Verfilmte Bücher: „Schweigen“ ist „Silence“

Martin Scorseses Anfang März in unseren Kinos gestartete Verfilmung „Silence“ von Shusaku Endos Roman „Schweigen“ ist eine gute Gelegenheit, diesen in Japan 1966 und 1977 erstmals auf Deutsch erschienen Roman zu lesen. Vor zwei Jahren überarbeitete die damalige Übersetzerin Ruth Linhart für eine Neuveröffentlichung ihre alte Übersetzung. Der Septime Verlag ergänzte den Roman um ein Vorwort von Martin Scorsese und ein Nachwort von William Johnson, dem Übersetzer der englischen Ausgabe. In seinem Nachwort geht Johnson auch auf die historischen Hintergründe und die japanische Kultur ein.

Endo (1923 – 1996) erzählt in „Schweigen“ die Geschichte von Pater Sebastiao Rodrigues. Der Jesuit reist 1638 mit seinem Glaubensbruder Francisco Garpe nach Japan. Sie wollen die Gerüchte, die sie nicht glauben, überprüfen, nach denen der hochgeschätzte Pater Ferreira von seinem Glauben abgeschworen und zum Buddhismus konvertierte. Zu dieser Zeit wurden in Japan Christen verfolgt und das Land schottete sich immer mehr ab.

Als Rodrigues verhaftet wird, steht er vor der Frage, wie stark sein Glaube ist – und ob ihm sein Glaube den richtigen Weg weist.

Dieser Gewissenskonflikt steht im Mittelpunkt des Romans und der Verfilmung, die der Geschichte, teilweise bis in die Dialoge, ziemlich genau folgt. Allerdings verengt Scorseses Film das moralische Dilemma schon in den ersten Minuten mit Bildern von Folterungen, die Ferreira ansehen muss, auf die Frage, wie viele Gläubige der Geistliche leiden und sterben lässt, bis er dem Glauben öffentlich abschwört und so das Leid der Gläubigen beendet. Von dieser bildgewaltigen Verengung und der inzwischen für uns (also normal gläubige Christen) offensichtlichen Antwort, in dieser Situation von dem Glauben abzuschwören (und ihn privat vor den Augen Gottes weiterzupraktizieren) erholt sich der Film nie. Letztendlich hat Scorsese in diesem Moment schon die Frage seiner Geschichte beantwortet.

Im Roman ist Rodrigues auch mit dieser Frage konfrontiert. Denn der japanische Beamte Inoue stellt alle Pfarrer, die er verhört, vor diese Wahl.

Aber der Roman ist vielfältiger. Er verortet die Geschichte erkennbar an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und spricht dabei auch die politischen und ökonomischen Hintergründe an. Der Konflikt zwischen der japanischen und der europäischen Kultur, dem Christentum und dem Buddhismus und die damit zusammenhängende individuelle Glaubenskrise von Rodrigues werden, auch wenn man über den Buddhismus wenig bis nichts erfährt, facettenreicher behandelt.

So fragt Rodrigues sich, ob sie den Japanern die Botschaft des Christentums bringen sollen. Er sieht die gläubigen Bauern, die für ihren Glauben getötet werden. Er fragt sich, warum Gott dem schweigend zusieht. Für Rodrigues ist das Schweigen Gottes ein großes Problem. Das Schweigen bedeutet auch, dass Gott ihm keine Antwort auf seine Fragen und keine Handlungsanweisung gibt.

Dieser Ruf nach einer Antwort Gottes und Rodrigues‘ Verzweiflung über das Schweigen Gottes sind natürlich auch ein Hinweis auf seine Art des Glaubens und auch die Schwäche seines Glaubens.

Am Ende steht Rodrigues, der sich und seinen Leidensweg immer wieder mit der Geschichte von Jesus Christus vergleicht, vor der Frage – und das ist eine Umformulierung der von Inoue gestellten Frage – ob er sich, wie Jesus, für die Gläubigen opfern oder ob er seinen Glauben über ihr Leid stellt. Jesus starb, wie bekannt, am Kreuz. Rodrigues würde, indem er seinem Glauben öffentlich abschwört und zum Buddhismus konvertiert, in die Fußstapfen von Jesus treten. So erklärt es jedenfalls Ferreira, der auch betont, dass Japan ein Sumpf sei, der unempfänglich für das Christentum sei.

Dieser Glaubenskonflikt spielt sich oft im Kopf von Padre Rodrigues ab. In einem Roman ist das kein Problem. Ein Roman kann über Seiten nur die Gedanken eines Menschen wiedergeben, ohne dass es langweilig wird. Gleichzeitig kann man die moralischen, philosophischen und religiösen Fragen und Thesen immer wieder nachlesen und in Ruhe über sie nachdenken.

Im Film muss in diesen Momenten mit einem Voice-Over gearbeitet werden. Das Stilmittel kann gut funktionieren. Scorsese hat es in seinen früheren Filmen oft und gekonnt eingesetzt. Es ist allerdings auch ein allgemein ungeliebtes, weil unfilmisches Stilmittel. Eine andere Möglichkeit ist es, dem Protagonisten einen Freund zur Seite zu stellen, mit dem er über seine Probleme und Gewissenskonflikte offen reden kann. Dafür hätte Scorsese sich allerdings von dem Text des Romans lösen müssen.

Ein weiterer Vorteil des Romans ist, dass die Momente, in denen Rodrigues sich mit Jesus vergleicht und er die Gemeinsamkeiten von seinem Leidensweg und dem von Jesus betont, niemals den Kitsch- und Fremdschämfaktor des Films haben. Wenn Rodrigues im Film im Wasser sein Spiegelbild ansieht, das zu dem Gesicht von Jesus wird, ist das unerträglicher Jesuskitsch. Im Roman ist es ein Satz, der die tiefe Verbundenheit von Rodrigues mit Jesus betont; – falls er nicht schon im Hungerdelirium ist.

Schweigen“ ist ein lesenswerter, zum Nachdenken anregender Roman. Im Gegensatz zur Verfilmung.

Shusaku Endo: Schweigen

(überarbeitete Neuübersetzung, aus dem Japanischen von Ruth Linhart, mit einem Vorwort von Martin Scorsese und einem Nachwort von William Johnson)

Septime Verlag, 2015

312 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Chinmoku

Verlag Shinchosha, Tokio, 1966

Die aktuelle Verfilmung

Silence (Silence, USA 2016)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

LV: Shusaku Endo: Chinmoku, 1966 (Schweigen)

mit Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yosuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin’ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryo Kase

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die erste Verfilmung

Chinmoku (Japan 1971)

Regisseur: Masahiro Shinoda

Drehbuch: Shûsaku Endô, Masahiro Shinoda

mit David Lampson, Don Kenny, Tetsurô Tanba, Mako Iwamatsu

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence“

Metacritic über „Silence“

Rotten Tomatoes über „Silence“

Wikipedia über „Silence“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Perlentaucher über Suhusaku Endos „Schweigen“

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