Neu im Kino/Filmkritik: Was ist „Die göttliche Ordnung“? Und sollte sie bestehen bleiben?

1971: Die Jugend probiert den Aufstand. Freie Liebe. Hippies. Woodstock. Janis Joplin. Jim Morrison. Jimi Hendrix. Grenzen werden niedergerissen. Traditionen und Konventionen missachtet. Schwule gehen auf die Straße. Schwarze träumen von der Revolution. Frauen zeigen ihre Brüste. Auch in Europa ist etwas von dem revolutionären Zeitgeist zu spüren. In Deutschland bombt die RAF sich durch die Bundesrepublik.

Und in der Schweiz gibt es eine eidgenössische Abstimmung zum Frauenwahlrecht.

An dieser Volksabstimmung sind selbstverständlich nur Männer stimmberechtigt. Trotzdem gab es eine Mehrheit für das Frauenstimmrecht. Auf kantonaler Ebene wurde es Frauen dagegen teilweise noch lange verwehrt. Als letzter Kanton führt 1990 Appenzell Innerrhoden, gezwungen durch einen Entscheid des Bundesgerichts, das Stimmrecht für Frauen auf kantonaler Ebene ein.

Im Appenzell, das optisch eine richtige Postkarten-Schweiz ist, drehte Petra Volpe ihren neuesten Film „Die göttliche Ordnung“, in dem sie vom Kampf um die Abstimmung für das Frauenwahlrecht 1971 erzählt. In dem im Film nicht genannten Ort ist damals die Welt noch in Ordnung. Die Straßen sind sauber. Die Männer arbeiten. Die Frauen machen den Haushalt und kümmern sich um die Kinder. Sonntags wird in die Kirche gegangen und der Pfarrer predigt über die göttliche Ordnung. Das Frauenwahlrecht und die Ideen von Gleichberechtigung sind Verstöße dagegen. Einige Frauen, wie Dr. Charlotte Wipf, Firmenchefin und Vorsteherin des „Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau“, sind gegen ein Frauenwahlrecht.

Nora Ruckstuhl macht sich darüber keine Gedanken. Aber dass sie ihren Mann Hans darum bitten muss, wieder in ihrem Ausbildungsberuf arbeiten zu dürfen, empfindet sie als ungerecht.

Als Hans für einige Tage zu einer Militärübung muss, kann sie sich ungestört politisieren. Sie nimmt immer mehr Ungerechtigkeiten des unumstritten herrschenden Patriarchats wahr. Der Mann ihrer Schwägerin kann seine Tochter wegsperren lassen, weil sie ihm zu aufständig ist. Die ehemalige Bären-Wirtin Vroni ist von ihrer Tochter finanziell abhängig, weil ihr Mann das gesamte Geld verschleuderte. Der gesamte Haushalt und die Kindererziehung wird von den Frauen gemacht, aber das ist ja keine Arbeit, weil nur die Männer arbeiten; – das klingt jetzt vielleicht urig schweizerisch, aber auch in Deutschland wurde damals ähnlich gedacht.

Als Nora sich auf einer öffentlichen Veranstaltung für das Frauenwahlrecht ausspricht, wird sie, von anderen Frauen mehr gezwungen und gedrängt, als aus eigenem Antrieb, im Dorf zur Sprecherin für das Frauenwahlrecht. Die Bären-Wirtschaft, jetzt geführt von der alleinstehenden Italienerin Graziella, die aus dem Gasthof eine Pizzeria machen will, wird zum Zentrum des Widerstandes, in dem sich immer mehr Dorffrauen versammeln. Aber können sie in ihrem Kanton unter den Männern eine Mehrheit für das Frauenwahlrecht herstellen? Denn den Männern gefällt die bisherige gesellschaftliche Ordnung, die sie zur göttlichen Ordnung verklären, sehr gut.

Petra Volpe („Traumland“, Drehbücher für „Lovely Louise“ und „Heidi“) inszenierte einen liebevoll nostalgischen, im Zeitkolorit badenden und die Solidarität zwischen Frauen beschwörenden Blick zurück in eine andere Zeit, in der die Enge (in jeder Beziehung) auch immer etwas heimeliges hat. Dass die Männer Probleme mit ihrer Rolle als Familienoberhaupt haben und vom Haushalt keine Ahnung haben, verschweigt sie nicht. Aber weil Volpe niemanden verurteilen will und für alle Verständnis hat, ist ihr Film dann auch immer harmloser als nötig. „Die göttliche Ordnung“ ist keine Anklage gegen die männliche Vorherrschaft, sondern nostalgisch gefärbtes Feelgood-Kino.

Das liegt auch daran, dass heute niemand das Frauenwahlrecht abschaffen will.

Die Argumente, die im Film gegen das Frauenwahlrecht vorgebracht werden, – um endlich den Sprung in die Gegenwart (und auch nach Deutschland) zu schaffen -, werden heute, wie ein Blick auf die „Wir wählen“-Seite zeigt, gegen ein Ausländerwahlrecht vorgebracht.

Und natürlich ist der Kampf um Gleichberechtigung noch nicht vorbei. Aber dafür interessiert sich „Die göttliche Ordnung“ nicht.

In unseren Kinos läuft der Schweizer Kinohit in der schweizerdeutschen Originalversion und einer auf Hochdeutsch synchronisierten Version. Wer das Schweizerdeutsche versteht, sollte sich die authentischere Originalversion ansehen.

Die göttliche Ordnung (Schweiz, 2017)

Regie: Petra Volpe

Drehbuch: Petra Volpe

mit Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Bettina Stucky, Peter Freiburghaus, Therese Affolter, Ella Rumpf, Nicholas Ofczarek, Sofia Helin

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Schweizer Homepage zum Film

Moviepilot über „Die göttliche Ordnung“

Wikipedia über „Die göttliche Ordnung“

Hier, zum Vergleichen, der Originaltrailer

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