Neu im Kino/Filmkritik: „Innen Leben“, außen Krieg

Ein normaler Tag im Leben einer in einer Großstadt in einem Mietshaus lebenden Familie. Was soll daran besonderes sein?

Nun, das Apartment ist in Syrien in Damaskus, mitten im Kriegsgebiet. Um Scharfschützen kein Ziel zu bieten, sind die Vorhänge zugezogen. Die Wohnungstür ist, um sich vor Plünderern zu schützen, verbarrikadiert.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist ein Kampf ums Überleben. Auch wenn Oum Yazan mit einem mütterlich strengem Regiment die Ordnung aufrecht erhält und dafür sorgt, dass die Abläufe zwischen Aufstehen, regelmäßigen Mahlzeiten und Zähne putzen so normal wie möglich sind. Auch wenn sie einige ungeplante Dauergäste, wie ihren Schwiegervater, der die meiste Zeit passiv schweigend am Tisch sitzt, ihre Nachbarin Halima, eine junge Mutter, und Halimas Freund Samir beherbergt.

Oum und ihre Mitbewohner haben sich so gut es geht, mit der Situation ihres selbst auferlegten Hausarrests arrangiert. Sie geben nicht auf. Auch wenn sie nicht wissen, was passiert und, immerhin kennen wir aus den Nachrichten die Lage in Syrien, es keinen Hoffnungsschimmer auf eine kurzfristige Lösung gibt.

Aber heute ist kein normaler Tag. Denn Samir wird auf dem Weg zu seinem Fluchthelfer im Hinterhof von einem Scharfschützen niedergestreckt. Oums Hausmädchen Delhani hat die Tat beobachtet. Sie erzählt Oum von ihrer Beobachtung. Oum will Halima erst zu einem geeigneten Zeitpunkt davon erzählen. Nur: wann sagt man einer Mutter, dass sie eine Witwe ist?

Und schaffen sie es, den Plünderern, die an die Tür klopfen, den Zutritt zu verwehren?

Innen Leben“ hatte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale und erhielt den Panorama Publikumspreis. Philippe Van Leeuw erzählt in seinem zweiten Spielfilm ganz konkret von einer bestimmten Situation an einem bestimmten Ort. Dabei interessieren ihn nicht die Motive der verschiedenen Kriegsparteien, sondern die Auswirkungen des Krieges und der Gewalt auf eine normale, bürgerlich-gebildete Familie, die einfach nur, möglichst unbehelligt von den Wirren des Krieges, überleben möchte. Er beobachtet mit dem geduldigen Blick des langjährigen Dokumentarfilmers die in der Wohnung lebenden Menschen und ihre Handlungen, ohne über sie zu urteilen. Das müssen wir Zuschauer machen.

Und, weil man keine große Fantasie benötigt, um „Innen Leben“ als Metapher zu verstehen, erzählt an Leeuw sehr universell vom Leben.

Die Inspiration für seinen Film war ein Gespräch im Dezember 2012 mit einer Freundin aus Damaskus, die ihm erzählte, dass ihr Vater ohne Telefon oder eine andere Kommunikationsmöglichkeit drei Wochen in seiner Wohnung in Aleppo eingesperrt war. Aus diesem Bild von einem in seiner Wohnung eingesperrten Mann wurde eine Familie, die mit einigen Bekannte in einer Wohnung eingesperrt ist, während in der Stadt Krieg herrscht.

Aufgrund mehrere Arbeitsaufenthalte Van Leeuws im Libanon und Gesprächen mit befreundeten syrischen Filmemachern konnte der Belgier die Geschichte an die Situation in Syrien anpassen. Er besetzte alle Rollen, bis auf „Die syrische Braut“ Hiam Abbas (Oum Yazan), Diamand Bou Abboud (Halima) und Juliette Navis (Delhani), mit syrischen Flüchtlingen, die natürlich Teile ihrer Biographie in die Filmgeschichte einbrachten.

Das Aufbegehren des syrischen Volkes begann vor sechs Jahren und der Krieg wütet seit über fünf Jahren. Und der Rest der Welt hat nichts getan, um ihn zu stoppen. Die Syrer, die gerade in Europa Zuflucht suchen, hatten keine andere Wahl, als ihre Häuser und ihr Land zu verlassen. Sie alle entflohen einem Leben, zu dem uns die Bilder fehlen. Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist.“ (Philippe Van Leeuw)

Innen Leben (InSyriated, Belgien/Frankreich/Libanon 2017)

Regie: Philippe Van Leeuw

Drehbuch: Philippe Van Leeuw

mit Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis, Mohsen Abbas, Moustapha Al Kar, Alissar Kaghadou, Ninar Halabi, Mohammad Jihad Sleik, Elias Khatter

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Innen Leben“

Rotten Tomatoes über „Innen Leben“

Wikipedia über „Innen Leben“ (deutsch, englisch, französisch)

Berlinale über „Innen Leben“

Berlinale-Nighttalk unterhält sich mit dem Regisseur und den Schauspielern über den Film

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