Neu im Kino/Filmkritik: „Bleed for this“ – Grandioses Biopic über das Comeback eines Boxers

Vinny Pazienza ist nicht Rocky Balboa. Aber im Gegensatz zu „The Italian Stallion“ gibt es „The Pazmanian Devil“ wirklich und sein Kampfgeist ist mindestens genauso groß wie der von Rocky. Von 1983, dem Beginn seiner Profikarriere, bis 2004 boxte der 1962 geborene Vinny Pazienza, seit 2001 nur noch Paz, professionell. Unterbrochen von einem Unfall, der im Mittelpunkt von Ben Youngers Boxerdrama „Bleed for this“ steht.

Nachdem Pazienza am 1. Oktober 1991 den Titelverteidiger Gilbert Delé besiegt, ist er WBA-Weltmeister im Halbmittelgewicht. Wenige Tage später verunglückt er bei einem Autounfall schwer. Sein Genick ist gebrochen. Sein Arzt sagt ihm, er habe Glück, wenn er jemals wieder gehen könne. Seine Familie und sein Trainer versuchen ihn zu überzeugen, dass er mit dem Boxen aufhören müsse.

Aber Pazienza denkt nicht daran. Für ihn ist, was uns ernsthaft an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln lässt, Boxen sein einziger Lebensinhalt und er will wieder in den Ring steigen. Je schneller, desto besser.

Deshalb stimmt er einer gefährlichen Behandlung zu und muss mehrere Monate einen ‚Halo‘- Apparat tragen. Das ist eine Orthese, die seinen Kopf in einer genau fixierten Position festhält, indem Schrauben in den Schädel des Patienten gebohrt werden. Das klingt übel und das Anbringen und Entfernen der riesigen Schrauben sind, weil man sich nur zu gut vorstellen kann, wie schmerzhaft und unangenehm das ist, für uns Zuschauer schlimmere Momente als die Schläge, die Pazienza im Ring einstecken muss. Mit dem ‚Halo‘- Apparat soll er sich nicht anstrengen, weil jede Anstrengung die Chancen auf Heilung ruinieren könnte. Pazienza beginnt trotzdem für seinen nächsten Kampf zu trainieren.

Dreizehn Monate nach dem Unfall, am 15. Dezember 1992, steht er wieder im Ring. Er kämpft gegen den WBC-Champion Luis Santana.

In der Geschichte des Boxsports zählt dieser Kampf zu den größten Comebacks der Boxgeschichte.

Selbstverständlich ist das eine Geschichte, die für Hollywood wie gemacht ist. Auch wenn es einige Jahre dauerte, bis sie verfilmt wurde. Von Ostküstenproduzenten, wie dem in Rhode Island lebendem Produzenten Chad A. Verdi, der die treibende Kraft hinter dem Film war, und Martin Scorsese, der als einer der Executive Producer fungiert, weil ihm das Drehbuch gefiel. Mit „Raging Bull“ hat er bereits 1980 seinen Boxerfilm gedreht.

Ben Youngers „Bleed for this“ reiht sich dabei, mit einem sympathischen Underdog-Gestus, nahtlos in die Reihe der großen Boxfilme ein. Auch wenn Pazienzas wahre Geschichte sich in ihren Grundzügen von Kampf, Verlust, Training für den aussichtslos erscheinenden Kampf und siegreichem Kampf nicht von all den anderen Boxerdramen unterscheidet, die wir in den vergangenen Jahrzehnten sehen konnten.

Aber das Drehbuch ist gut. Die Inszenierung ebenso. Und mit Miles Teller als Vinny Pazienza (wahrscheinlich muss jeder Schauspieler sich mindestens einmal im Ring verprügeln lassen), Aaron Eckhart als seinen Trainer Kevin Rooney, Ciarán Hinds als seinem Vater, Katey Sagal als seine Mutter, Amanda Clayton als seine Schwester, Daniel Sault als ihr Verlobter, Ted Levine als sein Box-Promoter Lou Duva und Jordan Gelber als Duvas Sohn Dan, der sein Geschäftspartner ist, ist er glänzend besetzt. Die Duvas sind dabei Box-Promoter vom alten Schlag, als das Boxgeschäft deutlich unglamouröser als heute, aber finanziell durchaus einträglich und die Mafia nur einen Tippelschritt entfernt war. Falls überhaupt.

Am deutlichsten wird die Veränderung des Boxgeschäfts in den vergangenen Jahren bei den Trainingshallen. Es sind keine aseptischen Fitness-Studios für alle Altersklassen und Geschlechter. In „Bleed for this“ wird in großen, schlecht gelüfteten Räume in alten Backsteingebäuden in denen die Innendekoration aus Männerschweiß besteht, trainiert. Oder im Keller des Elternhauses, der in erster Linie eine Rumpelkammer ist.

Gedreht wurde vor Ort in Cranston, Rhode Island, an Locations, an denen anscheinend die Zeit stehen geblieben ist. Die Wohnungen, eher klein als groß, haben alle ein verwohntes Aussehen. Entweder, weil, wie bei den Pazienzas, die ganze Familie unter einem Dach lebt, oder weil, wie bei den Duvas, das Haus und die Inneneinrichtung aus den Siebzigern stammen und seitdem nicht mehr groß erneuert wurden. Auch die Kleider und die Autos erinnern an eine andere Zeit.

Als Boxerdrama gibt es in „Bleed for this“ selbstverständlich auch mehrere Kampfszenen im Ring und sie sind, angesichts der Tradition der Boxerfilme, in denen die Kamera sich immer mehr in den Ring und in den Kampf begibt, der schwächste Teil des Films. Nicht weil Miles Teller sich nicht in das Training und in den Ring warf (er trainierte acht Monate für die Kampfszenen, verlor Gewicht und Körperfett), sondern weil sie aus der Beobachterperspektive außerhalb des Rings gefilmt sind.

Bleed for this (Bleed for this, USA 2016)

Regie: Ben Younger

Drehbuch: Ben Younger (nach einer Story von Ben Younger, Pippa Bianco und Angelo Pizzo)

mit Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal, Ciarán Hinds, Ted Levine, Jordan Gelber, Amanda Clayton, Daniel Sault, Jordan Gelber, Roy Souza

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Facebook-Hashtag zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bleed for this“

Metacritic über „Bleed for this“

Rotten Tomatoes über „Bleed for this“

Wikipedia über „Bleed for this“

History vs. Hollywood über „Bleed for this“ (Wie viele Schläge muss die Wahrheit zugunsten einer Hollywood-Geschichte einstecken?)

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