Zur Neuauflage von Robert A. Heinleins „Die Invasion“ der Schleimwesen

Seien wir ehrlich: Der Science-Fiction-Roman „Die Invasion“ von Robert A. Heinlein ist ein klassischer Pulp-Roman, der aus der heutigen Perspektive eher interessant als wirklich gelungen ist. Im Original erschien „Die Invasion“ 1951, mitten in den ersten Jahren des Kalten Krieges und lange vor der Eroberung des Weltraums.

In dem Roman erlebt die Erde eine Invasion von quallenartigen außerirdischen Wesen, die sich auf dem Rücken von Menschen festsetzen und sie zu willenlosen Werkzeugen der Außerirdischen machen. Sam Cavanaugh, eine James-Bond-Kopie (auch wenn James Bond seinen ersten Auftritt 1953 hatte), die gutaussehende, taffe Agentin Mary, die er später heiratet, und ihr Vorgesetzter, der väterliche Chef einer ultrageheimen, offiziell nicht existierenden Behörde, beginnen den Kampf gegen die Invasoren.

Die Geschichte bewegt sich flott voran und ich hatte den Eindruck, dass Robert A. Heinlein sie erfand, während er sie schrieb und er immer wieder neue Wendungen einbaute, um auf die nötige Länge zu kommen. Wobei, das muss der Ehrlichkeit halber erwähnt werden, er am Ende so viel geschrieben hatte, dass der Roman wieder gekürzt werden musste. Unter anderem um einige Stellen die damals – wir reden von 1951! – viel zu gewagt waren. So begegnen wir Cavanaugh erstmals, als er mit einer ihm fremden Frau im Bett liegt. Er will ihren Namen nicht wissen. Er will sowieso nichts über sie wissen und er ist dankbar, dass er ihr nichts schuldet.

Auch die Methoden, die Cavanaugh und seine Verbündete gegen die Invasoren anwenden, beflügeln mühelos die Fantasie von Teenagern und „Men’s Adventure“-Lesern. Außerdem machten und machen sie eine wirklich werkgetreue Verfilmung unmöglich. Weil die schleimigen Invasoren sich auf dem Rücken der Menschen festsetzen, müssen alle Menschen oben herum nackt herumlaufen. Frauen, das gesteht Heinlein ihnen zu, dürfen einen BH tragen. Als die Parasiten sich weiterentwickeln und sie sich nur noch irgendwo am menschlichen Körper festsetzen müssen, werden alle Menschen aufgefordert, vollkommen nackt herumzulaufen.

Die von Heinlein entworfene Zukunftswelt ist, aus heutiger Sicht, reinste Retro-SF, die mehr über die frühen Fünfziger als über die Zukunft verrät. Nach einem dritten Weltkrieg, der anscheinend nicht mehr Schäden als die beiden vorherigen Weltkriege hinterließ, ist die Welt immer noch in den Kalten Krieg bestimmenden zwei Blöcke geteilt. Es gibt Mobil- und Ohrtelefone, fliegende Autos, Kolonien im Weltraum und Holofernsehen, das allerdings nur von Horizont zu Horizont übertragen und weitergeleitet werden kann.

Und in der einsam gelegenen Waldhütte von Cavanaugh gibt es eine hypermoderne Küche, aber, wie er extra und entschuldigend betont, keine Badewanne, weil seine Hütte eine einfache Hütte sei, in die er keine Frauen mitnehme. Immerhin hat sie eine Dusche, die groß genug für zwei Personen und erotische Nahkämpfe ist.

Sowieso sind die Geschlechterverhältnisse rührend altmodisch. Die Hochzeit von Cavanaugh und Mary und das Gespräch mit dem Standesbeamten ist dann als Vertragsverhandlung reinste Comedy.

Eben dieses ständige Abgleichen zwischen damaliger Gegenwart, technologischen Utopien, gesellschaftlichen Konventionen und Vorstellungen und der heutigen Gegenwart, in der einiges sich bewahrheitet hat, einiges obsolet ist und vieles sich als Unfug herausgestellt hat, macht aus dem Retro-SV-Invasionsroman eine immer wieder interessante und auch erheiternde Lektüre, während der Plot, bei all seinen überraschenden Drehungen und Wendungen, die oft kaum bis überhaupt nicht vorbereitet sind, doch eher konventionell ist und die Invasoren nicht mehr Persönlichkeit als eine Küchenschabe haben. Da merkt man, dass Heinlein seine Leser einfach nur einige Stunden in fremde Welten entführen wollte. Dass „Die Invasion“ so etwas wie die Blaupause für zahlreiche Invasionsgeschichten werden sollte, konnte er damals nicht ahnen.

P. S.: Leider verzichtete der Heyne-Verlag auf ein Nachwort, das die Unterschiede zwischen den verschiedenen Versionen und die Bedeutung des Romans erklärt. Immerhin bewirbt Heyne „Die Invasion“ auf dem Cover mit den Worten „Robert A. Heinleins legendäres Science-Fiction Meisterwerk“ und „Einer der prägendsten Science-Fiction-Romane aller Zeiten“.

Robert A. Heinlein: Die Invasion

(vollständige Neuausgabe; übersetzt von Margaret Auer, überarbeitet und ergänzt von Elisabeth Bösl)

Heyne, 2017

416 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Puppet Masters

World Editions, Inc., 1951

Ungekürzte Neuausgabe 1990

Frühere deutsche Übersetzungen

Weltraum-Mollusken erobern die Erde (Gebrüder Weiß, 1958)

Weltraum-Mollusken erobern die Erde (Heyne, 1965)

Die Marionettenspieler (Bastei-Lübbe, 1994)

Verfilmung

Puppet Masters (The Puppet Masters, USA 1994)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rosso, David S. Goyer

mit Donald Sutherland, Eric Thal, Julie Warner, Keith David, Will Patton, Richard Belzer, Yaphet Kotto

Hinweise

The Heinlein Society

Phantastik-Couch über Robert A. Heinlein

Wikipedia über Robert A. Heinlein (deutsch, englisch)

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