Neu im Kino/Filmkritik: „Die rote Schildkröte“ – ein Animationsfilm für Erwachsene

In der Oscar-Begeisterung über die großen, an der Kinokasse erfolgreichen Trickfilme wie „Zoomania“, der den Oscar als bester Animationsfilm erhielt, ging unter, dass „Die rote Schildkröte“ ebenfalls für den Oscar als bester Animationsfilm nominiert war. Er war auch der einzige nominierte Film, der sich explizit nicht an ein erwachsenes Publikum richtet.

Nicht, weil er, wie „Fritz the Cat“, irgendwie besonders „tabubrechend“, „gewalttätig“ „pornographisch“ oder „amoralisch“ ist, sondern weil er seine Geschichte sehr langsam und ohne Worte entfaltet und er erwachsene Themen für ein erwachsenes Publikum behandelt.

Ein Schiffbrüchiger strandet auf einer einsamen Südseeinsel. Er erkundet sie, beginnt gleich ein Floß zu bauen und will die Insel verlassen. Aber wenige Meter von der Insel entfernt, wird sein Floß von einer unbekannten, aus der Tiefe kommenden Kraft zerstört.

Bei seinem dritten erfolglosen Fluchtversuch entdeckt er endlich den Übeltäter: eine riesige rote Schildkröte. Wutentbrannt schleppt er sie auf die Insel und will sie töten. Aber aus der Schildkröte entsteigt eine schöne Frau, mit der später ein Kind hat, das älter wird.

Die rote Schildkröte“ ist das Spielfilmdebüt von Michael Dudok de Wit, der für „Father and Daughter“ (2000) den Kurzfilmoscar erhielt. Die ersten Arbeiten an dem Film begann er vor zehn Jahren. Die Produktion begann vor vier Jahren. Dabei ist das renommierte japanische Studio Ghibli („Chihiros Reise ins Zauberland“, „Die Legende der Prinzessin Kaguya“), das mit „Die rote Schildkröte“ erstmals einen Film außerhalb Japans produzierte. Während der Produktion wurde intensiv über die Bedeutung verschiedener Symbole und Gegenstände diskutiert. Denn „Die rote Schildkröte“ ist ein Stummfilm und eine poetische Geschichte über den Kreislauf des Lebens, die zugleich linear und zirkulär erzählt wird. Es ist ein Film voller Symbole und Andeutungen, die vielfältig interpretiert werden können und sollen. Diese Offenheit auf der einen Seite führt dazu, dass jeder in „Die rote Schildkröte“ einen anderen Film sehen wird, weil die Geschichte des Schiffbrüchigen, seiner Frau und ihres Sohnes auch eine einzige große Parabel auf das Leben ist: wie man versucht, die Welt zu erkunden, eine Familie findet und damit umgeht, dass die Kinder die Eltern verlassen, um selbst die Welt zu erkunden.

Das sind Fragen, die Kinder nicht interessieren. Vor allem, wenn sie so ruhig und so betont undramatisch (wie halt das Leben normalerweise ist) erzählt werden.

Die handgemalten Bilder sehen immer wie hingetupfte Skizzen aus. Die durchgehend freundliche Erzählhaltung, gewürzt mit einem subtilen Humor, der das Absurde, Skurrile und Fantastische als gegeben hinnimmt, erinnert auch an französische Comics.

Die rote Schildkröte“ ist ein wunderschöner poetischer Film, der einem, wie ein Gedicht, eine Interpretation aufzwingt, aber zum Nachdenken anregt.

Die rote Schildkröte (La tortue rouge, Frankreich/Japan 2016)

Regie: Michael Dudok de Wit

Drehbuch: Michael Dudok de Wit (auch Adaption), Pascale Ferran (Adaption) (nach einer Geschichte von Michael Dudok de Wit)

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die rote Schildkröte“

Metacritic über „Die rote Schildkröte“

Rotten Tomatoes über „Die rote Schildkröte“

Wikipedia über „Die rote Schildkröte“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mt Michael Dudok de Wit über „Die rote Schildkröte“ und den Rest

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