Neu im Kino/Filmkritik: „Do not resist – Police 3.0“ zeigt die beängstigende Gegenwart und erschreckende Zukunft der Polizeiarbeit

Die Verbrecher werden immer schlimmer und gewalttätiger. Neben ihren Drogen horten sie gewaltige Vorräte an Schusswaffen, die sie skrupellos einsetzen. Deshalb muss die Polizei Waffengleichheit herstellen und aufrüsten. So klingt die konventionelle Erzählung für gepanzerte Polizeifahrzeuge, Sturmgewehre und Schutzkleidung, die auch in Deutschland Polizisten bei Fußballspielen und Demonstrationen wie Statisten für den nächsten „Robocop“-Film aussehen lässt. Am Brandenburger Tor, einem touristischen Hotspot, tut es dann die schusssichere Weste.

In den USA ist die Polizei, wie so oft, schon mindestens einen Schritt weiter. In seinem Dokumentarfilm „Do not resist – Police 3.0“ zeichnet Craig Atkinson die zunehmende Militarisierung der Polizei in den vergangenen Jahren nach. Sie zeigt sich besonders deutlich an zwei Punkten: etwa vierzig Prozent der Mitglieder von SWAT-Spezialeinheiten haben einen militärischen Hintergrund mit Kampferfahrungen in Falludscha und Afghanistan und damit ein ganz anderes Training als normale Polizisten für den Umgang mit dem „polizeilichem Gegenüber“.

Die meisten Einsätze, bei denen ich Polizisten in den letzten Jahren begleitet habe, stellten sich als Fälle von häuslicher Gewalt oder psychischer Probleme heraus. Und in vielen dieser Fälle wäre es notwendig, in der Lage zu sein, die Situation zu deeskalieren. Oft waren die Einsatzkräfte jedoch völlig unvorbereitet und nicht fähig, deeskalierend vorzugehen. Kam es jedoch zu Gewalthandlungen, konnten sie problemlos darauf reagieren.“ (Craig Atkinson)

Außerdem werden Geräte und Fahrzeuge, die das Militär für Einsätze in Kriegsgebieten kaufte, kostenlos und ohne irgendeine Kontrolle an Gemeinden weitergegeben. Auch wenn, was Craig Atkinson in „Do not resist“ zeigt, es in der Gemeinde keine Morde gab, die Verbrechensrate provinziell ist, Terroranschläge utopisch sind und die Polizeistation so klein ist, dass sie kaum das Personal für eines dieser Fahrzeuge hat. Geschweige denn für die zwei MRAP-Panzerwagen, die auf dem Parkplatz der Polizeistation stehen und sonntags einmal durch das Dorf gefahren werden.

Atkinson zeigt in seinem Dokumentarfilm noch mehr so absurde Beispiele. Dabei beschränkte sich bei den Dreharbeiten, die drei Jahre dauerten (und bei denen er ständig um Drehgenehmigungen rang), auf die Rolle als Teilnehmender Beobachter bei Einsätzen, Hearings und Präsentationen.

So beginnt „Do not resist“ mit Bildern von den Demonstrationen in Ferguson, Missouri, nachdem am 9. August 2014 ein weißer Polizist den 18-jährigen afroamerikanischen Schüler Michael Brown erschossen hatte. Bei den Demonstrationen setzte die Polizei all die Geräte ein, die sie in den letzten Jahren auch vom Militär erhalten hatte – und die nächtlichen Bilder unterscheiden sich kaum von den aus der „Tagesschau“ vertrauten Bildern aus Bürgerkriegsgebieten.

Er begleitete SWAT-Teams bei ihren Einsätzen. Atkinson wollte im Film das gesamte Spektrum der Polizeieinsätze zeigen wollte. Allerdings werden die SWAT-Teams meisten für Hausdurchsuchungen, meist bei einfachen Drogendelikten, eingesetzt. Und das zeigt er. Andere Einsätze gab es während der Dreharbeiten nicht.

Der Vater von Regisseur Craig Atkinson war in einer Nachbarstadt von Detroit 29 Jahre Polizist . „Während der dreizehn Jahre zwischen 1989 und 2002, in denen mein Vater Teil einer SWAT-Einheit war, hat diese insgesamt 29 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Heutzutage führen Teams in vergleichbaren Gegenden über 200 Hausdurchsuchungen durch – pro Jahr.“ (Craig Atkinson)

Er zeigt Ausschnitte aus Seminaren des marktführenden Coach Dave Grossman, der die Polizei im Krieg sieht. Bei ihm werden Polizisten und Soldaten, einträchtig nebeneinander sitzend, fortgebildet. Gemeinsame Trainings gibt es auch.

Er zeigt auch Ausschnitte aus der Anhörung des Senats zur „Verteilung und Einsatz von Militärausrüstung bei der Polizei“, bei der die Vertreter des Heimatschutz- und des Verteidigungsministerium keine Ahnung hatten, was mit der verteilten Militärausrüstung geschah.

Die Bilder der Einsätze und auch die Statements der Polizisten sind in ihrer Konzentration auf eine Dokumentation schockierend, weil sie zeigen, wie sehr militärisches Denken und Handeln inzwischen die Arbeit von SWAT-Teams bestimmt. In ihrer täglichen Arbeit, meistens bei Durchsuchungen von Häusern, rücken sie, reichlich aufgeputscht und kampfeslustig aus, als müssten sie gegen einen skrupellosen, schießwütigen Drogenboss (so irgendwo zwischen „Scarface“ und Pablo Escobar) vorgehen und dessen hochgesichertes Anwesen mühsam erkämpfen. Meistens vollstrecken sie die Durchsuchungsbefehle in den immergleichen Nachbarschaften. Diese Polizisten treten dort für die Bewohner nicht mehr als „Bürger in Uniform“ oder als „Freund und Helfer“, sondern als Gegner auf, die sich im Feindesland mit der Erst-Schießen-Dann-Reden-Militärlogik (falls dann überhaupt noch ein Gespräch möglich ist) bewegen.

Atkinson sind hier einige beeindruckende Bilder gelungen, weil er, mehr oder weniger oft, den gesamten Einsatz dokumentieren konnte und danach auch mit den Betroffenen sprechen konnte.

Die unkommentierten Bilder geben einen gelungenen ersten Einblick in die Militarisierung der Polizeiarbeit und die Doku eignet sich vorzüglich als Ausgangspunkt für Diskussionen. Allerdings fehlt ihr die analytische Schärfe eines Alex Gibney oder Errol Morris. Sie hätten die Bilder eloquent und konsequent in einen größeren Zusammenhang einordnet.

Auch werden einige wichtige Informationen nur nebenbei erwähnt und nicht weiter verfolgt. Das gilt vor allem für den hohen Anteil von Kriegsveteranen in SWAT-Teams, die dann in einer friedlichen Nachbarschaft vorgehen, als seien sie in Falludscha oder welche Interessen hinter der Militarisierung stecken und wie die Militarisierung der Polizei nicht nur das Bild der Polizei in der Bevölkerung verändert, sondern auch den Blick auf Kriminalität verändert. Denn wenn das SWAT-Team, wie „Do not resist“ zeigt, in voller Montur in die Wohnung eines gefährlichen Drogenhändlers stürmt, dabei schon beim Betreten das halbe Haus zerstört, dann muss es sich doch um einen sehr gefährlichen Drogenhändler handeln. Dass, wie der Film zeigt, der afroamerikanische Drogenhändler ein noch bei seinen Eltern lebender Teenager ist und dass diese Drogenhöhle eher wie das gepflegte Einfamilienhaus einer gesetzestreuen, ärmlichen Familie aussieht: geschenkt. Bei dem gefährliche Drogenhändler findet das SWAT-Team in seinem Rucksack einige Gramm, die kaum die Eigenbedarf-Menge erreichen und für die ein weißer Schüler noch nicht einmal verwarnt würde.

Im Presseheft erzählt Craig Atkinson von im Film nicht gezeigten SWAT-Einsätze gegen einen Gitarrenladen wegen der Verwendung eines falschen Holzes und einer Durchsuchung eines Friseurladens, der keine Lizenz dafür hatte. Das klingt nicht nach „Terrorismus“ oder „Organisierter Kriminalität“.

Natürlich ist die in „Do not resist“ gezeigte Polizeiarbeit und die zunehmende Militarisierung der Polizei nicht direkt mit der Arbeit der Polizei in Deutschland vergleichbar. Aber es fällt schwer, engagiert dagegen zu argumentieren. Vor allem wenn man daran denkt, dass die Polizei in Brandenburg um Feldjäger wirbt und das Militär zahlreiche Panzerwagen und Gewehre hat, die ab und an erneuert werden müssen.

Bis dahin besorgt Hamburg sich schon einmal einen Panzerwagen und Sturmgewehre. Man müsse ja, auch wenn es keine konkreten Hinweise gebe, für den nächsten Terroranschlag gerüstet sein.

do-not-resist-plakat

Do not resist – Police 3.0 (Do not resist, USA 2016)

Regie: Craig Atkinson

Drehbuch: Craig Atkinson

Länge: 72 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

In ausgewählten Kinos und als EST/TVOD auf: ITunes, Amazon Instant Video, Maxdome, Videoload, Google Play

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Do not resist“

Metacritic über „Do not resist“

Rotten Tomatoes über „Do not resist“


Im AOL Building spricht Craig Atkinson über seinen Film

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