noch nicht Überzeugten. Deshalb gab es in den während des Nationalsozialismus in Deutschland produzierten Filmen wenig echte, sofort erkennbare Propaganda für das System, aber viele Melodramen, Musicals, Komödien und Historienfilme. Leichte, scheinbar unpolitische Unterhaltung, die im Fernsehen immer noch regelmäßig gezeigt wird. Die Filme sind beliebt und teilweise Filmklassiker. Wie „Münchhausen“, „Große Freiheit Nr. 7“, „Die Feuerzangenbowle“ (dazu später mehr) und „Der Mann, der Sherlock Holmes war“.

Mit einer Szene aus dieser Komödie beginnt auch „Hitlers Hollywood“: Hans Albers und Heinz Rühmann singen in einer Hotelsuite den Schlager „Jawohl, meine Herr’n“ und, wie Rüdiger Suchsland in einem Gespräch nach dem Film bemerkte, in dem Schlager würden schon alles über die Herrschaftsstrategien der Nationalsozialisten gesagt: „Von heut an gehört uns die Welt. (…) Wir tun was uns gefällt./Und wer uns stört, ist eh er’s noch begreift, längst von uns schon eingeseift“.

Gleichzeitig ist die Szene der schwungvolle Auftakt zu einer Reise in die Finsternis. Rüdiger Suchsland nahm sich nach seiner ersten Dokumentation „Von Caligari zu Hitler“ die während des Nationalsozialismus in Deutschland unter der Leitung von Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, entstandenen Filme vor. Goebbels war ein Filmfanatiker, der in Deutschland ein Gegenmodell zu Hollywood entwerfen wollte und der letztendlich bei allen Filmen das letzte Wort hatte. Die Filme sollten unterhalten, dem Publikum gefallen und die Nazi-Ideologie verbreiten.

Suchsland fragt sich: Wie taten sie das? Wie funktioniert Propaganda? Wie wirken die Filme heute? Muss zwischen der Botschaft und dem filmischen Handwerk getrennt werden? Kann ein Film ein guter Film sein, obwohl er eine schlechte Botschaft hat?

Auf diese Fragen sucht Rüdiger Suchsland in seinem Filmessay Antworten. Von den über tausend während des Nationalsozialismus hergestellten Spielfilmen sah er sich ungefähr zweihundert an. Fast achtzig Filmen werden dann in „Hitlers Hollywood“ in meist kurzen Ausschnitten präsentiert. Bekannte Werke, wie „Hitlerjunge Quex“, „Jud Süß“, „Kolberg“ und „Münchhausen“, sind dabei. Auch heute unbekanntere Filme, wie „Wir machen Musik“, „Wunschkonzert“, „Ich klage an“ und „Titanic“, und höchstens Cineasten bekannte Filme, wie „Paracelsus“ und „Großstadtmelodie“, werden in kurzen Szenen präsentiert.

Diesen Filmen nähert sich Suchsland dann mit den Augen des neugierigen Betrachters. Er erzählt in einem großen Essay, wie die Filme auf ihn wirken, legt dabei einige Propagandastrategien offen und zeigt, weil er in erster Linie chronologisch vorgeht, wie sich die Filme im Lauf der Zeit veränderten. Er zeigt auch einige Ausschnitte, in denen subversives Gedankengut (in homöopathischen Dosen) in die Filme eingeschmuggelt wurde. Das ermöglicht dann auch eine zweite Lesart. Er zeigt auch, wie die Filme sich immer wieder offen als Theater inszenierten und in den letzten Kriegstagen zunehmend dem Wahnsinn verfielen, weil Realität und Filmrealität grotesk auseinanderklafften.

Hitler Hollywood“ ist allerdings auch ein Film, der an der Oberfläche bleibt. Es gibt keine ’sprechenden Köpfe‘, keine alternativen Erklärungen, keine eindeutige, kontroverse These und auch keine tiefgehende Filmanalyse. Dafür sind die Ausschnitte einfach zu kurz. „Hitlers Hollywood“ ist vor allem ein Film, der neugierig macht auf eine wiederholte (?) Betrachtung der Nazi-Filme, verbunden mit der Frage, warum sie so gut funktionierten und immer noch funktionieren. Ein solches kritisches Sehen sensibilisiert dann auch für die Strategien von Propagandisten, Populisten und Verführern.

Und jetzt komme ich zur „Feuerzangenbowle“ zurück und zu Leni Riefenstahls „Olympia“, die wegen der Rechtesituation nicht in „Hitlers Hollywood“ enthalten sind. Beides sind ja bekannte Filme. „Die Feuerzangenbowle“ läuft regelmäßig im Fernsehen und es gibt wohl auch ständig Vorführungen in Universitäten (war mir damals beim Studium entgangen). „Olympia“, die gut vierstündige Dokumentation der Olympischen Spiele 1936, ist vor allem bekannt für seine Bildikonographie, die es bis in „Rammstein“-Musikvideos geschafft hat. Beide Filme würde man in einem Film über Hitlers Kino erwarten.

Die Originalfassung von „Olympia“ gehört allerdings inzwischen dem IOC und sie ist dort im Keller gebunkert. Suchsland behalf sich hier mit Filmfotos und Amateuraufnahmen. Die Verwertungsrechte der „Feuerzangenbowle“ gehören der privaten Verleiherin Cornelia Meyer zur Heyde, Mitglied des AfD-Vorstandes von Münster. Sie hat kein Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung über den Film.

hitlers-hollywood-plakat

Hitlers Hollywood (Deutschland 2017)

Regie: Rüdiger Suchsland

Drehbuch: Rüdiger Suchsland

Länge: 105 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Hitlers Hollywood“

Moviepilot über „Hitlers Hollywood“

Wikipedia über Rüdiger Suchsland

Hier geht es zu den Terminen der Kinotour.

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