Neu im Kino/Filmkritik: Über Pablo Larraíns Biopic/Nicht-Biopic „Neruda“

Mit „Neruda“ ist natürlich der bekannte Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904 – 1973) gemeint – und man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.

Der Film beginnt 1948. Neruda ist geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator für die nordchilenischen Provinzen Tarapacá und Antotagasta.

Präsident González Videla ist Mitglied der Radikalen Partei und Diktator am Beginn seiner Karriere, der mit Sondergesetzen, willkürlichen Verhaftungen, Verfolgung missliebiger Personen und einem 1947 eingerichtetem Straflager für politische Gefangene in der Atacama-Wüste (geleitet von Augusto Pinochet) seine Herrschaft ausbaut. Er verbietet auch die Kommunistische Partei, für die Neruda im Kongress sitzt und lässt deren Mitglieder verfolgen.

Neruda hält vor dem Kongress eine flammende Anklagerede gegen Videla. Danach muss er, um nicht in das Straflager gesteckt zu werden, mit seiner Frau Delia del Carril untertauchen.

Im Untergrund schreibt er weiter an seiner epochalen Gedichtzyklus „Canto General“ und gegen die Machthaber. Und er denkt überhaupt nicht daran, sein Leben als Bonvivant aufzugeben. Auf gute Küche, Wein, Frauen, Literatur (wozu auch Krimis gehören) und die Auftritte in der Öffentlichkeit will er nicht mehr als nötig verzichten. So kann er auch Präsident Videla an der Nase herumführen.

Der Polizist Óscar Peluchonneau verfolgt ihn. Er ist eine Figur, die es so nur in einem Noir-Roman gibt, und die folgerichtig erfunden ist. Bei seiner Suche nach dem untergetauchtem Dichter ist Peluchonneau, ein an seiner eigenen Unzulänglichkeit leidender Konservativer, zunehmend von Nerudas Schriften fasziniert. Außerdem wird der Film mit seiner Stimme (im Voice-Over) erzählt.

Neruda“ ist ein großer, südländisch burlesker Spaß, in dem Neruda auch auf der Flucht, wie ein kleines Kind ist, das das Leben genießen will. Die Ausstattung und die Locations erinnern dann an Federico Fellini, auch weil „Neruda“ mit einem fellininesken Maskenball und einem dekadentem Fest der Sinne, bourgeois und kommunistisch gesättigt, beginnt. Denn Pablo Neruda war, was schon die ersten Minuten zeigen, eine schillernde Persönlichkeit, die in dem auf mehreren Ebenen funktionierendem und erzählten Film auch entsprechend vielschichtig porträtiert wird.

Alles das, was Pablo Larraín in seinem nächsten Film „Jackie“ (seit 26. Januar im Kino) über Jackie Kennedy und die Tage zwischen der Ermordung ihres Mannes und seiner Beerdigung, nicht gelang, gelingt ihm in „Neruda“, seinem durchgehend ironischen Neruda-Metafilm/fiktion über die Monate zwischen seinem Untertauchen und 1949 seiner Flucht über die südlichen Kordilleren nach Argentinien.

Unser Film ist wahrscheinlich weniger ein Film über Neruda als einer in seinem Geist – vielleicht ist er auch beides zusammen. Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.“ (Pablo Larraín)

Das „Anti-Biopic“ (Larraín) ist ein großer Spaß. Auch für Menschen, die nichts über Pablo Neruda wissen, nichts von ihm gelesen haben und auch nichts von ihm lesen wollen. Wobei: Was spricht gegen die Lektüre eines guten Buches? Außer der Angst, intelligenter zu werden?

neruda-plakat

Neruda (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón

mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Diego Munoz, Pablo Derqui, Michael Silva

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Neruda“

Metacritic über „Neruda“

Rotten Tomatoes über „Neruda“

Wikipedia über „Neruda“ und Pablo Neruda (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)

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