Rainer Wittkamp stimmt den „Hyänengesang“ an

In einem alten „Tatort“ aus den Siebzigern verabschiedet sich der Kommissar, kurz nachdem die Leiche entdeckt wird, aus dem Kriminalfall in seinen lange geplanten Urlaub. Sein Assistent muss den Fall ohne die Hilfe seines Vorgesetzten aufklären.

Heute undenkbar.

Denkbarer und normaler ist in neueren Krimis, dass der Kommissar seinen Urlaub verschiebt, um den Fall aufzuklären. Meist aus eigenem Antrieb, seltener weil sein Vorgesetzter ihn darum bittet. So geschieht es auch in Rainer Wittkamps neuem Kriminalroman „Hyänengesang“.

Kommissar Martin Nettelbecks Vorgesetzte, Kriminalrätin Koschke, befiehlt ihm, seinen seit langem mit seiner Patchwork-Familie geplanten Ghana-Urlaub um einige Tage zu verschieben. Im Hotel de Rome wurde in einer Suite eine Frauenleiche gefunden. Das Zimmer war von Saif Mohamed Zekri, einem Attaché der Botschaft von Oman, gemietet worden und in punkto Diplomatie kennt Nettelbeck sich aus.

Zur gleichen Zeit will der eher unintelligente, sein Comeback planende Schlagersänger Roman Weiden sich an Maximilian Hollweg rächen. Weiden hat finanzielle Probleme. Er hat in den letzten Jahre Schulden abgestottert, während Hollweg, der ihm zu den Investitionen riet, sich eine goldene Nase verdiente. Jetzt, so glaubt der Sänger, hat Hollweg ihn beim Finanzamt wegen verschwiegener Vermögenswerte angeschwärzt. Weiden will ihn jetzt endgültig umbringen. Dafür bastelt er, nach einer im Internet gefundenen Anleitung eine Bombe.

Hollweg sitzt seit einem von Weiden verursachtem Unfall im Rollstuhl. Aktuell wird er von Jens Todsen gepflegt. Der will sich seine Rastalocken erst abschneiden, wenn er ein sich selbst gegebenes Versprechen erfüllt hat.

Hollweg verhandelt gerade mit dem Botschafter von Oman über eine große Investition, die er bedenkenlos mit Schmiergeldzahlungen in die richtigen Bahnen lanciert.

Und wie Rainer Wittkamp in seinem neuesten Roman „Hyänengesang“ diese verschiedenen Handlungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, auf wenigen Seiten miteinander verknüpft, ist ein großer Spaß. Nach etwas über zweihundert Seiten ist der Fall gelöst und der Kommissar darf Berlin in Richtung Urlaub verlassen.

Wie in seinen vorherigen Romanen garniert Wittkamp die Geschichte mit vielen Anmerkungen zum Jazz. Denn Nettelbeck ist Jazzfan und spielt Posaune. Das schöne bei Wittkamps Jazz-Namedropping ist, dass er sich nicht auf die allseits bekannten, seit Jahrzehnten toten Jazzheroen beschränkt, sondern die gesamte Avantgarde und moderne Entwicklungen mitnimmt. Ray Anderson, Robin Eubanks und Nils Wogram werden erwähnt und wer sie nicht kennt, sollte sich unbedingt eine Aufnahme von ihnen anhören.

Eigentlich könnte Wittkamp, wie Ian Rankin, George Pelecanos und Michael Connelly, mal eine Playlist für seine Leser erstellen. Dann könnte man sich vorm Lesen den Soundtrack zum Buch zusammenstellen.

Rainer Wittkamp: Hyänengesang

grafit, 2017

224 Seiten

11 Euro

Hinweise

Homepage von Rainer Wittkamp

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Schneckenkönig“ (2013)

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Frettchenland“ (2015)

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Stumme Hechte“ (2016)

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