Neu im Kino/Filmkritik: Der Berlinale-Gewinner „Körper und Seele“

Für ihr Debüt „Mein 20. Jahrhundert“ erhielt sie die Goldene Kamera für den besten Nachwuchsfilm in Cannes. Das war 1989. Der letzte Kinofilm der 1955 in Budapest geborenen Ildikó Enyedi entstand 1999. Seitdem stehen in ihrer Filmographie nur zwei Kurzfilme und eine TV-Serie. Aber das war für HBO Europe das ungarische Remake von „In Treatment“.

Im Februar erhielt sie auf der Berlinale für ihren neuen Film „Körper und Seele“ den Goldenen Bären und den Fipresci-Preis des Internationalen Verbandes der Filmkritik, den Preis der Ökumenischen Jury und den Preis der Leserjury der „Berliner Morgenpost“ (eine der hiesigen Tageszeitungen).

Jetzt läuft ihre zarte, genau und geduldig beobachtete Liebesgeschichte mit einem Fantasy-Element bei uns an. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn zwei Menschen exakt den gleichen Traum träumen? In jeder Nacht und obwohl sie sich noch nicht kennen. Sie haben sich nur einmal in der Schlachterei gesehen und kurz miteinander gesprochen.

Endre ist der Finanzdirektor (bzw., laut Presseheft, Leiter) des Schlachthofs. Er ist ein zurückgezogen lebender, introvertierter, halbseitig gelähmter Mann.

Maria ist die neu eingestellte Qualitätskontrolleurin. Sie ist wie ein scheues Reh, was auch an ihrem Autismus liegt. Für Smalltalk und zwischenmenschliche Kontakte ist sie ziemlich ungeeignet. Für die Qualitätskontrolle ist sie sehr geeignet. Jedenfalls wenn man möchte, dass exakt nach den Vorgaben kontrolliert wird. Am ersten Tag sortiert sie das ganze Fleisch als minderwertig aus. Es hatte einige Millimeter zu viel Fett. Ihre Kollegen verstehen diese Übergenauigkeit nicht und bitten Endre, mit ihr darüber zu reden.

Abends spielt sie in ihrer Wohnung die tagsüber geführten Gespräche und was sie hätte antworten können, wortgenau nach. Denn sie erinnert sich an jedes Gespräch.

Als sie zufällig erfahren, dass sie in der letzten Nacht exakt den gleichen Traum hatten, fragen sie sich, ob das ein Zufall war und, als das in der nächsten Nacht noch einmal geschieht, was das zu bedeuten hat.

Wie diese beiden verwundeten Seelen sich langsam und mit wenigen Worten öffnen und zueinander finden, erzählt Enyedi in langen Sequenzen, in denen die Schauspieler sich nuancenreich entfalten können. Das gilt vor allem für die beiden Hauptdarsteller. Endre-Darsteller Géza Morcsányi sieht zwar aus, als hätte man ihn schon in unzähligen Filmen gesehen, aber es ist sein Schauspieldebüt. In Ungarn ist er bekannt. Er war von 1995 bis 2015 Leiter des wichtigen Verlags Magvetö und eine prägende Gestalt der ungarischen Literaturszene.

Maria-Darstellerin Alexandra Borbély spielte bereits in einigen Filmen mit. Allerdings wurde von ihnen bis jetzt (wenn ich richtig recherchierte) keiner in Deutschland gezeigt. In Ungarn ist sie vor allem als Theaterschauspielerin bekannt. Für Rollen, die gänzlich anders sind als ihre Filmrolle.

Inzwischen ist „Körper und Seele“ der von Ungarn vorgeschlagene Kandidat für den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Körper und Seele (Teströl és lélekröl, Ungarn 2017)

Regie: Ildikó Enyedi

Drehbuch: Ildikó Enyedi

mit Géza Morcsányi, Alexandra Borbély, Réka Tenki, Zoltán Schneider, Ervin Nagy, Tamás Jordán, Itala Békés

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Körper und Seele“

Metacritic über „Körper und Seele“

Rotten Tomatoes über „Körper und Seele“

Wikipedia über „Körper und Seele“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Körper und Seele“

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